„Der Planet brennt“: Davos warnt vor Klimanotstand

"Der Planet brennt", schreibt das Weltwirtschaftsforum und warnt vor den Gefahren des Klimawandels und der Umweltzerstörung. Im Bild: Satellitenaufnahme der Waldbrände in Australien. [Shutterstock]

Zum ersten Mal in der 15-jährigen Geschichte des Global Risk Reports des Weltwirtschaftsforums sind die darin aufgelisteten fünf größten globalen Gefahren allesamt Umweltrisiken. Das jährliche Treffen des Weltwirtschaftsforums findet kommende Woche im schweizerischen Davos statt.

Laut dem Global Risks Perception Survey sind Umweltbelange aus Sicht der 800 für die Studie befragten Mitglieder des Weltwirtschaftsforums die wichtigsten (und wahrscheinlichsten) langfristigen Risiken für die Welt.

Zu den größten Gefahren zählen demnach extreme Wetterereignisse mit erheblichen Schäden an Eigentum, Infrastruktur und Verlust von Menschenleben; das Scheitern der von Regierungen und Unternehmen unternommenen Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen; vom Menschen verursachte Umweltschäden und Katastrophen, einschließlich Umweltkriminalität wie Ölverschmutzung und radioaktive Kontamination; der Verlust an Artenvielfalt und der Zusammenbruch von Ökosystemen (an Land und im Wasser); und große Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche und geomagnetische Stürme.

„Wir wollen nicht mit dieser fortgesetzten politischen und wirtschaftlichen Desintegration leben, wir wollen nicht den Kipp-Punkt des Klimawandels erreichen, an dem es kein Zurück mehr gibt, und wir wollen nicht, dass die nächsten Generationen eine Welt erben, die immer feindseliger und immer weniger bewohnbar wird,“ sagte Klaus Schwab, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Weltwirtschaftsforums (WEF).

Davos: Die Welt wird immer ungerechter

Im Jahr 2018 besaßen die 26 reichsten Menschen genauso viel wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Das zeigt ein Oxfam-Berich der im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlicht wurde.

Der WEF-Bericht kommt nahezu zeitgleich mit der Präsentation des EU-Investitionsplans in Höhe von einer Billion Euro, der die EU-Wirtschaft bis 2050 „grüner“ und vor allem CO2-neutral machen soll.

„Die Bekämpfung des Klimawandels wird die wichtigste Aufgabe dieser [Europäischen] Kommission sein,“ kündigte Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni am Dienstag an.

Laut einem Bericht der Europäischen Investitionsbank sehen auch fast 50 Prozent aller EU-Bürgerinnen und -Bürger den Klimawandel als größte Herausforderung für ihr Land an, noch vor Arbeitslosigkeit und Zugang zu Gesundheitsversorgung.

Die europäischen Spitzenpolitikerinnen und -politiker haben kommende Woche dann Gelegenheit, ihr neu entdecktes „grünes Profil“ zu stärken: Vom 21. bis 24. Januar treffen sich Wirtschaftsführer und 53 Staats- und Regierungschefs zur 50. Ausgabe des Davos-Treffens.

Auch US-Präsident Donald Trump, der sein Land aus dem Pariser Abkommen ausscheiden lässt, wird wieder an dem exklusiven Treffen teilnehmen.

Ein Fonds für den gerechten Übergang – und viele Fragezeichen

Die Europäische Kommission hat am Dienstag ihre lang erwarteten Pläne „für einen gerechten Übergang“ präsentiert. Zweifel gibt es aber in Bezug auf die Höhe der für das nächste Jahrzehnt vorgesehenen Mittel.

Schlimmer als erwartet

Der Global Risks Report warnt auch, der Klimawandel werde „härter und schneller eintreten als von vielen erwartet“.

„Alarmierend ist, dass die globalen Temperaturen zum Ende des Jahrhunderts um mindestens drei Grad Celsius ansteigen werden, was Klimaexperten als Obergrenze zur Vermeidung der schlimmsten wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen genannt haben,“ so die Studie.

Sebastian Troëng, stellvertretender Leiter der Naturschutz-NGO Conservation International, kommentierte: „Die jüngsten Umweltkatastrophen, die durch den Klimawandel angeheizt wurden – wie die Brände im Amazonasgebiet und in Australien oder die Überschwemmungen in Indonesien und Venedig – sind eine traurige Erinnerung daran, dass wir es uns nicht leisten können, noch länger zu warten, wenn es um unser Engagement zur Verlangsamung der globalen Erwärmung geht.“

Er fügte mit ein wenig Optimismus hinzu: „Die Geschäftswelt wacht endlich auf und beginnt, die Auswirkungen des Klimawandels und von Umweltschäden zu erkennen. Es ist ermutigend, dass Nachhaltigkeit beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum im Mittelpunkt steht.“

Im Hinblick auf die kurzfristigen Risiken – also diejenigen, die im aktuellen Jahr 2020 voraussichtlich zunehmen werden – nannte der neue Davos-Bericht extreme Hitzewellen und die Zerstörung von Ökosystemen auf Platz drei und vier. Als bedeutendste kurzfristige Risiken werden indes „wirtschaftliche Konfrontationen“ und „innenpolitische Polarisierung“ eingestuft.

Rückblick auf Davos: Die selbstverschuldete Krise vermeiden

Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums warnten vor der Gefahr, eine „selbstverschuldete Rezession“ auszulösen, sollte der aktuelle Pessimismus zunehmen.

Für die jüngeren Davos-Teilnehmer, die sogenannte Global Shapers Community, sind Umweltfragen ein noch größeres Anliegen: Für sie stehen diese Themen sowohl auf der kurz- als auch auf der langfristigen Risiko-Liste ganz oben. Dies spiegelt die generell wahrgenommene wachsende Bedeutung einer „grünen Agenda“ für jüngere Generationen wider.

Zusammen mit der Verschärfung der Klimaherausforderungen, der „zunehmenden Gefahr einer wirtschaftlichen Stagnation“ oder sogar dem Wiederaufleben von Gesundheitsrisiken warnt der Davos-Bericht auch davor, dass die Regierungen der Welt vermehrt nationalistische Antworten suchen und protektionistische Programme verfolgen.

„Inmitten dieser immer düsterer werdenden Wirtschaftsaussichten hat sich die Unzufriedenheit der Bürger mit Systemen, die keinen Fortschritt bringen, verhärtet,“ so der Bericht mit Verweis auf die Proteste des letzten Jahres in der ganzen Welt.

Auch WEF-Chef Schwab glaubt: „Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand und das Zeitfenster zum Handeln schließt sich schnell.“

Angesichts dieser sich verschlechternden Aussichten und des mehr oder weniger gescheiterten multilateralen Systems hat das Davos-Forum erneut einen Appell an die Staats- und Regierungschefs gerichtet, dringend an gemeinsamen globalen Lösungen zur Bewältigung dieser Herausforderungen zu arbeiten, wenn sie nächste Woche in der Schweiz zusammenkommen.

Davos-Teilnehmende

Von Seiten der EU wird die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, eine Delegation leiten, der unter anderem ihre Handels- und Wirtschaftskommissare Phil Hogan und Paolo Gentiloni angehören. Auch der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, wird in den Skiort reisen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die Ministerpräsidenten Italiens (Giuseppe Conte), Spaniens (Pedro Sánchez) und Polens (Mateusz Morawiecki) gehören zu den europäischen Regierungschefs, die ebenfalls am Treffen teilnehmen werden.

Kommissionspräsidentin nimmt an Weltwirtschaftsforum in Davos teil

Die Europäische Kommission wird auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz) durch ihre Präsidentin vertreten sein, was die engere Verbundenheit zwischen Ursula von der Leyen und dem exklusiven Treffen im Vergleich zu ihrem Vorgänger Jean-Claude Juncker signalisiert.

Wie schon 2018 dürfte aber vor allem Donald Trump im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen: Der US-Präsident sieht sich daheim in Washington einem Amtsenthebungsverfahren gegenüber, in dem ihm vorgeworfen wird, seine präsidialen Befugnisse missbraucht zu haben, um politischen Gegnern zu schaden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dessen Land im Trump-Skandal eine wichtige Rolle spielt, wird ebenfalls in Davos zugegen sein.

Im Gegensatz dazu hat der Außenminister des Iran, Javad Zarif, der eigentlich auch in die Schweiz reisen wollte, seine Teilnahme nach der Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani durch eine US-Drohne und die sich dadurch verschärfenden Spannungen abgesagt.

Der Thunberg-Effekt?

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg wird ebenfalls wieder in Davos sein, um ihren Aufruf zur Beendigung der Subventionen für fossile Brennstoffe zu wiederholen.

Darüber hinaus haben die Organisatoren des Treffens offenbar auf die Kritik im vergangenen Jahr an der riesigen Zahl der Privatjets, die die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft zum Gipfel brachten, reagiert: Erstmals wird ein provisorischer Bahnhof eingerichtet, um die Teilnehmenden zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu ermuntern.

Im Kongresszentrum selbst wurden darüber hinaus Solarkollektoren und geothermische Heizungen eingebaut, um den CO2-Fußabdruck des Weltwirtschaftsforums zu reduzieren.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

"Time"-Magazin kürt Greta Thunberg zur Persönlichkeit des Jahres

Das „Time“-Magazin hat die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg zur Persönlichkeit des Jahres gekürt – als jüngste Persönlichkeit in seiner Geschichte. 

Davos: Merkel verteidigt den Multilateralismus

Bundeskanzlerin Merkel hat sich bei ihrer Rede in Davos für den Multilateralismus stark gemacht. Die Regierungschefs Spaniens und Italiens präsentierten ihre jeweiligen Ansätze.

Wird Klimaschutz jetzt Schwerpunkt der EZB?

Die Zentralbank sollte nur „grüne“ Anleihen kaufen. Das schlagen fast 60 Institutionen vor. Und tatsächlich erwägt Christine Lagarde solch eine Strategie. EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel berichtet.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN