Das Coronavirus als Todesstoß für die Ölsand-Industrie?

"Die Preise sind deutlich niedriger als das, was die Unternehmen zuvor erwartet hatten." [kris krüg / Flickr]

Der durch die Coronavirus-Pandemie verursachte Einbruch der Ölpreise hat die teuersten – und umweltschädlichsten – Ölprojekte wie Teersande zum Stillstand gebracht – eine Entwicklung, von der einige Analysten sagen, dass sie unumkehrbar sein könnte.

Auch wenn sich die Ölpreise vom Marktcrash im April teilweise erholt haben, sind sie noch nicht wieder auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt. Marktanalysten fragen sich bereits, ob dies überhaupt jemals der Fall sein wird.

„Die Preise sind deutlich niedriger als das, was die Unternehmen zuvor erwartet hatten,“ sagt auch Andrew Grant von Carbon Tracker, einem in London ansässigen Think-Tank, der die Auswirkungen des Klimawandels auf die Finanzmärkte untersucht.

Infolgedessen „befinden sich Ölfirmen immer noch in einer Situation, in der sie ihre Projekte einschränken“, so Grant gegenüber EURACTIV.com in einem Telefoninterview.

„Die wirklich kostspieligen Projekte wie Ölsand befanden sich bereits vor der Krise in einer sehr schwierigen Lage.“ Jetzt seien auch Projekte mit mittelhohen Kosten wie Schieferöl in Frage gestellt, sagt er.

OPEC & Co. einigen sich auf weniger Öl

Die OPEC-Länder und Partner wie Russland haben sich am Sonntag auf eine Rekordkürzung der Fördermengen geeinigt. Damit sollen die Ölpreise angesichts der Coronavirus-Pandemie gestützt werden.

Teersande wirkten attraktiv, als die Ölpreise in den Jahren 2011-2014 um die 100 Dollar pro Barrel schwankten. Aber bei Preisen von derzeit rund 40 Dollar pro Barrel sind neue Projekte auf Eis gelegt worden. Es ist unklar, ob sie jemals umgesetzt werden.

ExxonMobil war der letzte Öl-Großkonzern, der ein Ölsandprojekt genehmigt hat – in der kanadischen Region Nord-Alberta Ende 2018. Und es könnte durchaus das letzte sein, glaubt Grant. „Diese Ölsandprojekte würden ohnehin nicht weitergeführt“, erklärt er und weist darauf hin, dass ExxonMobil die Entwicklung an seinem kanadischen Standort, wo die erste Förderung 2022 erwartet wurde, bereits verschoben habe.

Nun seien es Projekte in „der Mitte der Kostenkurve, zum Beispiel Schieferprojekte“, die in Schwierigkeiten seien, so Grant. Schieferöl habe der Industrie einst viel Wachstum beschert, „aber jetzt sehen wir viel mehr Konkurse bei dieser Art von Unternehmen“, erklärt er.

Chesapeake Energy, der US-Pionier im Bereich der Schieferöl- und Gasbohrungen, meldete Ende Juni Konkurs an und berief sich dabei auf finanzielle Schwierigkeiten und die Anhäufung von Schulden, die durch den Ölpreisabsturz im April noch verstärkt wurden.

IEA: Langsames Wachstum führt zu Öl-Überschuss

Das sich verlangsamende Wachstum bei der Nachfrage nach Öl im Jahr 2019 wird voraussichtlich zu einer Ölschwemme im kommenden Jahr führen.

Mehr als 200 Ölproduzenten haben in den vergangenen fünf Jahren Insolvenzschutz beantragt, berichtete kürzlich der Guardian. Die neuesten Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) deuten darauf hin, dass dieser Trend nicht aufzuhalten sein wird.

„Das Risiko für unsere Marktaussichten ist mit ziemlicher Sicherheit nach unten gerichtet,“ so die IEA in ihrem Ölmarktausblick vom Juli. „Zwar hat der Ölmarkt seit dem ‚Schwarzen April‘ zweifellos Fortschritte gemacht, doch die große und in einigen Ländern beschleunigte Zahl der COVID-19-Fälle ist eine beunruhigende Erinnerung daran, dass die Pandemie nicht unter Kontrolle ist,“ heißt es darin.

Ist das Thema Teersande auf dem Ölmarkt damit endgültig vom Tisch? Vertreter der Industrie sagen: Noch nicht ganz.

„Solche Projekte wurden in letzter Zeit härter getroffen als andere, aber das war auch schon 2014 der Fall – und dennoch hat die Ölsandproduktion seit über einem Jahrzehnt stetig zugenommen. Wir sollten keine voreiligen Schlüsse über ihre Zukunft insgesamt ziehen,“ meint Nareg Terzian vom Internationalen Verband der Öl- und Gasproduzenten (IOGP).

„Nach dem Abschwung von 2014 bewegten sich ölproduzierende Regionen wie Alberta bereits von einer kapitalintensiven Wachstumsphase zu einer Phase der Reife und Konzentration auf Produktivitätssteigerungen,“ so Terzian. „Dieser Trend dürfte sich im aktuellen Kontext bestätigen und fortsetzen“, fügt er hinzu und deutet damit seine Ansicht an, dass die Teersandindustrie die Krise letztendlich überstehen wird.

Grant stimmt dem zu und erklärt, dass eine Wiederbelebung der Teersand- und Schieferölprojekte in den kommenden Jahren nicht ausgeschlossen werden könne, wenn die Preise schließlich wieder anziehen. Allerdings sei der aktuelle Einbruch auch strukturell bedingt und durch langfristige Verschiebungen im Energiesektor verursacht, die sich schon vor der Pandemie gezeigt hätten.

Business as usual in der Erdölindustrie

Tiefwasseröl in Aserbaidschan und Angola, Ölsandvorkommen in Kanada, riskante Explorationen in der Arktik. Mineralölfirmen haben seit vergangenem Jahr 50 Milliarden US-Dollar in Projekte gesteckt, welche die Pariser Klimaziele unterlaufen. Immer mehr Aktionäre halten solche Investitionen für zu riskant.

In Europa sehen sich die Ölkonzerne mit strengeren Emissionsvorschriften konfrontiert, nachdem die Staats- und Regierungschefs der EU ein EU-weites Ziel beschlossen haben, die Emissionen bis 2050 auf „netto null“ zu senken – ein Ziel, das nun gesetzlich verankert wird. Strengere Emissionsziele für 2030 sind ebenfalls in Vorbereitung.

Und auch wenn in Europa eine Erholung zu beobachten war, als die Lockdown-Maßnahmen schrittweise aufgehoben wurden, wird die Ölnachfrage voraussichtlich mindestens bis 2021 gedämpft bleiben.

Laut IEA ist ein erheblicher Teil dieser Entwicklung auf den Luftfahrtsektor zurückzuführen, der besonders stark von der Pandemie betroffen war. „Die durchschnittliche Nachfrage im Jahr 2021 wird 2,6 Millionen Barrel pro Tag unter dem Niveau von 2019 liegen, wobei Jet-Kerosin drei Viertel des Defizits ausmachen wird“, so die IEA in ihrem Ölmarktausblick für Juli.

Laut Grant „ist es nicht unmöglich, dass die Ölnachfrage frühere Spitzenwerte erreichen wird“, die vor dem Ausbruch des Coronavirus beobachtet wurden. Aber er geht auch davon aus, dass „es ziemlich lange dauern wird“, bis das passiert – wenn es überhaupt jemals passiert. „Sowohl die CEOs von BP als auch von Shell sagten, dass der Spitzenwert der Ölnachfrage möglicherweise hinter uns liegt“, erinnert Grant und weist darauf hin, dass wichtige Wachstumsfaktoren wie der Luftfahrtsektor wegen der langfristigen Auswirkungen der Gesundheitskrise „möglicherweise niemals die Erwartungen erfüllen werden“.

Darüber hinaus hätten sich erneuerbare Energieprojekte während der Krise als widerstandsfähiger erwiesen als Öl- und Gasprojekte. Somit scheinen sie auch vermehrt für Investoren eine sichere Anlage zu sein.

„Die Welt bewegt sich weiter,“ fasst Grant zusammen. Und: „Die grundlegende Dynamik ändert sich wahrscheinlich.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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