Das „arktische Paradox“: Zwischen Umweltschutz, Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen

Fake News und Klimawandel-Leugnung führen letztendlich dazu, "dass in einer Region, die ohnehin schon empfindlich genug ist, schlechte Entscheidungen getroffen werden," so Ole Øvretveit. [Shutterstock]

Während die Welt auf striktere Klimamaßnahmen drängt, um die Zerstörung der Arktis zu stoppen, sind viele Länder gleichsam daran interessiert, die neuen Möglichkeiten in der Region in den Bereichen Schifffahrt, Bergbau, Öl- und Gasbohrungen sowie Sicherheit zu nutzen.

In dieser Hinsicht wollen aber auch die ursprünglichen Bewohner der Arktis ein größeres Mitspracherecht bei der Entwicklung der Region haben – in dem Bewusstsein, dass Außenstehende möglicherweise weniger bestrebt (oder in der Lage) sind, ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Ausbeutung und Umweltschutz herzustellen.

Vor einigen Monaten wurde das norwegische Außenministerium in dieser Hinsicht durch eine bemerkenswerte Aktion der französischen Verteidigungsministerin Florence Parly aufgeschreckt. Parly präsentierte die neue Arktis-Sicherheitsstrategie ihres Landes, in deren Präambel es heißt: „Die Arktis gehört niemandem“, sowie „nur Kooperation zwischen den Staaten wird zu bedeutsamen Ergebnissen führen“.

Arktispolitik: Wettbewerb um Ressourcen?

Konflikte in der Arktis sind unwahrscheinlich, können aber nicht ausgeschlossen werden, so die EU-Verantwortliche für die Arktisregion im Interview. Deshalb müsse Europa den Dialog mit seinen Partnern fortsetzen.

Gar nicht mal so einsam und abgelegen

In der aufkommenden Debatte wird die Arktis – ähnlich wie im französischen Gesetzestext – oft als eine abgelegene, unberührte, exotische Region dargestellt, die durch externes Handeln gerettet werden müsse. Mittlerweile betonen vor allem die regionalen Akteure, dass genau das Gegenteil der Fall ist: die Arktis ist besiedelt, reguliert – und gar nicht weit entfernt.

Norwegens Außenministerin Ine Eiriksen Søreide sagte kürzlich bei der Konferenz Arctic Frontiers in Reaktion auf das französische Strategiepapier: „Diese Behauptungen sind völlig falsch. Für Norwegen ist die Arktis nicht weit entfernt. Und es gibt kein rechtliches Vakuum in der Arktis; nationale und internationale Rechtsmechanismen sind bereits vorhanden und gelten.“

Sie wies auch darauf hin, dass acht Anrainerstaaten sich in einer Reihe von internationalen Kooperationskonstellationen – wie dem Arktischen Rat, der Barentskooperation und dem Seerechtsübereinkommen – engagieren, um gemeinsame Gespräche über die Region zu führen.

In den vergangenen Jahren sehen sich dabei die nordeuropäischen Länder zunehmend unter Druck, sich gegen den Trend zum Ausstieg aus internationalen Abkommen zu stemmen. Dieser wurde vor allem von den USA unter Präsident Donald Trump ausgelöst; doch auch andere Weltmächte wie China und Russland sind versucht, einen „nachlässigeren“ Ansatz in Bezug auf internationales Recht zu wählen.

Finnland, Dänemark und Norwegen aktualisieren daher derzeit ihre nationalen Arktis-Strategien, ebenso wie die Europäische Union, die an einem neuen Arktis-Strategiedokument arbeitet.

Die Botschafterin der EU für die Arktisregion, Marie-Anne Coninsx, hat wiederholt die Notwendigkeit neuer internationaler Strukturen für die regionale Verwaltung und Diplomatie betont.

Allerdings sei eine Änderung oder gar Neuverhandlung bestehender Abkommen kaum im Interesse vieler nationaler Stakeholder in der Arktis, so Außenministerin Søreide. Viel mehr zeichne sich eine starke Präsenz von US- sowie russischen (und weniger europäischen) Vertretern ab.

"Dank" Klimawandel: Die Arktis wird zum geopolitischen Hotspot

Im Hohen Norden entsteht plötzlich ein neuer Ozean, mit neuen Handelsrouten und bisher ungenutzten natürlichen Ressourcen. Die Zukunft der Region liegt im Spannungsfeld zwischen Kooperation und Militarisierung.

Wenig Wissen

Ein immer wiederkehrendes Thema in der Arktis-Debatte ist das mangelnde Wissen einiger beteiligter Akteure über die Region. „Wenn man zurückblickt, dann sind zumindest einige der Diskussionen über die Arktis außerhalb der Region in gewisser Weise auf Mythen und mangelndem Wissen aufgebaut worden,“ kritisierte beispielsweise Audun Halvorsen, Staatssekretär des norwegischen Außenministeriums, im Gespräch mit EURACTIV.com.

Die Tatsache, dass die Region auf dem Radar vieler Länder stehe, sei ein weiterer Grund dafür, „warum es so wichtig ist, umfassendere Kenntnis und eine gründlichere Analyse der regionalen Situation zu haben, einschließlich des rechtlichen Rahmens und der bereits bestehenden Verwaltungsstrukturen,“ sagte Halvorsen.

„Ein zentrales Thema ist der Klimawandel, bei dem wir eine negative Dynamik zwischen den globalen Entwicklungen und den Entwicklungen in der Arktis sehen. Kurz gesagt: Die Temperaturen steigen in der Arktis schneller an – was wiederum globale Folgen haben kann.“

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Eine entscheidende Frage ist aber vor allem, wie das „arktische Paradox“ gelöst werden kann: Es braucht einen Kompromiss zwischen der Verfolgung wirtschaftlicher Möglichkeiten und der Vermeidung von Umweltzerstörung durch die zunehmende Kommerzialisierung der fragilen Region.

Beispiel Norwegen: Das Land hat sich und seiner Klimapolitik vor kurzem das Ziel gesetzt, bis 2030 den Schadstoffausstoß in die Atmosphäre um 40 Prozent gegenüber den Zahlen von 1990 zu senken. Doch während der Arktisstaat an sich vergleichsweise geringe CO2-Emissionen hat, „exportiert“ er als einer der Hauptproduzenten von Öl und Gas einen großen Teil der CO2-Ausstöße.

„Wir werden ein Gleichgewicht zwischen [Umwelt-]Schutz und Produktivität finden,“ versprach Norwegens Außenministerin Søreide in dieser Hinsicht.

Wirtschaftliche Interessen

Das globale Interesse am wirtschaftlichen Potenzial der Arktis wächst indes weiter. Wertvolle Mineralien und etwa ein Viertel der weltweit noch unentdeckten Öl- und Gasreserven werden unter den Eismassen der Region vermutet. Darüber hinaus könnten neue Schifffahrtsrouten, die aufgrund der schmelzenden Eisdecken im Sommer schiffbar werden, die Transportzeit – und die CO2-Emissionen – zwischen großen Handelszentren der Welt deutlich reduzieren.

Allerdings sind derartige „Business-Chancen“ in den letzten Jahren zunehmend mit den Rechten der indigenen Bevölkerung kollidiert. Diese fordert eine bessere Beteiligung an Entscheidungsprozessen.

„Es ist wichtig, anzuerkennen, dass die Arktis bis zu sechs Millionen Menschen eine Heimat bietet. Deren Wirtschaft könnte durch eine weiter Erschließung natürlich auch verbessert werden,“ erklärte Ole Øvretveit, Ausrichter der Konferenz Arctic Frontiers, gegenüber EURACTIV. Seiner Erfahrung nach würden die meisten Auswärtigen beim Thema Arktis jedoch vor allem an „Eisbären und Eisberge, den großen, weiten Ozean und die schmelzenden Eiskappen denken“. Diese „kraftvolle Bild“ habe trotz seiner Mängel Vorteile, denn es „könnte die Erschließung der Arktis tatsächlich aufhalten,“ glaubt er.

Das tatsächliche Leben der Menschen vor Ort sei hingegen viel schwieriger zu vermitteln, so Øvretveit. Es mangele „an grundlegendem Wissen darüber, wie die Arktis bewirtschaftet wird, wie die Menschen, die hier leben, seit Jahrhunderten und Jahrtausenden diesen Teil der Welt bewirtschaften und hier kommerzielle Aktivitäten betreiben.“

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Für ihn stelle sich daher eher die Frage, wie man lokale Gemeinschaften und indigene Völker in die Prozesse einbeziehen kann; auch, um möglichst relevantes Wissen über arktische Themen zu erhalten. Außerdem brauche es eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen nationalen und internationalen Forschungsinstitutionen, um das Wissen über die Menschen, die in der Region leben, möglichst vielen Akteuren zugänglich zu machen.

Abschließend betonte er dennoch: „All diese Dinge – globale Führer wie Trump, die unverblümt lügen und den Klimawandel leugnen, Fake News, alternative Fakten, Twittocracy… all diese Dinge sind nicht gut für die Welt, aber sie sind definitiv überhaupt nicht gut für die Arktis.“

Derartige Vorgänge „haben Auswirkungen auf die wissenschaftliche Gemeinschaft, beeinträchtigen das Vertrauen in die Forschung und führen letztendlich dazu, dass in einer Region, die ohnehin schon empfindlich genug ist, schlechte Entscheidungen getroffen werden.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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