Die nachhaltige Finanzwirtschaft stößt an ihre Grenzen

Die Gesellschaft müsse sich auf einen radikaleren Wandel vorbereiten, so zahlreiche Klimaforscher und Ökonomen. Die "Begrünung" des aktuellen Wirtschaftssystems sei nicht genug, um den Klimakollaps abzuwenden. [shutterstock]

Immer mehr Investoren sorgen sich um die Klimarisiken in ihren Portfolios und drängen auf nachhaltige Geschäftspraktiken. Der Kampf gegen den Klimawandel scheint auch in der Finanzwirtschaft angekommen zu sein. Doch Kritiker sagen, diese „Begrünung“ des Kapitalismus gehe nicht weit genug, um den Klimakollaps abzuwenden. Forderungen nach dem Ende des Wachstumsparadigmas werden lauter.

Die Entwicklung klimafreundlicher Technologien, mehr Forschung für die Energiewende – das wird häufig als die große Rettung vor der Klimakatastrophe präsentiert und kostet mitunter viel Geld. Investitionen in einschlägige Projekte könnten in Zukunft Gewinne abwerfen, so die Hoffnung von Anlegern.

Und auch im Fall von Unternehmen, die bislang wenig bis nichts mit Nachhaltigkeit am Hut hatten, setzt sich unter Investoren das Bewusstsein durch, dass Klimarisiken in der Beurteilung von Gewinnerwartungen mitgedacht werden müssen.

So wuchs über die letzten Jahre hinweg eine Szene in der Finanzwirtschaft heran, die sich damit auseinandersetzt, wie Klimarisiken zuverlässiger gemessen werden können und wie Kapitalströme in nachhaltige Projekte umgelenkt werden können.

Zunächst stimmt das optimistisch: Die Finanzwirtschaft verschreibt sich dem Kampf gegen Klimawandel. Doch Kritiker weisen darauf hin, dass das möglicherweise nicht genug sei, solange es weiter unter der Präsmisse geschehe, Geld zu machen und Wachstum zu generieren. Denn auch grünes Wachstum habe seine Grenzen.

„Sicher, wir können Autos und IPhones und Wolkenkratzer effizienter produzieren, aber wir können sie nicht aus dünner Luft herstellen“, schreibt etwa Jason Hickel in Foreign Policy. So sei das Vertrauen in revolutionäre Technologien irreführend, schreibt George Monbiot im Guardian: „Im Versuch den Klimakollaps zu vermeiden zählt nicht, was wir tun, sondern was wir aufhören zu tun. Es ist egal, wie viele Solaranlagen wir bauen, wenn wir nicht gleichzeitig Kohle- und Gasbrenner abschalten.“ Es sei Zeit für einen radikaleren Wandel.

Das gelte schon allein deshalb, weil größere Effizienz auch zu mehr Konsum führt, schreibt etwa Jaume Freire-Gonzáles in einer Studie zu Rebound-Effekten in der EU. Daraus ergebe sich, dass die europäische Energiepolitik neu überdacht werden müsse und ganz stark auf die Reduzierung von Energieverbrauch abzielen müsse, so der Wissenschaftler.

Umweltschützer fordern Revision des Klimapaketes

Vor zwei Tagen hat das Klimakabinett seinen lang erwarteten Entwurf für Deutschlands erstes Klimaschutzgesetz vorgelegt. Doch der vorgesehene CO2-Preis sei nichts weiter als ein Alibipreis, kritisieren Forscher. Umweltorganisationen fordern eine Revision des Paketes.

Weniger Konsum und Degrowth

Natürlich könne die Entwicklung im nachhalten Finanzsektor auch sehr positive Resultate haben, sagt Marula Tsagkari, die an der Universität Barcelona ihren PhD zu erneuerbaren Energien und Degrowth schreibt – einem Konzept, das eine Abkehr vom Wachstumsparadigma fordert. Sinnvoll seien nachhaltige Investitionen etwa, wenn Projekte unterstützt werden, die lokale Gemeinschaften fördern und Alternativen aufzeigen.

„Bei Degrowth geht es darum, Lebensqualität nicht nur im Konsum zu sehen, sondern vor allem auch im Zusammenleben“, so die Forscherin gegenüber EURACTIV. Und weiter: „Nach und nach versteht die Gesellschaft den Ernst der Lage. Aber wir sind noch nicht so weit, uns neu zu organisieren. Dazu brauchen wir wahrscheinlich ein einschneidendes Event, einen Kollaps – und der kommt ganz bestimmt, wenn wir unseren jetzigen Weg des Wachstums weitergehen.“

Aktuell wächst die Kluft zwischen den internationalen Klimazielen und den tatsächlichen Anstrengungen nur weiter, so das Ergebnis der UN-Studien United in Science, die im Vorfeld des gerade stattfindenden UN-Klimagipfels in New York veröffentlicht wurde.

So wachsen CO2-Emissionen aus der Verwendung von fossilen Brennstoffen weiter – im Jahr 2018 sogar um zwei Prozent, ein neuer Rekordwert. Und nach aktuellen Prognosen werden auch die globalen Emissionen bis 2030 weiter steigen – das Ziel, diesen Trend schon im Jahr 2020 umzukehren, dürfte damit weit verfehlt werden.

Kommission präsentiert Öko-Finanzmarktkonzepte

Am gestrigen Donnerstag stellte die EU-Kommission ihre Strategie vor, um das Finanzsystem auch an klimapolitischen Zielen zu orientieren.

EU-Aktionsplan für Mobilisierung von Finanzsektor für Klimaziele

Auf EU-Ebene ist der Anstieg niedriger: 2017 lag er bei 0,7 Prozent nachdem Treibhausgasemissionen 2016 um 0,4 Prozent zurückgingen. Unter den EU-Staaten ist Deutschland das Mitgliedsland, welches das meiste CO2 ausstößt – 21 Prozent der Emissionen in den EU-28 werden hier produziert. Kurz danach kommen Großbritannien und Frankreich – das liegt einerseits an der Größe der Länder und andererseits an ihrer Wirtschaftsstruktur.

Um als Finanzakteur stärker am Klimaschutz zu arbeiten, hat die EU-Kommission einen Aktionsplan verabschiedet, um Nachhaltigkeitserwägungen in die Finanzpolitik der EU in integrieren und Kapital für nachhaltiges Wachstum zu mobilisieren.

Aktuell wird etwa an der EU-Taxonomie gearbeitet, die eine Art ABC für grüne Investitionen darstellen wird und die klare Standards setzen soll, was denn eigentlich als nachhaltige Investition gelten darf und was nicht.

„Der Fokus der EU-Kommission liegt weiter stark auf Wachstum. Aber es kommt immer öfter vor, dass Vertreter der Degrowth-Bewegung zu Veranstaltungen nach Brüssel eingeladen werden“, sagt die Degrowth-Wissenschaftlerin Tsagkari. Sie habe das Gefühl, die europäischen Institutionen würden sich der Idee von Degrowth gegenüber langsam öffnen.

Werner Hoyer von der EIB: Projekte müssen unseren Klimaambitionen entsprechen

Werner Hoyer von der Europäischen Investitionsbank (EIB) erklärt, was mit dem Entwurf ihrer vorgeschlagenen neuen Darlehenspolitik für Energieprojekte verbunden ist.

Erster Entwurf für deutsche Sustainable Finance-Strategie am 16. Oktober

Im neuen Klimapaket der deutschen Bundesregierung wird die Entwicklung einer Sustainable-Finance-Strategie ebenfalls erwähnt, so Karsten Löffler von der Frankfurt School of Finance & Management. Er ist Vorsitzender eines Beirates, der kürzlich eingerichtet wurde, um unter anderem eine Empfehlung für die Sustainable Finance-Strategie der deutschen Bundesregierung auszuarbeiten. Das soll helfen, die international vereinbarten Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig für langfristig Stabilität der deutschen Wirtschaft zu sorgen.

Einen Bezugsrahmen für die deutsche Sustainable-Finance-Strategie liefert der Aktionsplan der EU-Kommission zum selben Thema. Im Unterschied zum europäischen Durchschnitt ist der deutsche Finanzplatz jedoch weniger vom Kapitalmarkt geprägt – stattdessen spielt die klassische Bankfinanzierung eine große Rolle. Das verlange nach einer eigenen Strategie, so Löffler. Im Beirat sind verschiedenen Finanzmarktteilnehmer, Wissenschaftler, die Zivilgesellschaft, sowie die Realwirtschaft vertreten.

Neben der Anpassung an die deutschen Eigenheiten werde es außerdem auch stark darum gehen, wie Klimachancen und -risiken besser verstanden werden können, sagt Löffler. Dazu müsse herausgefunden werden, wie sich Unternehmen auf mögliche Umbrüche der Weltwirtschaft einstellen. „Es braucht eine möglichst gute Datengrundlage, um materielle zukunftsgerichtete Informationen in Entscheidungskalküle von Investoren und Finanzierern einzubeziehen“, so Löffler.

Die ersten Thesen der Strategie werden am 16. Oktober beim Sustainable Finance-Gipfel vorgestellt.

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