Deutschlands erste Wasserstoffstrategie steht

In einigen Branchen wie der Luftfahrt reichen nationale Anstrengungen von Unternehmen nicht,, meint Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. [Alexandros Michailidis/ Shutterstock]

Erstmals ist Deutschlands Plan für eine Wasserstoffstrategie bekannt geworden. Der Entwurf sieht den Einsatz des CO2-freien Gases in Industrie und Verkehr vor und verspricht viele Millionen für die Forschung. Am Ende wird aber ein Großteil aus dem Ausland eingekauft werden.

Vergangenen Sommer hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angekündigt, Deutschland wolle „bei den Wasserstofftechnologien die Nummer Eins in der Welt werden“. Diese Woche hat der Minister nun seine Wasserstoffstrategie in die Ressortabstimmung gegeben. Das Dokument, das EURACTIV vorliegt, sieht die massive Förderung von Wasserstoff in einer ganzen Bandbreite von Sektoren vor. Besonders grüner Wasserstoff soll gefördert werden, damit bis 2030 mindestens 20 Prozent des nationalen Wasserstoffbedarfs aus erneuerbaren Energien produziert wird. Drei bis fünf Gigawatt an Elektrolyse-Kapazitäten sollen dazu errichtet werden.

Entgegen des Willens des Umweltministeriums setzt Altmaier auch auf den Einsatz von Wasserstoff im Verkehr. Noch in diesem Jahr soll deshalb die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU umgesetzt und sogar übertroffen werden: Bis 2030 soll der verpflichtende Anteil regenerativer Kraftstoffe, zu denen auch Wasserstoff gehört, auf 20 statt 14 Prozent angehoben werden. Parallel soll die nötige Tankstelleninfrastruktur mit 3,4 Milliarden Euro gefördert werden. Auch die Finanzierung der im vergangenen Jahr ausgewählten „Realllabore“, in denen die Produktion und Anwendung von Wasserstoff in industriellen Maßstab getestet werden soll, wird aufgestockt. 650 Millionen Euro sind zusätzlich zu den bereits 400 Millionen Euro über vier Jahre eingeplant.

Zur Erreichung der Klimaziele: EU will mehr Ökogas

Die Produktion von Biogas, Biomethan und „grünem“ Wasserstoff wird in den nächsten drei Jahrzehnten um mindestens 1.000 Prozent ansteigen müssen, um das Klimaneutralitätsziel der EU bis 2050 zu erreichen, teilte ein EU-Beamter mit.

Ein Bericht soll Möglichkeiten erarbeiten, inwiefern das extensive nationale Gasnetz an Wasserstoff angepasst werden muss. Deutschland verfügt zwar bereits über eine gute Gasinfrastruktur, doch die Rohre sind auf Erdgas ausgelegt. Ohne einen Umbau der Rohre kann Wasserstoff nur in begrenzten Anteilen beigegeben werden. Doch die Pläne zur Schaffung eines reinen Wassterstoffnetzes laufen bereits. „Wir arbeiten mit Hochdruck an konkreten technischen und netzplanerischen Lösungen, damit die Integration gelingen kann“, verkündete diese Woche Ralph Bahke, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber. Der Verbund hatte am Dienstag erstmal eine Vision für ein 5.900 km umfassendes Wasserstoffnetz vorgelegt, das zu 90 Prozent aus den heute schon existenten Leitungen bestehen soll.

Priorität der deutschen Ratspräsidentschaft

Da es sich beim Aufbau eines Wasserstoffmarktes um ein „europäisches Gemeinschaftsprojekt“ handele, werde dies eine der Prioritäten der anstehenden deutschen Ratspräsidentschaft sein, heißt es weiter in der Wasserstoffstrategie. Deutschland werde seinen Vorsitz nutzen, um Rahmenbedingungen für Sektorkopplung und die Entwicklung eines EU-Binnenmarktes für Wasserstoff voranzutreiben. Denkbar sei auch die Schaffung einer Liste von Förderprojekten von öffentlichem Interesse (IPCEI) speziell für Wasserstoff, wie sie jüngst auch zur Batterieforschung geschaffen wurde.

Die Kommission erarbeitet derzeit ein Gaspaket für die EU, das spätestens 2021 vorliegen soll. Wasserstoff soll darin eine Schlüsselrolle einnehmen. Auch die jüngst geleakten Industriestrategie von der Leyens (EURACTIV berichtete) ist die Rede von öffentlich-privaten Partnerschaften zur Förderung von Dekarbonisierungstechnologien zum Beispiel für den Stahlsektor – Wasserstoff soll dabei die Kohle ersetzen. Noch wird in der Industrie nur der sogenannte „blaue“, aus Erdgas gewonnene Wasserstoff eingesetzt. Denn die Herstellung von grünem Wasserstoff aus rein erneuerbarem Strom ist extrem energieintensiv und der Energieverlust mit bis zu drei Vierten sehr hoch.

Die Revolution der Stahlindustrie

Um die europäischen Klimaziele einzuhalten, muss sich die Stahlindustrie neu erfinden. Viele Konzerne setzen auf Wasserstoff als Wunderlösung, um fossile Brennstoffe zu ersetzen. Aber obwohl die Technologien längst existieren, bleibt der Traum vom „grüner Stahl“ in weiter Ferne.

Um ausreichend erneuerbaren Strom für die Elektrolyse bereitzustellen, heißt es in der Strategie, eigneten sich Offshore-Windparks in der Nordsee. Dazu wolle man mit anderen EU-Mitgliedsstaaten kooperieren. In der belgischen Hafenstadt Ostend soll 2022 ein erstes Projekt dieser Art anlaufen. Mithilfe einer Wasserstoffanlage soll überschüssige Windenergie in das Fernwärmenetz eingespeist werden.

Wasserstoff aus dem Ausland einkaufen

Da Deutschland sich in naher Zukunft aber nicht selber mit der nötigen Menge an erneuerbaren Energien für die Wasserstoffproduktion wird versorgen können, werde man „einen Großteil des künftigen Bedarfs an CO2-freiem, bzw. CO2-neutralem Wasserstoff importieren müssen“, heißt es im Strategiepapier. Dazu sollen „Energiepartnerschaften“ mit anderen Staaten, in denen zum Beispiel viel Sonne scheint, geschlossen werden. Berichten des Tagesspiegels zufolge hat Deutschland bereits eine Kooperationsvereinbarung mit Marokko zur Methanol-Erzeugung aus Wasserstoff vereinbart.

Angesichts dieser Problematik schließt Altmaiers Wasserstoffstrategie ausdrücklich auch herkömmlichen, aus Erdgas gewonnenen Wasserstoff in seinen Plan mit ein. Auch die EU verfolgt diese Strategie. So verkündete Kommissionsvize Frans Timmermans im November: „Wenn wir mit unserer Technologie klug umgehen, könnte eine Kombination aus fossilem und Wasserstoff im Netz eingesetzt werden.“ CO2-freier Wasserstoff sei keine Allzwecklösung. „Fossile Brennstoffe werden ebenfalls Teil der Mischung sein, da müssen wir realistisch sein.“

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Der zu Beginn des Jahres 2020 vorzustellende European Green Deal wird eine Strategie zur Erhöhung des Anteils von Strom am Energiemix der EU verfolgen, sagte der neue Leiter der Energieabteilung der Europäischen Kommission am Mittwoch auf einer Konferenz in Brüssel.

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