Coronavirus-Auswirkungen: Bis zu 50 Prozent weniger Luftverschmutzung

Wenn nur noch der Desinfektions-Truck unterwegs ist (wie hier in Rom), sinken die Verkehrsemissionen verständlicherweise rapide. [EPA-EFE/MASSIMO PERCOSSI]

Da die Lockdown-Regelungen aufgrund des Coronavirus den Verkehr auf den Straßen Europas stark verringert haben, ist die Luftverschmutzung in einigen Regionen um gut 50 Prozent zurückgegangen. Das zeigen neue Zahlen, die am heutigen Mittwoch von der Europäischen Umweltagentur (EUA) veröffentlicht wurden.

Die Daten der EUA weisen auf einen starken Rückgang der Stickstoffdioxid-Emissionen hin, die hauptsächlich von Autos, Lieferwagen und Lkw verursacht werden.

Insbesondere in den stark vom Virusausbruch betroffenen italienischen Städten ist die Luftqualität besser geworden. In Mailand, einem der Epizentren der Coronavirus-Pandemie, sind die Stickstoffdioxid (NO2)-Werte im Laufe eines Monats um fast 25 Prozent gesunken. In Bergamo ist die Luftverschmutzung um 35 Prozent zurückgegangen, und auch in Italiens Hauptstadt Rom sind die Konzentrationen um bis zu 35 Prozent niedriger als im gleichen Vier-Wochen-Zeitraum des Jahres 2019.

„Es sind die Städte, wo der Kampf um das Klima gewonnen oder verloren wird"

Bürgermeister aus aller Welt treffen sich diese Woche zum C40-Gipfel in Kopenhagen, um sich für stärkeren Klimaschutz zu verpflichten. Sie konstatieren einen weltweiten Klimanotstand. Man könne nicht länger auf das Handeln der Nationalstaaten warten.

Auch auf der iberischen Halbinsel wurden in den Großstädten Barcelona, Madrid und Lissabon NO2-Reduzierungen von rund 50 Prozent registriert. Die EUA-Zahlen basieren auf stündlich aktualisierten Daten, die von mehr als 3.000 über ganz Europa verteilten Luftqualitätsmessstationen aufgezeichnet werden. 

Der Exekutivdirektor der Agentur, Hans Bruyninckx, zeigte sich jedoch (verständlicherweise) zurückhaltend, diese Auswirkung der todbringenden Pandemie als „Erfolg“ für die Luftqualität zu preisen. In Wirklichkeit stehe die gegenwärtige Krise „und ihre vielfältigen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft“ entgegengesetzt zu dem Ziel, das seine Agentur eigentlich erreichen wolle: „Nämlich eine gerechte und gut kontrollierte Entwicklung hin zu einer widerstandsfähigen und nachhaltigen Gesellschaft,“ so Bruyninckx in einer Erklärung.

Margherita Tolotto, Luftschutzexpertin beim Europäischen Umweltbüro, erklärte gegenüber EURACTIV, der Ausbruch des Coronavirus sei zwar „definitiv ein Weckruf“. Langfristig müssten aber vor allem die nationalen Regierungen effektiv „handeln, um die Luftqualität zu verbessern“.

Sie kritisierte: „Luftverschmutzung ist das größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko in Europa. Sie gefährdet unsere Gesundheit und macht uns anfälliger. Einige Menschen werden nun zum ersten Mal wirklich saubere Luft haben. Wir hätten nicht auf eine gefährliche Pandemie warten dürfen, damit die schädliche Luftverschmutzung reduziert wird.“

Europas Verkehr wird auch 2030 noch stark von Öl abhängig sein

Trotz des erklärten Ziels der EU-Kommission, den Verkehrssektor zu „dekarbonisieren“, wird der europäische Verkehrssektor wohl auch 2030 noch stark von fossilen Kraftstoffen abhängig sein.

Sauber bleiben

Nach Aufhebung der aktuellen Sicherheitsmaßnahmen könnte der Verschmutzungsgrad wieder ansteigen. Schließlich ist zu erwarten, dass die Industrie nach dem Abklingen des Virusausbruchs versuchen wird, ihren dadurch erlittenen wirtschaftlichen Schaden wieder aufzuholen.

Aus Tolottos Sicht sollten die Regierungen und die EU-Institutionen daher bereit sein, gegebenenfalls entgegenzuwirken: „Es ist wichtig, dass wir für eine Zukunft nach dieser Krise planen. Wir können es uns nicht leisten, wieder zur bisher normalen Umweltverschmutzung zurückzukehren. Programme zur wirtschaftlichen Erholung sollten den Ambitionen des Green Deal entsprechen und dazu beitragen, eine sauberere, grünere und widerstandsfähigere Zukunft zu schaffen.“

Die Europäische Kommission dürfte in diesem Jahr tatsächlich eine Reihe von Vertragsverletzungsverfahren gegen Mitgliedsstaaten einleiten, die regelmäßig die Luftqualitätsvorschriften des Blocks verletzen. Bulgarien, Frankreich und Polen haben bereits Geldstrafen für diverse Gesetzesverstöße aufgebrummt bekommen. Diese Entscheidungen werden dem Europäischen Gerichtshof wahrscheinlich als Präzedenzfälle für zukünftige Sanktionen dienen.

Im Rahmen des Green Deal will die EU-Exekutive außerdem einen Plan für „Null-Verschmutzung“ auf den Weg bringen. Dieser zielt auf eine Verbesserung der Luft-, Boden- und Wasserqualität in der Union ab.

Im Laufe des Jahres 2020 sollen Konsultationen zu diesem Plan gestartet werden. Umweltgruppen werden die Gelegenheit sicherlich nutzen, um strengere Standards zu fordern. Das Europäische Umweltbüro hat beispielsweise bereits angemerkt, dass Lärmbelästigung (Noise Pollution) trotz ihrer nachgewiesenen negativen Auswirkungen auf die Gesundheit bisher nicht berücksichtigt wird.

Auch die laufenden Verhandlungen über das langfristige Budget des Blocks – den sogenannten mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) – dürften eine Rolle bei der weiteren Eindämmung der Umweltverschmutzung spielen, zum Beispiel durch zusätzliche Gelder für die Modernisierung von Industrieanlagen.

(Bearbeitet von Benjamin Fox und Tim Steins)

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