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02/12/2016

CO2-Emissionen: Autokonzerne tricksen massiv bei Spritverbrauch

Energie und Umwelt

CO2-Emissionen: Autokonzerne tricksen massiv bei Spritverbrauch

Eine neue Studie zeigt, dass Autos auf der Straße viel mehr Kraftstoff verbrauchen, als von den Herstellern angegeben.

[gravitat-OFF/Flickr]

Autos verbrauchen wesentlich mehr, als die Hersteller behaupten. Dabei geht es laut der Umweltorganisation ICCT um eine Abweichung von 42 Prozent – die durch legale Schlupflöcher entsteht.

Autos verbrauchen wesentlich mehr Kraftstoff, als vom Hersteller behauptet. Und die Kluft zwischen dem wirklichen Verbrauch und dem, was die Autokonzerne nach eigenen Angaben in Testverfahren ermitteln, ist hat enorme Werte erreicht, zeigt nun eine Studie vom Öko-Forschungsinstitut International Council on Clean Transportation (ICCT).

Mit einer Differenz von 42 Prozent zwischen Testverbrauch und realem Verbrauch, sind die Abweichungen demnach „so groß wie noch nie“.

„Wir haben die Daten für etwa eine Million Fahrzeuge aus sieben europäischen Ländern untersucht und sämtliche Datenquellen bestätigen, dass die Lücke zwischen dem von Herstellern veröffentlichten Kraftstoffverbrauch und dem tatsächlich vom Kunden festgestellten Verbrauch einen neuen Höchststand erreicht hat”, sagt Uwe Tietge, ICCT-Forscher und einer der Autoren der Studie. „Als wir unsere Studie im Jahr 2013 zum ersten Mal veröffentlichten, lag die Diskrepanz noch bei etwa 25 Prozent. Heute sind es bereits 40 Prozent für neu auf den Markt kommende Privatfahrzeuge und mehr als 45 Prozent für neue Firmenfahrzeuge.“

Der ICCT berief sich für seine Studie auf Ergebnisse einer gemeinsamen Untersuchung mit der Niederländischen Organisation für Angewandte Wissenschaftliche Forschung (TNO). Daten für etwa eine Million Fahrzeuge aus sieben europäischen Ländern wurden dafür ausgewertet. Als Quelle dienten Onlinevergleichseiten für Spirtverbräuche sowie Messergebnisse von Automagazinen.

Legale Schlupflöcher

Doch wie sind die großen Abweichungen möglich? „Ungefähr drei Viertel der Diskrepanz zwischen Real- und Testverbrauch ist darauf zurückzuführen, dass Fahrzeughersteller immer systematischer Schlupflöcher in der bestehenden Regulierung ausnutzen,“ sagt Dr. Peter Mock, Geschäftsführer von ICCT in Europa.

Wegen der strengeren Grenzwerte für CO2-Emissionen – die direkt mit dem Kraftstoffverbrauch in Verbindung stehen – müssen Autohersteller immer stärker auf Umweltauflagen achten. Bei Verstößen drohen hohe Strafen.

Labortest versus Alltagsbetrieb

Doch die Hersteller können die Reifen eines Fahrzeugs speziell für den Test präparieren oder die Batterie des Fahrzeugs vor dem Test voll aufladen – Maßnahmen, die zwar gesetzlich nicht streng verboten sind, aber dennoch nicht das reale Fahrverhalten widerspiegeln. Die restliche Diskrepanz beruht auf Technologien, die im Labortest einen größeren Kraftstoff-Einspareffekt zeigen als im normalen Alltagsbetrieb, wie zum Beispiel die Start-Stopp-Technologie.

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Das hat nicht nur spürbare Folgen für die Geldbörse von Autofahren, auf die damit Mehrausgaben für Sprit in Höhe von rund 450 Euro pro Jahr zukommen. Auch die Umwelt leidet mehr bislang als gedacht.

„Statt konsequent auf saubere und sparsame Technologie zu setzen, wird auch noch das letzte Schlupfloch ausgenutzt, um den Verbrauchswert der Spritschlucker schön zu rechnen“ kommentiert Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament. Den Nachteil, kritisiert sie, hätten die Verbraucher, die deutlich mehr für Kraftstoff bezahlen müssen als von den Herstellern behauptet und es schadet dem Klima, da mehr CO2 in die Luft geblasen wird.

Harte Sanktionen für die Autohersteller nötig

Auch der ökologische Verkehrsclub VCD zeigte sich enttäuscht – und fordert Konsequenzen: Weichen die auf der Straße ermittelten realen CO2-Werte – ob von Neu- oder Serienwagen – um mehr als 10 Prozent von den Herstellerangeben ab, müssen Sanktionen für die Autohersteller folgen, so der Verband.

„Es ist auch zu erwarten, dass bei dem neuen, realitätsnäheren Testverfahren WLTP, dass im Herbst nächsten Jahres eingeführt wird, Hersteller wieder ihre Kreativität einsetzen werden, um ihre Werte zu schönen“, warnt Michael Müller-Görnert, Referent für Verkehrspolitik beim VCD.

Zurzeit wird der Kraftstoffverbrauch von Pkw unter einheitlichen Bedingungen, dem in den 80er Jahren entwickelten sogenannten Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) in Testlabors ermittelt. Die Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure (WLTP), eine verbesserte Testprozedur, die unter Beteiligung der Autoindustrie von den Vereinten Nationen entwickelt wurde, wird ab 2017 in der EU eingeführt.

Das ICCT fordert noch eine weitere Prüfung: „Zudem bedarf es systematischer Nachtests von Serienfahrzeugen durch unabhängige Stellen“, sagt ICCT-Europa-Chef Mock.

 

Positionen

Rebecca Harms,Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament:

"Die Untersuchungen zeigen, dass die Automobilindustrie noch immer nicht umgeschaltet hat. Statt konsequent auf saubere und sparsame Technologie zu setzen, wird auch noch das letzte Schlupfloch ausgenutzt, um den Verbrauchswert der Spritschlucker schön zu rechnen. Den Nachteil haben die Verbraucher, die deutlich mehr für Kraftstoff bezahlen müssen als von den Herstellern behauptet und es schadet dem Klima, da mehr CO2 in die Luft geblasen wird.  Wir brauchen bessere Tests – nicht nur im Labor, sondern auch auf der Straße und wir brauchen unabhängige Nachtests."

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