CO2-Speicherung: „Kostspieliger Fehler“ oder „unerlässlich“ im Kampf gegen den Klimawandel?

Einige Industrien - wie die Stahl- oder Zementindustrie - stoßen sehr viele Emissionen aus, dürften in naher Zukunft aber Probleme haben sich zu elektrifizieren und ausschließlich grüne Energie zu nutzen. [Thangaraj Kumaravel / Flickr]

Ingenieure und Geologen haben Umweltgruppen scharf kritisiert. Diese hatten in der vergangenen Woche erklärt, dass Kohlenstoffabscheidungs- und -speicherungssysteme zur Reduzierung der Emissionen fossiler Brennstoffe nicht mehr als „kostspielige Fehler“ seien. EURACTIVs Medienpartner The Guardian berichtet.

Die Forschenden betonten, derartige Systeme könnten hingegen eine „lebenswichtige Waffe“ im Kampf gegen die globale Erwärmung seien. Ihrer Ansicht nach sei es nahezu unmöglich, die Netto-Emissionen bis 2050 unter Null zu bringen, wenn es nicht gelänge, Wege zu finden, CO2 abzufangen und unterirdisch zu speichern.

„Die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid ist kurzfristig die einzige effektive Möglichkeit, die wir haben, um zu verhindern, dass unsere Stahlindustrie, die Zementherstellung und viele andere Prozesse weiterhin Emissionen in die Atmosphäre blasen,“ so Professor Stuart Haszeldine von der Universität Edinburgh. „Wenn wir auch nur die geringste Hoffnung haben wollen, den globalen Temperaturanstieg unter 2 Grad Celsius zu halten, dann müssen wir dringend Wege entwickeln, um CO2 abzuscheiden und zu speichern.“

Bei der Kohlendioxidabscheidung und -speicherung (engl.: carbon capture and storage, CSS) werden die Emissionen von Kraftwerken und Fabriken „abgesaugt“, kondensiert und das entstehende Kohlendioxid in unterirdische Lagerstätten gepumpt. Das Vereinigte Königreich gilt als recht gut aufgestellt, um eine solche Technologie zu entwickeln und zu betreiben, da es viele erschöpfte Ölfelder in der Nordsee gibt, in denen dieses abgeschiedene Kohlendioxid gelagert werden könnte.

In den vergangenen 20 Jahren wurden mehrere CCS-Entwicklungsprogramme aufgelegt, die jedoch inzwischen wieder eingestellt wurden, da sich die jeweiligen Regierungen bezüglich der Finanzierung nicht einigen konnten.

"Carbon Farming" und der fehlende Zugang zum CO2-Markt

Das Konzept der Kohlenstoffsenken gewinnt als Maßnahme sowohl für den Klimaschutz als auch für die zukünftige Anpassung an den Klimawandel wieder an Bedeutung.

Premierminister Boris Johnson hat nun jedoch – als Teil seiner Strategie gegen den Klimawandel – eine Milliarde Pfund an öffentlichen Mitteln zugesagt, um die Entwicklung von vier großen CCS-Systemen in Großbritannien bis 2030 zu unterstützen. Das Ziel ist es, das Vereinigte Königreich zu einem „Weltmarktführer“ in dieser Technologie zu machen und tausende neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Aktivistinnen und Aktivisten von Global Witness und Friends of the Earth Scotland betonten letzte Woche jedoch, eine Abhängigkeit von CCS sei kein zuverlässiger Weg, um das Energiesystem zu dekarbonisieren. Sie veröffentlichten am Montag ein Papier des Tyndall Manchester Forschungszentrums für Klimawandel, das ihrer Meinung nach darlegt, dass die CCS-Technologie eine „lange Geschichte von viel versprochen und wenig geliefert“ habe.

Beide Gruppen erklärten, CCS leiste trotz der Investitionen keinen „bedeutenden Beitrag zu den Klimazielen 2030“. Stattdessen sollte vielmehr dem Bau von mehr Anlagen für erneuerbare Energien Vorrang eingeräumt werden.

Ingenieure und Geologen wiesen diese Ansicht nun zurück: „Diese Behauptungen sind ziemlich unfair,“ sagte beispielsweise Michael Stephenson, Direktor für Wissenschaft und Technologie bei der British Geological Survey. „Die Wissenschaft hinter der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung ist extrem gut. Sie bietet uns eine echte Lösung für einige der Probleme, mit denen wir bei dem Versuch, die globale Erwärmung zu bekämpfen, konfrontiert sind.“

Die meisten Erfolge bei der Reduzierung der britischen Kohlendioxid-Emissionen wurden bisher in der Stromindustrie erzielt, wo erneuerbare Energiequellen die Stromerzeugung aus Kohle-, Gas- und Ölkraftwerken bereits abgelöst haben.

Einige Industrien – wie die Stahl- oder Zementindustrie – stoßen jedoch zusätzlich zu den Emissionen, die durch die Erzeugung des von ihnen verbrauchten Stroms entstehen, noch weitere große Mengen an Kohlendioxid aus.

Es wird deutlich schwieriger sein, die CO2-Emissionen dieser Anlagen zu senken. Gleichzeitig gelten diese Industriezweige als entscheidend für die wirtschaftliche Stärke des Vereinigten Königreichs.

Mit "blauem Wasserstoff" gegen das Huhn-Ei-Problem

Die Europäische Kommission hat ein klares langfristiges Ziel der Förderung von sogenanntem „grünem Wasserstoff“, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien hergestellt wird. Als Brückentechnologie will man in Brüssel aber auf Wasserstoff auf fossiler Basis in Kombination mit CO2-Speicherung setzen.

Auf diese Tatsache weist auch Professor Haszeldine hin: „Als CCS zum ersten Mal angepriesen wurde, wurde es als eine Möglichkeit gesehen, Strom zu „reinigen“, der mit fossilen Brennstoffen erzeugt wurde, insbesondere Kohlestrom. Aber jetzt ist klar, dass [die Technologie] eine Schlüsselrolle bei der Reinigung anderer Industrien spielen kann. Wir müssen ihre Entwicklung nur vorantreiben, damit Großbritannien Wege findet, Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entfernen. Je länger wir zögern, desto schlimmer wird es werden, und Behauptungen, dass CCS nicht funktionieren wird, sind dabei nicht hilfreich.“

Bob Ward, Policy Director am Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment, steht den Aussagen der Umweltschutzgruppen ebenfalls kritisch gegenüber: „Die Opposition einiger Aktivisten gegen die CCS-Technologie scheint von einem Hass auf fossile Brennstoffunternehmen getrieben zu sein. Das verhindert aber ein nüchternes Verständnis darüber, wie wir den Klimawandel stoppen können,“ sagte er dem Observer.

„Zusammen mit unentschlossenen politischen Entscheidungsträgern sind sie somit mitverantwortlich dafür, dass das Vereinigte Königreich davon abgehalten wird, eine globale Anstrengung zur Weiterentwicklung dieser Technologie anzuführen.“

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Editor’s note: This article was originally published in The Guardian Environment and is reproduced here by kind permission.

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