Die Kohleindustrie wird sich von COVID-19 „nie wieder erholen“

"Trump digs coal" - möglicherweise tut er dies bald alleine, glauben Branchenexperten. [Matt Smith Photographer / Shutterstock]

Die globale Kohleindustrie wird sich von der COVID-19-Pandemie „nie wieder erholen“, erwarten Branchenbeobachter. Die Krise habe gezeigt, dass erneuerbare Energien für die VerbraucherInnen billiger und für Investoren sicherer sind. Ein Bericht von EURACTIVs Medienpartner The Guardian.

Die langfristige Verlagerung weg von schmutzigen fossilen Brennstoffen hat sich während der globalen Lockdowns beschleunigt: Kraftwerksschließungen wurden in mehreren Ländern vorgezogen. Es scheint, dass der Kohleverbrauch der Menschheit nach mehr als 200 Jahren nun tatsächlich seinen Höhepunkt erreicht haben könnte.

Das macht auch die Worst-Case-Klimawandelszenarien etwas unwahrscheinlicher, da diesen eine fortgesetzte Expansion der Kohlekraft für den Rest des Jahrhunderts zugrunde liegt.

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Schon vor der Pandemie stand die Branche durch verstärkten Klimaaktivismus, Desinvestitionskampagnen und billige Alternativen unter Druck. Die Lockdowns haben ihre Schwächen nun noch weiter offenbart; die Marktbewertungen der weltweit größten Kohlefirmen sind um Milliarden abgestürzt.

Als die Nachfrage nach Elektrizität insgesamt zurückging, haben viele Energieversorger zunächst die Kohlestromproduktion zurückgefahren, weil sie teurer ist als Gas-, Wind- oder Solarenergie. In der EU sind die Kohleimporte für thermische Kraftwerke in den vergangenen Monaten um fast zwei Drittel gesunken und haben damit einen seit 30 Jahren nicht mehr erreichten Tiefststand verzeichnet. Doch auch in anderen Teilen der Welt waren die Folgen zu spüren.

Einbruch in den USA?

Letzte Woche wurde in einem neuen Bericht der US Energy Information Administration prognostiziert, die USA würden in diesem Jahr zum ersten Mal mehr Strom aus erneuerbaren Energien als aus Kohle produzieren. Branchenexperten sagen voraus, dass der Anteil der Kohle an der US-Stromerzeugung in fünf Jahren auf nur noch zehn Prozent sinken könnte – gegenüber 50 Prozent vor einem Jahrzehnt.

Trotz des Wahlkampfversprechens von Donald Trump, „Kohle zu lieben“ [engl. „dig coal“, ein Wortspiel mit Bezug auf das „Graben“ nach sowie das „Lieben“ von Kohle], gibt es in der Branche heute die größten Arbeitsplatzverluste und Schließungen seit Dwight Eisenhowers Präsidentschaft vor 60 Jahren. Zu den jüngsten Entwicklungen gehört das Vorhaben von Great River Energy, ein 1,1-Gigawatt-Kraftwerk in North Dakota abzuschalten und durch Wind- und Gasenergie zu ersetzen.

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Nach Ansicht von Rob Jackson, der Vorsitzende des Global Carbon Project, wird die Pandemie bestätigen, dass Kohle nie wieder den globalen Höchststand von 2013 erreichen kann: „COVID-19 wird die Kohleemissionen in diesem Jahr so stark reduzieren, dass sich die Industrie nie wieder erholen wird, selbst bei einer anhaltenden Expansion in Indien und anderswo. Der Absturz der Erdgaspreise, rekord-billige Solar- und Windenergie sowie Klima- und Gesundheitsbedenken haben die Branche dauerhaft geschwächt.“

Schweden, UK, Portugal, Österreich, Indien…

Tatsächlich kommen die Einschläge immer schneller: Der vergangene Freitag war im Vereinigten Königreich der 35. Tag, an dem für das britische Stromnetz kein einziger Klumpen Kohle verbrannt wurde, die längste ununterbrochene Periode seit Beginn der industriellen Revolution vor mehr als 230 Jahren. In Portugal ist man schon seit fast zwei Monaten komplett kohlestromfrei, wie die Kampagnengruppe Europe Beyond Coal kürzlich berichtete.

Im April schloss Schweden sein letztes noch aktives Kohlekraftwerk in Hjorthagen bei Stockholm – zwei Jahre früher als geplant, weil es wegen des milden Winters schon vor der Pandemie nicht genutzt wurde. Österreich folgte mit der Schließung seines einzigen verbliebenen Kohlekraftwerks in Mellach. Auch die Niederlande kündigten an, sie würden die Kapazität ihrer Kraftwerke um 75 Prozent reduzieren, um einem Gerichtsbeschluss zur Verringerung der Klimarisiken nachzukommen.

Noch deutlich ausschlaggebender könnte sein, dass sogar die Regierung in Indien – dem aktuell zweitgrößten Kohleverbraucher der Welt – als Reaktion auf den durch COVID-19 und eine schwächelnde Wirtschaft verursachten Einbruch der Stromnachfrage inzwischen billigerer Solarenergie den Vorzug gegenüber Kohle gegeben hat. Dies hat dazu geführt, dass die Kohlenstoffemissionen zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten im Jahresvergleich gesunken sind, dass die Luftqualität außergewöhnlich gut ist und dass in der Öffentlichkeit der Ruf nach mehr erneuerbaren Energien immer lauter wird.

Schweden ist kohlefrei

Schweden ist das dritte EU-Land, das Kohle aus seiner Stromproduktion gestrichen hat. Das letzte Kohlekraftwerk wurde in der vergangenen Woche – zwei Jahre früher als geplant – endgültig geschlossen.

Noch vor einigen Jahren war erwartet worden, dass Indonesien, Vietnam und die Philippinen die größten Wachstumsregionen der Kohlebranche werden dürften, doch die Pandemie, sinkende Preise für erneuerbare Energien und zunehmende Kampagnen gegen große Kohleprojekte haben auch dort diverse Großprojekte auf Eis gelegt.

Die Partei des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in wurde indes für ihr Wahlversprechen wiedergewählt, die Verwendung heimischer Kohle auslaufen zu lassen; und viele in der Regierungskoalition drängen darauf, die Finanzierung von Auslandsprojekten ebenfalls zu beenden. In Japan haben die drei großen kommerziellen Kreditgeber und der Gouverneur der japanischen Bank für Internationale Kooperation kürzlich erklärt, dass sie Projektvorschläge zur Kohleproduktion nicht mehr annehmen werden.

Kein Geld

Auch andere Geldströme scheinen zu versiegen: Investoren und Banken reagieren auf wissenschaftliche Ratschläge sowie auf die Kampagnen von Aktivisten und den Schulstreikenden um Greta Thunberg.

„Die Wirtschaftlichkeit der Kohle stand bereits vor der Pandemie unter strukturellem Druck,“ so Mark Lewis, Leiter für Nachhaltigkeitsforschung im Investment-Management-Zweig der französischen Bank BNP Paribas. „Und auch nach der Pandemie wird dieser Druck weiter bestehen – aber jetzt durch die Auswirkungen der Pandemie noch verstärkt.“

Die BNP Paribas reiht sich ein in eine Liste der Finanzinstitutionen ein, die ihre Verbindungen in die Kohleindustrie auslaufen lassen. Die Bank kündigte vor knapp zwei Wochen an, man werde den geplanten Ausstieg aus der Kohlefinanzierung bis 2030 beschleunigen und das Portfolio früher mit den Pariser Klimazielen in Einklang bringen.

In derselben Woche löste sich der norwegische Staatsfonds – der größte der Welt – aufgrund von Klimaschutzbedenken von einer Reihe von Kohlebergbau- und Energieunternehmen, darunter Glencore, Anglo-American, Vale und AGL. Zuvor war schon angekündigt worden, die Finanzunternehmen BlackRock, Standard Chartered und JPMorgan Chase auf die „schwarze Liste“ zu setzen.

Französischer MEP: EZB und EIB müssen mehr für das Klima tun

Der sozialdemokratische MEP Pierre Larrouturou kritisiert die „dürftigen“ 7,5 Milliarden Euro, die die EU-Kommission für ihren „Fonds für einen gerechten Übergang“ vorsieht. Um eine effektive EU-Klimapolitik zu finanzieren, sollten vor allem der EU-Investitionsbank statt privaten Geldhäusern Mittel zugeschanzt werden.

Der fossile Brennstoff ist in den Augen vieler Investoren aufgrund der wachsenden Klimabedenken, billigerer erneuerbarer Energiealternativen und einer öffentlichen Gegenreaktion gegen die Luftverschmutzung in Ungnade gefallen.

„Die Vorteile von sauberer Luft für die öffentliche Gesundheit werden nach wochenlanger Abriegelung, die zu blauem Himmel und sauberer Luft in Asiens Mega-Metropolen geführt hat, im Mittelpunkt stehen,“ erwartet Lewis. „Dieser Druck aus dem Finanzsektor wird sich in Zukunft noch verstärken und die Kapitalkosten für Kohleprojekte noch weiter in die Höhe treiben.“

Schon vor der Pandemie hatten australische Kohleunternehmen erklärt, sie hätten aufgrund der internationalen Klimakampagnen Schwierigkeiten, Finanzierung für Bergwerke und Hafenanlagen zu sichern. Und dies ist nicht das einzige wirtschaftliche Problem: Ein Rückgang der Preise um fast 30 Prozent habe mehr als die Hälfte der Kohleproduktion unrentabel gemacht, was mehrere Firmen bereits dazu veranlasste, vor Grubenschließungen und Entlassungen in Australien zu warnen.

Was macht China?

Die große Unbekannte ist indes China, das die Hälfte der Weltkohle selbst verbrennt und darüber hinaus der größte Finanzier von Bergwerken und Kraftwerken in Asien und Afrika ist – größtenteils, um Exportmärkte für seine eigenen Fertigungs- und Ingenieursfirmen zu schaffen. Vor einigen Jahren ging der inländische Kohleverbrauch zurück, was die Hoffnung nährte, dass Präsident Xi Jinping sich für eine Abkehr von der Stromerzeugung mit hohen Emissionen einsetzen würde.

Nach dem Lockdown ist es nun aber politische Priorität, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Die Provinzregierungen arbeiten an einer Reihe neuer thermischer Kraftwerke. Bisher laufen die bestehenden Werke jedoch mit weniger als der Hälfte der Kapazität. Die Nachfrage nach Kohle ist bisher nicht wieder auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt.

Virus + Solarenergie = 39 Prozent weniger CO2

Aufgrund der Coronavirus-Krise gab es im vergangenen Monat einen Einbruch der Stromnachfrage in Europa um 14 Prozent. In Kombination mit einer Rekord-Solarenergieproduktion führte dies zu einem 39-prozentigen Rückgang der CO2-Emissionen.

Carlos Fernández Alvarez, leitender Analyst für Kohleenergie bei der Internationalen Energieagentur, kommentiert dazu: „COVID-19 hat deutlich gemacht, dass China und Indien mehr gebaut haben, als sie brauchen. Schon vor der Krise hatten sie Überkapazitäten. Jetzt, wo die Nachfrage zurückgegangen ist, wird klar, wie groß das Chaos ist.“

Alvarez geht ebenfalls davon aus, dass die Kohle am stärksten von der Pandemie betroffen sein wird, warnt aber davor, dass der aktuelle Rückgang nur vorübergehend sein könnte, wenn die Regierungen nicht in erneuerbare Energien investieren. „Wir müssen dies strukturell betrachten. Wenn es in Zukunft wieder einen hohen Energiebedarf gibt, wird es wahrscheinlich die Kohle sein, die die Flaute auffängt,“ sagt er.

Obwohl also nicht damit zu rechnen ist, dass die Kohle in absehbarer Zeit komplett verschwinden wird, glaubt Ted Nace, Direktor von Global Energy Monitor, dass sich das Gleichgewicht für immer verschoben hat: „Die Kohleenergie befindet sich definitiv im Abschwung, und diese Pandemie wird dies noch beschleunigen. Die Nachfrage dürfte nächstes Jahr zu einem gewissen Grad zurückkehren. Aber es gibt sehr gute Gründe zur Annahme, dass sie sich nicht komplett erholen wird.“

Dieser Artikel erschien im englischen Original bei EURACTIVs Medienpartner The Guardian.

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