Deutschland und die Offshore-Windenergie: Zwischen Vorreiterrolle und Kohlestrom

Offshore-Windenergie spielt sowohl in Berlin als auch in Brüssel eine entscheidende Rolle beim Erreichen der Klimaziele. [EPA-EFE/KARSTEN KLAMA]

Am heutigen Mittwoch (18. November) wird die EU-Kommission ihre Strategie zur Offshore-Windenergie vorstellen. Eine deutsche Gesetzesnovelle setzt bereits einige Eckpunkte dieser Strategie um. Doch reicht das aus, um die Energiewende zu schaffen? Schließlich setzt Deutschland nach wie vor auf fossile Energieträger.

Zwei Dutzend Windparks stehen in Nord- und Ostsee vor der deutschen Küste und versorgen die Menschen mit Ökostrom aus erneuerbaren Energien. Jedes Jahr kommen neue Offshore-Windkraftanlagen hinzu, doch seit einigen Jahren geht der Ausbau zunehmend schleppend voran. Waren es 2017 noch 1.800 Offshore-Windräder, die neu ans Netz angeschlossen wurden, kamen bis 2020 gerade einmal 1.400 neue Anlagen hinzu.

Eine Änderung des Windenergie-auf-See-Gesetzes (WindSeeG), die Anfang November vom Bundestag beschlossen wurde, sieht für die kommenden Jahre einen stetigen Ausbau der Offshore-Windkraftanlagen vor, um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen. Bis 2030 sollen 65 Prozent des Strombedarfs in Deutschland aus erneuerbaren Energien bezogen werden. Doch 2019 lag dieser Anteil noch bei 42 Prozent.

EU-Kommission fordert deutlich mehr Offshore-Windenergie

Die Europäische Kommission such nach möglichen Wegen, den Anteil der erneuerbaren Energien am Energieverbrauch zu erhöhen. Daher sollen die Offshore-Energiekapazitäten in der EU „bis 2050 um das 25-fache erhöht werden“.

Noch ein weiter Weg für Berlin und Brüssel

Die EU-Strategie zur Offshore-Windenergie geht in eine ähnliche Richtung. EU-weit sollen bis 2030 etwa 40 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien stammen – fast doppelt so viel wie derzeit. Auch für dieses Ziel spielt die Offshore-Windkraft eine entscheidende Rolle, weshalb die Energiekapazität aus Europas Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee sowie im Schwarzen Meer bis 2050 um das 25-fache im Vergleich zum jetzigen Stand erhöht werden soll.

Dass es überhaupt losgeht mit dem Vorhaben, künftig mehr Strom aus erneuerbaren Energien zu beziehen, ist für Michael Bloss, Grünen-Abgeordneter im europäischen Parlament, das Entscheidende an der Strategie. Doch er sagt im Gespräch mit EURACTIV Deutschland auch, dass der Finanzierungsplan für den Offshore-Windkraftausbau nicht ausreiche.

Privatwirtschaftliche Investitionen in erneuerbare Energien werden zwar nicht staatlich subventioniert, doch Kredite für den Ausbau erneuerbarer Energien sollten abgesichert werden, findet Bloss. Dies sei in der aktuellen wirtschaftlichen Krise notwendig, damit Investitionen überhaupt zustande kommen. Auch der Aufbauhilfsfonds “NextGenerationEU”, welcher im Zusammenhang mit der Corona-Krise aufgebaut wurde,  müsse für die stärkere Nutzung erneuerbarer Energien verwendet werden, fordert der EU-Parlamentarier.

Deutschlands Windbranche kränkelt

Die deutsche Windkraftbranche wächst kaum noch. Um das selbstgesteckte Ziele von 65 Prozent erneuerbarer Energien noch zu erreichen, stellt Deutschland erstmals einen stärkeren Ausbau von Offshore-Windparks in Aussicht.

Netzausbau an Land 

Ein weiterer Faktor beim Ausbau der Offshore-Windenergie-Kapazitäten ist die nötige Infrastruktur an Land. Denn der vor der Küste produzierte Strom muss in das Onshore-Stromnetz eingespeist und verteilt werden. Auch an dieser Stelle, glaubt Michael Bloss, gibt es noch Nachholbedarf – auch in Deutschland. Man sei zwar im Vergleich zu anderen EU-Staaten gut aufgestellt bei der Offshore-Stromproduktion, aber es fehle noch an Übertragungsnetzen, sagt er.

Und so stellt sich die Frage, warum sowohl auf europäischer als auch auf deutscher Ebene in Sachen erneuerbare Energien ein so starker Fokus auf die Offshore-Windanlagen gelegt wird. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) setzt laut eigenen Angaben auf diese Technologie, weil sie perspektivisch die günstigste zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien sei.

“Energiemix ist entscheidend”

Nina Scheer, Bundestagsabgeordnete der SPD, befürchtet dennoch, dass ein derart zentralisierter Ansatz auf eine Technologie zu einer Verzögerung im Gesamtausbau der erneuerbaren Energien führen könnte. Besser sei ein dezentraler Ausbau: “Wir müssen zusehen, dass uns die Energiewende und der Umstieg auf erneuerbare Energien so schnell wie möglich gelingt. Und dabei kommt es ganz entscheidend auf den Ausbau vor Ort in der Fläche in dem breiten regenerativen Energiemix an.”

Offshore-Windkraft boomt weiter – aber nicht genug für die Klimaziele

Im Jahr 2019 wurde in Europa ein Rekord bei der Bereitstellung neuer Offshore-Windkraftkapazitäten aufgestellt. Diese nahmen um 3,6 Gigawatt zu. Das Tempo ist dennoch nicht ausreichend, um die ehrgeizigen Klimaziele der EU zu erreichen.

Beim Offshore-Ausbau sei man stärker auf den Netzbau angewiesen, als bei einem dezentralen, übers Land verteilten Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, erklärt sie im Interview mit EURACTIV Deutschland. Die Ausbauplanung dürfe nicht zu einer Abhängigkeit von einem noch nicht existenten Stromnetz führen. Drängender sei es, das vorhandene Stromnetz systematisch auf das fluktuierende Dargebot erneuerbarer Energien auszurichten, fordert Scheer.

Die SPD-Politikerin beklagt zudem, dass die Anreize für die Einspeisung von Strom aus  erneuerbaren Energien fehlen. Das 2016 eingeführte System, nach dem die Förderung für erneuerbare Energien ausgeschrieben wird, habe sich nicht bewehrt und könnte zu einem Rückgang der Akteursvielfalt zugunsten großer Energiekonzerne führen. Die erhoffte Preissenkung für Ökostrom hat sich durch dieses System laut Nina Scheer nicht eingestellt. Deshalb befürwortet sie einen Einspeisevorrang für Strom aus erneuerbaren Energien und die Beibehaltung des Einspeisevergütungssystems nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Demzufolge würden verschiedene regenerative Energieträger gleichermaßen gefördert werden und der Energiemix falle nicht zugunsten einer einzigen Technologie aus.

„Schneller raus aus der Kohle“

Der Grüne Bloss sieht außerdem ein generelles Problem im deutschen Energiemix: “Deutschland ist zwar Vorreiter beim Offshore-Windkraft-Ausbau, aber gehört zu den größten Kohleverbrauchern. Wir müssten insgesamt schneller raus aus der Kohle.” Zwar ist der Kohleausstieg bereits beschlossene Sache, doch mit dem Datum hadern Umweltschützer noch. Bis 2038 soll Deutschland Kohlestrom beziehen, trotz all der Vorhaben des EEG oder des European Green Deal. Andere EU-Staaten sind da schon deutlich weiter und sind entweder schon kohlefrei oder steigen bis 2030 aus. Deutschland könnte demnach seine Vorreiterrolle in der Energiewende verlieren.

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