Die 1,5-Grad-Grenze könnte schon 2030 überschritten werden

Hoesung Lee, Vorsitzender des IPCC, warnte zur Veröffentlichung des neuen Berichtes dass sich das Klima sich schneller erwärmt als gedacht EPA-EFE/MARTIAL TREZZINI

Das Klima erwärmt sich schneller als gedacht, die bisherigen Maßnahmen reichen nicht. Aber dem kann auch entgegengetreten werden, zeigt der neue IPCC-Bericht. Das berichtet der Tagesspiegel, Medienpartner von EURACTIV.

„Der Planet ist in Lebensgefahr“ – so deutlich reagierte SPD-Umweltministerin Svenja Schulze auf den neuesten Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC, der am Montag (9. August) vorgestellt wurde.

Tatsächlich sind die Erkenntnisse sehr beunruhigend. Seit dem letzten Weltklimabericht von 2013 sind die Forscher ein großes Stück weitergekommen und ihr Fazit: Die drastischen Folgen der Erderwärmung werden immer klarer und der angestrebte Klimaschutz reicht nicht aus.

Sinken die globalen Treibhausgasemissionen nicht bald deutlich, dann wird sich die Welt bis zum Jahr 2030 bereits im Durchschnitt um 1,5 Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung erwärmt haben.

Im Pariser Klimaabkommen hat sich die Staatengemeinschaft eigentlich darauf verpflichtet, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, auf jeden Fall aber unter zwei Grad zu halten.

Das Pariser 1,5-Grad-Ziel würde aktuell nicht nur deutlich verfehlt. Petteri Taalas, Generalsekretär der Weltorganisation für Meteorologie sagte in Genf: „Wir sind noch immer nicht auf dem Weg die globale Erwärmung auf 1,5 bis zwei Grad bis Ende des Jahrhunderts zu begrenzen.“ Stattdessen sei die Weltgemeinschaft sogar auf dem Weg zu einer Erwärmung von bis zu drei Grad.

Dass diese Entwicklung menschengemacht ist, daran besteht jetzt kein Zweifel mehr. Hoesung Lee, Vorsitzender des Weltklimarats, betonte: „Der neue Klimabericht erweitert unser Verständnis über den Ursprung des Klimawandels und den menschlichen Beitrag zu Extremwetterereignissen. Erstens sagt er uns, dass menschliche Aktivitäten unbestreitbar den Klimawandel verursachen und Extremwetterereignisse häufiger und heftiger machen.“

Zweitens mache der Bericht deutlich, dass der Klimawandel jede Region auf der Erde beeinflusse. Abschließend sei klar: „Starke, anhaltende und rasche Reduktionen bei CO2-Emissionen und anderen Treibhausgasemissionen wären notwendig, um die globale Erwärmung zu begrenzen.“

Weltweit folgten auf die Vorstellung des Berichts Aufrufe, jetzt endlich zu handeln. „Die Alarmglocken sind ohrenbetäubend, und die Beweise sind unwiderlegbar“, sagte der UN-Generalsekretär Antonio Guterres.

„Die Lebensfähigkeit unserer Gesellschaft hängt davon ab, dass Führungskräfte in Politik, Unternehmen und der Zivilgesellschaft geeinigt hinter politischen Vorgaben, Maßnahmen und Investitionen stehen, die den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen,“ fügte er hinzu.

Die Lösungen lägen auf dem Tisch. „Der Bericht muss die Totenglocke für Kohle und andere fossile Brennstoffe sein, bevor sie unseren Planeten zerstören.“

Dass die Regierungen bisher zu wenig tun, kritisierte Greenpeace-Klimaexperte Christoph Thies. „Das Schockierende dieses Berichts ist, dass alles Alarmierende darin abzusehen war – und doch bewegen sich Regierungen und Konzerne beim Klimaschutz noch immer im Schneckentempo“, so Thies.

„Wir sind nicht zum Scheitern verurteilt“

Auch der britische Premier Boris Johnson, der auch Gastgeber der nächsten Weltklimakonferenz COP26 im November in Glasgow ist, rief zum Handeln auf: Er hoffe, dass „der aktuelle IPCC-Bericht ein Weckruf für die Welt sein wird, jetzt zu handeln, bevor wir uns im November in Glasgow zum entscheidenden COP26-Gipfel treffen werden“. Es sei klar, „dass die nächste Dekade entscheidend für die Sicherung der Zukunft unseres Planeten sein wird“.

Die Frage ist allerdings, wie stark Johnson diesen Worten auch Taten folgen lässt, blickt man auf Pläne der britischen Regierung im Bereich der fossilen Brennstoffe. London will unter anderem neue Öl- und Gasfelder in der Nordsee erschließen.

Die Internationale Energie-Agentur (IEA) hatte noch im Mai gewarnt, dass weltweit auf die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen bereits ab diesem Jahr verzichtet werden müsse, um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Im Blick auf die weitere Entwicklung des Klimas und der Klimakrise betonen die Berichtsautoren jedenfalls, dass im Kampf gegen die Erderwärmung jedes Zehntelgrad zählt. „Wir sind nicht zum Scheitern verurteilt“, sagte etwa die in Oxford forschende deutsche Klimaexpertin Friederike Otto.

Subscribe to our newsletters

Subscribe