Die EU braucht „realistischere“ Ziele für fortschrittliche Biokraftstoffe

Das EU-Parlament hat Melasse aus der von der Kommission vorgeschlagenen Liste der fortschrittlichen Biokraftstoffe gestrichen, dafür aber einige andere Rohstoffe hinzugefügt. [Shutterstock]

Die EU braucht ein realistischeres Ziel für fortschrittliche Biokraftstoffe im Verkehrssektor, fordern Umweltaktivisten und Industrievertreter. Sie wollen „angemessene Nachhaltigkeitskriterien“, um die „Fehler der Vergangenheit“ zu vermeiden.

„Das von der Europäischen Kommission vorgeschlagene und vom Europäischen Parlament unterstützte Ziel von 3,6 Prozent für fortschrittliche Biokraftstoffe ist zu hoch, um nachhaltig erreicht zu werden,“ sagte Laura Buffet, Expertin für Öl und Biokraftstoffe bei Transport and Environment (T&E), einer grünen Kampagnengruppe.

„Was wir brauchen, ist eine niedrigere, realistischere Zielvorgabe, eine modifizierte Liste förderfähiger fortschrittlicher Rohstoffe und ein maßgeschneidertes Nachhaltigkeitskonzept,“ forderte sie gegenüber EURACTIV.com.

„Beispielsweise sollten wir bei Wald- und Agrarrückständen genügend davon am Boden belassen, um negative Auswirkungen auf den Boden und die biologische Artenvielfalt zu vermeiden. Im Falle von Abfällen ist es entscheidend, die Abfallhierarchie einzuhalten,“ erklärte sie weiter.

Im Rahmen der Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II) hat die Europäische Kommission einen schrittweisen Ausstieg aus pflanzlichen Biokraftstoffen vorgeschlagen. Diese sollen durch „fortschrittlichere Biokraftstoffe“ ersetzt werden, die nicht mit Nahrungsmittelpflanzen konkurrieren.

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Die EU-Exekutive schlug außerdem vor, den Anteil konventioneller Biokraftstoffe im Verkehrssektor von maximal 7 Prozent im Jahr 2021 auf 3,8 Prozent im Jahr 2030 zu reduzieren. Ferner wurde eine Verpflichtung festgelegt, den Anteil anderer „emissionsarmer Kraftstoffe“ wie grüner Strom und fortschrittliche Biokraftstoffe auf 6,8 Prozent zu erhöhen.

Für diese fortschrittlichen Biokraftstoffe hat die Kommission außerdem ein verbindliches Ziel festgelegt: 0,5 Prozent des Gesamt-Energieverbrauchs von Straße und Schiene im Jahr 2021 und 3,6 Prozent Anteil im Jahr 2030.

NGOs behaupten allerdings, die EU-Exekutive setze zu sehr auf Quantität statt auf Qualität, da nicht alle Rohstoffe in den von der Kommission vorgelegten Listen für Biokraftstoffe tatsächlich Abfälle und Rückstände seien.

Sie behaupten auch, es habe keine objektive wissenschaftliche Analyse der Auswirkungen dieser Kraftstoffe auf die Treibhausgasemissionen gegeben – was Fragen nach der Gültigkeit der Liste aufwerfe.

Am 17. Januar schlug das Europäische Parlament ein 12 Prozent-Ziel für erneuerbare Energien im Verkehrssektor vor, das auch 10 Prozent für fortschrittliche Biokraftstoffe wie abfallbasierte Biokraftstoffe und recycelte Kohlenstoffkraftstoffe umfasst.

So hat das Parlament beispielsweise Melasse aus der von der Kommission vorgeschlagenen Liste gestrichen, dafür aber einige andere Rohstoffe hinzugefügt.

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T&E schlägt vor, die Erwartungen auf ein Ziel von 2,3 Prozent bis 2030 zu senken. Die gesetzten Ziele seien in einem nachhaltigkeitsbasierten Rahmen nicht realistisch.

Die Organisation will stattdessen der erneuerbaren Elektrizität mehr Raum geben und fordert gleichzeitig klare und angemessene Nachhaltigkeitskriterien – einschließlich Auswirkungen auf Biodiversität und auf die Böden – die für jeden fortschrittlichen Biokraftstoff maßgeschneidert zur Verfügung gestellt werden müssten.

Derweil beklagen sich die traditionellen Ethanolhersteller darüber, der Vorschlag der Kommission sei im Allgemeinen nicht wissenschaftlich fundiert. Außerdem würden die positiven Umweltauswirkungen von Ethanol im Vergleich zu fossilen Brennstoffen und Biodiesel nicht herausgestellt.

Ihrer Ansicht nach bietet Ethanol ein geringes Risiko im Sinne der indirekten Landnutzung und bringe mindestens 64 Prozent Treibhausgaseinsparungen im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen.

„In Anbetracht der Tatsache, dass das Ziel zu ehrgeizig ist und fortschrittliche Biokraftstoffe dies nicht erreichen werden, wird Öl seinen Marktanteil halten – und das Klima leiden,“ kommentierte Zoltán Szabó, ein Experte der Ethanolindustrie.

Nachhaltigkeit als Grundvoraussetzung

Laura Buffet von T&E erläuterte, fortschrittliche Biokraftstoffe aus Abfällen und Rückständen könnten dazu beitragen, den Verkehrssektor zu dekarbonisieren und die Verwendung von Nahrungsmitteln als Treibstoff zu vermeiden. Gleichzeitig seien klare Nachhaltigkeitsregeln notwendig, um zu vermeiden, dass die Fehler der ersten Biokraftstoff-Generation wiederholt werden.

„Nur weil etwas keine Nahrungspflanze ist, bedeutet das nicht, dass es ein nachhaltiger, erneuerbarer Brennstoff ist. Einige der Rohstoffe, die derzeit in der RED II als „fortschrittlicher Kraftstoff“ gelistet sind, führen aufgrund ihrer hohen indirekten Auswirkungen zu keinerlei Treibhausgas-Einsparung im Vergleich zu fossilen Brennstoffen.“

Der europäische Verband für erneuerbares Ethanol (ePURE) stimmt zu, dass Nachhaltigkeit eine Voraussetzung dafür sein muss, dass jede Form von erneuerbarer Energie zur Erreichung der Dekarbonisierungsziele beitragen kann.

„Nachhaltigkeitskriterien und Rückverfolgbarkeitsanforderungen, die denen von pflanzlichen Biokraftstoffen gleichwertig sind, sollten für alle Arten der Biomasse eingeführt werden, unabhängig von der Endverwendung oder dem Ausgangsmaterial. Dies würde ihre Umweltverträglichkeit sowie gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen den Energiequellen gewährleisten,“ erläuterte Craig Winneker von ePURE gegenüber EURACTIV.

„Die Umsetzung der Abfallhierarchie ist notwendig, um das nachhaltige Potenzial von Abfallrohstoffen zu mobilisieren. Es verhindert auch, dass Nahrungs-Rohstoffe zu den Zielen für erneuerbare Energien beitragen, die eigentlich für Abfälle reserviert sind. Außerdem wird so die Entstehung von Abfällen vermieden, die dem Ziel der Abfallvermeidung zuwiderlaufen würde,“ fügte er hinzu.

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EU-Quellen zufolge hat die Kommission bereits vorgeschlagen, die Nachhaltigkeitskriterien für Bioenergie zu verschärfen – einschließlich der Gewährleistung, dass Forstbiomasse weiterhin aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammt und die Kohlenstoffvorräte der Wälder erhalten bleiben.

Dieselben Quellen erklärten, Biokraftstoffe müssten 70 Prozent weniger Emissionen ausstoßen als fossile Energieträger. Die Mitgliedstaaten und die Kommission würden durch die Governance-Verordnung die Auswirkungen der Bioenergie auf die nachhaltige Entwicklung überwachen.

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