Das Kunststoffdilemma der EU

Großes Ziel: bis 2035 sollen alle Mitgliedsstaaten mindestens 65% ihrer Siedlungsabfälle recyceln. [shutterstock/ Albert Karminov]

Die EU bemüht sich zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu werden. Gestern hat das Parlament einem Gesetzespaket mit neuen Recyclingquoten bis 2035 zugestimmt. Doch das ist nur ein Kompromiss zwischen den sehr unterschiedlichen Realitäten in den Mitgliedsstaaten.

Ein deutscher Joghurtbecher hat vom Frühstückstisch eine lange Reise durch das komplexe Abfallsystem der Bundesrepublik vor sich. Er landet in der gelben Tonne, wird vor von einem privaten Abfalldienst abgeholt und kommt danach in eine riesige Sortieranlage. Dort müssen sich Becher und Aluminiumdeckel voneinander verabschieden, denn sie landen in getrennten Wertstoffbereichen. Aus beiden können dann neue Gegenstände produziert werden.

Dass recyceln gut ist, hat man in Deutschland schon früh erkannt, wir sind weltweiter Recycel-Weltmeister. Schon 1990 wurde hierzulande der Grüne Punkt, das erste duale System, etabliert – vier Jahre bevor die erste EU Verpackungsrichtlinie entschieden wurde. Anfang nächsten Jahres steht ein weiterer Meilenstein an. Dann tritt ein neues, ambitioniertes Verpackungsgesetz in Kraft: 63 Prozent unseres Kunststoffes sollen bis 2022 recycelt werden, derzeit sind es noch 36 Prozent.

Recycling: Immer weiter in Richtung Kreislaufwirtschaft

Während die EU ihre Anstrengungen in der Abfallwirtschaft verstärkt und sich auf die Verringerung von Kunststoffabfällen konzentriert, gewinnen die Ideen der Kreislaufwirtschaft und eines Recycling-Binnenmarktes an Fahrt.

Damit prescht Deutschland in der internationalen Abfallverwertung voran. In anderen EU Ländern sieht es ganz anders aus. Von den 2,5 Milliarden Tonnen Siedlungsabfällen, die jährlich in der EU anfallen, werden im internationalen Durschnitt 44 Prozent aller Materialien recycelt. In Malta und der Slowakei sind es sogar nur zwölf Prozent. In acht Mitgliedsstaaten werden die Abfälle fast gar nicht verwertet und zwei Drittel landen dort einfach auf der Deponie. In Deutschland ist das seit 2005 verboten, genauso wie in Österreich, Belgien, Dänemark, Schweden und den Niederlanden. Dort werden überhaupt keine Siedlungsabfälle verbuddelt.

Um sich einem nachhaltigen Kreislaufmodell anzunähern, haben die EU Institutionen seit 2015 einen Aktionsplan zur Kreislaufwirtschaft verhandelt. Ziel ist, den Lebenszyklus von Wertstoffen zu verlängern. Sie sollen so lange wie möglich geteilt, repariert oder recycelt werden. Gestern nun hat das EU Parlament mit großer Mehrheit ein neues Legislativpaket für den Aktionsplan angenommen. Im Mittelpunkt des Pakets steht eine Vorgabe: Bis 2035 sollen alle  Mitgliedsstaaten statt der derzeitigen 44 Prozent mindestens 65 Prozent ihrer Siedlungsabfälle recyceln. Zudem sollen dann nur noch ein Zehntel der Abfälle auf Deponien verschwinden. Als nächster Schritt des Gesetzgebungsverfahrens muss der Rat dem Paket noch zustimmen, was inoffiziell aber schon geschehen ist.

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Die EU-Abfallziele, für viele kaum erreichbar

Für Adriana Neligan vom Institut der Deutschen Wirtschaft sind die neuen EU-Quoten nur ein Kompromiss zwischen Ländern, die beim Thema Kreislaufwirtschaft in völlig unterschiedlichen Ligen spielen. Angesichts der hohen Vorgaben des Abfallplans werden nur zehn Länder ihre Ziele erreichen, meint sie. Die anderen müssten schon massive Anstrengungen an den Tag legen. In vielen Ländern fehle die Infrastruktur für eine solche Kreislaufwirtschaft, außerdem fallen hohe Investitionskosten an. Eine Studie der Ellen MacArthur Stiftung kalkuliert nötige Investitionen von rund 108 Milliarden Euro für den nötigen Systemausbau in allen Mitgliedsstaaten.

Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (Bvse) sieht das optimistischer und begrüßt das Gesetzespaket der EU. Der Verband stört sich allerdings an einem anderen Punkt: „Bis 2035 darf munter weiterdeponiert werden. Damit werden wir nie eine echte Kreislaufwirtschaf in der EU erreichen. Warum schiebt die EU das auf die lange Bank?“, so der Pressesprecher Jörg Lacher. Die Erfahrung in Deutschland hat laut Bvse gezeigt, dass erst mit dem Verbot der Deponierung die Abfallverwertung in Deutschland deutliche Fortschritte machen konnte.

In Deutschland geht es vor allem um neue Märkte

Deutschland dürfte die EU Vorgaben relativ problemlos erreichen. Auch wegen des nun anstehenden Verpackungsgesetzes ab 2019, welches den Recyclingmarkt ordentlich ankurbeln dürfte. Darin steckt eben auch eine wirtschaftliche Chance, meint Norbert Völl, Pressesprecher für den Grünen Punkt. „Durch das neue Verpackungsgesetz wird mehr recycelt werden – das heißt die Anfrage für recycelbare Kunststoffe muss ebenfalls ausgebaut werden.“

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Es ist inzwischen möglich, Kunststoffverpackungen auch ohne Qualitätsverlust aus 100 Prozent recyceltem Material herzustellen. Doch die Nachfrage auf dem Markt ist noch zu gering und die meisten Recyclingunternehmen recht klein. Seit China kaum noch Wertstoffabfälle importiert, müssen Absatzwege innerhalb Deutschlands gefunden werden. „Um den Schritt zur Kreislaufwirtschaft zu gehen, müssen wir ein Upscaling der Recyclingindustrie erreichen. Dazu müssen die Recyclingunternehmen größer werden, um günstiger arbeiten.“ Erzwingen könne man das nicht – obwohl unter anderem der Bundesverband der Entsorgungswirtschaft BDE gerne die Kunstoffindustrie verpflichten würde, ein Viertel der Produktion aus Recyclingmaterial zu schöpfen.

„Was wir brauchen ist vor allem ein stärkeres Bewusstsein für den Wert recycelter Verpackungen. Das kann ein Unternehmen auch sehr gut vermarkten“, sagt Völl. Der Grüne Punkt versucht daher, Unternehmen die Produktion mit recycelten Kunststoffgranulaten näherzubringen. In Deutschland gebe es dafür sehr viel Potential. Denn trotz der Position als Spitzenreiter in der Abfallverwertung sind die Deutschen laut Eurostat mit 626 kg Abfall pro Kopf im Jahr auf Platz vier der europäischen Abfallproduzenten. „Auch hierzulande kann noch einiges verbessert werden, auch wenn die Deutschen schon begeisterte Mülltrenner sind“, so Völl. „Es wäre schon gut, den Joghurtbecher nicht in eine andere Verpackung hineinzustecken.“

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