Klimawandel: Die Tücken der CO2-Preisgestaltung

Ist die Aufregung über die CO2-Preisgestaltung überbewertet? [Sebastian Kahnert/EPA]

Antonin Pottier, junger Wirtschaftswissenschaftler bei MINES Paris Tech, ist in seinen Veröffentlichungen sehr kritisch, was die CO2-Preisgestaltung betrifft. Seiner Meinung nach, wird ihr viel zu viel Bedeutung beigemessen werden. EURACTIVs Medienpartner La Tribune berichtet.

Die meisten Ökonomen und informierten Beobachter haben sich lange für eine einheitliche CO2-Preisgestaltung ausgesprochen – auch, wenn es in den letzten Jahren immer wieder entsprechende nationale Vorstösse gegeben hat, einige davon in sehr großem Masse, wie in China, das sein Emissionshandelssystem in den nächsten Jahren auf nationale Ebene  ausdehnen will – scheint die Suche nach einem einheitlichen Preismechanismus zunehmend schwieriger zu sein.

Antonin Pottier zufolge, Forscher am Zentrum für Industrieökonomie (CERNA) bei MINES Paris Tech und Autor von „Comment les économsites réchauffent la planète“, schadet die zentrale Bedeutung eines einheitlichen CO2-Preises, wie sie ihm durch die Wirtschaftstheorie zugewiesen wird, eher.

Getrübte Debatte

„Die Wirtschaftswissenschaft vermittelt den Eindruck, dass die einzige Möglichkeit, Treibhausgasemissionen zu geringeren Kosten zu reduzieren, darin besteht, ein Preissignal zu senden, indem ein CO2-Preis festgesetzt wird, der für alle Sektoren unbedingt ein einheitlicher Preis sein muss“, so Pottier.

„Es ist mehr oder weniger ein Dogma, ein obligatorischer Vorschlag, der das Problem verschleiert“, fügte er hinzu.

Der CO2-Preis ist jedoch nicht das A und O der Klimapolitik. Andere Signale sind möglich in Bezug auf Informationen, als Richtlinien für Bürger, Gesetzgebung und Entscheidungen über Investitionsfinanzierungen.

„Aber diese werden entweder nicht erhoben oder nicht ernst genommen“, sagt Pottier. „Bei der Energieeffizienz werden Investitionen, die eine sofortige Rendite bringen würden, einfach nicht getätigt“.

Das zeige deutlich, dass dies nicht nur eine Frage des Preises ist, sondern auch entsprechende Bildungspolitik, sowie die Entwicklung von Handwerks- und Industriesektoren und Finanzierungsmechanismen erfordert.

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Das Pariser Abkommen setzt auf einen lokalen Ansatz

Einige Dinge scheinen sich jedoch in die richtige Richtung zu bewegen. Zum Beispiel berücksichtigt die Debatte nach und nach die Vorteile für die Gesundheit und die Vermeidung von Todesfällen. Zudem wirken sich die globalen Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels auch lokal positiv aus, beispielsweise im Hinblick auf die Luftqualität.

Selbst die Art der UN-Verhandlungen hat sich nach dem Pariser Abkommen geändert. Das Kyoto-Protokoll (1997) basierte noch auf einen zentralisierten Ansatz. Ziel war es, durch Quotentausch Bemühungen in jene Länder zu lenken, in denen die Emissionsreduktionen am günstigsten waren.

Dies galt jedoch nur für die Emissionen der Industrieländer (obwohl die Vereinigten Staaten den Vertrag nie ratifiziert haben), da die Entwicklungsländer nicht damit einverstanden waren, diese Begrenzung auf ihre Emissionen auszuweiten.

„Das Pariser Abkommen verfolgt einen wesentlich lokaler ausgerichteten Ansatz. Jedes Land beteiligt sich mit den Anstrengungen, das es zu leisten bereit ist. Ziel ist es, Impulse zu setzen, damit der Aufwand zur Erfüllung der Ziele schrittweise steigt“, erklärt Pottier.

Alternative zum einem Preis pro emittierter Tonne CO2

„Selbst wenn alle daran teilnehmen, wird eine es Lücke zwischen den Zielen und den Maßnahmen in zweierlei Hinsicht geben.“

Auf der einen Seite zwischen den von den Teilnehmerstaaten angekündigten Beiträgen und dem, was getan werden muss, um unter 2 ° C zu bleiben, aber auch zwischen den Beiträgen und den tatsächlich ergriffenen Maßnahmen.

„Die Emissionsverläufe spiegeln nicht die erwarteten Reduktionen wider“, fügt Pottier hinzu.

Was den von Ökonomen befürworteten einheitlichen CO2-Preis anbelangt, stößt er auf Hindernisse, insbesondere auf politische. „Sollten wir diesen Vorschlag, der wahrscheinlich nicht umgesetzt wird, ständig wiederholen oder sollten wir endlich etwas anderes versuchen?“

Das Europäische Emissionshandelssystem (ETS) hat seine Grenzen gezeigt, insbesondere im Umgang mit unvorhergesehenen Ereignissen wie der Wirtschaftskrise von 2008, die zu einem Überangebot an Quoten auf dem Markt führte und zu einem starken Preisrückgang pro Tonne führte.

„Was die Möglichkeit einer Steuer anbelangt, ist das mittelfristig erforderliche Niveau von unter 2 ° C sehr hoch. Dies wird auf politischer Ebene noch schwieriger zu akzeptieren sein, da es zu erheblichen Einnahmenübertragungen führt, die stark verteilt wären. In der Theorie wissen wir, wie man das ausgleichen kann, aber in der Praxis ist es kompliziert „, warnt Pottier.

Dies wirft eine andere Frage auf: „Wie können wir rechtlich gesehen die Entwicklung eines Preises über oder am Ende eines Zeitraums von 40 Jahren gewährleisten?“

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Eine Kombination von Mechanismen

Die Kombination bestimmter Mechanismen führt jedoch in der Realität zu differenzierten Preisen.

„Das Vorhandensein mehrerer verschiedener Techniken bei der Mischung aus Gesetzgebung, Steuern und Anreizen führt zu Unterschieden bei den zusätzlichen Kosten pro vermiedener Tonne CO2-Ausstoßes. Das ist nicht notwendigerweise ein Problem. Wir können uns sogar differenzierte Preise je nach Sektoren und je ihrer Wirkungsgeschwindigkeit vorstellen“, so Pottier.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie diese unterschiedlichen Mechanismen auf nationaler und internationaler Ebene koordiniert werden können, um die versprochenen Emissionsverläufe zu erfüllen.

Einige Staaten verfolgen bereits mehrere gemeinsame Ziele, etwa das europäische 3X20-Ziel, das auf eine Verringerung der Treibhausgasemissionen, einen Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix und eine Verbrauchsreduzierung abzielt.

„Bis zu einem gewissen Grad ergänzen europäische Staaten das (schwache) Preissignal, das der EU-ETS-Markt durch andere politische Maßnahmen sendet“, so der Forscher.

Versuche, eine Steuerrückwirkung zu vermeiden

Subnationale Akteure, insbesondere auf kommunaler Ebene, reagieren weniger sensibel auf das Preisdogma als die nationalen Regierungen. „Da sie keine Preisoptionen haben, müssen sie andere Wege finden, um ihre Bürger zum Handeln zu bewegen“, sagt Pottier. Lokale Initiativen sind umso wichtiger, als sie die betroffene Bevölkerung stolz machen.

„Sie wollen weitermachen, weiter gehen. Deshalb besteht die Herausforderung darin, die Interessengruppen von dem inneren Wert der Energiewende zu überzeugen“, betont er. „Es muss von den Menschen kommen und nicht nur eine Reaktion auf ein Preissignal sein, zumal es gezeigt werden muss, dass bestimmte externe Faktoren, insbesondere finanzielle Faktoren, die intrinsischen Motivationen schwächen können.“

In diesem Zusammenhang warnt der Wirtschaftswissenschaftler: „Ohne intrinsische Motive wird die Einführung eines hohen Preissignals zu einer Steuerrückwirkung führen.“