Business as usual in der Erdölindustrie

Aktuelle Investitionen der Erdölindustrie sind nicht mit den internationalen Klimazielen vereinbar, so eine neue Carbon Tracker-Studie. [EPA-EFE/TANNEN MAURY]

Tiefwasseröl in Aserbaidschan und Angola, Ölsandvorkommen in Kanada, riskante Explorationen in der Arktik. Mineralölfirmen haben seit vergangenem Jahr 50 Milliarden US-Dollar in Projekte gesteckt, welche die Pariser Klimaziele unterlaufen. Immer mehr Aktionäre halten solche Investitionen für zu riskant.

Die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen muss in den kommenden Jahren deutlich fallen, wenn die internationalen Klimaziele erreicht werden sollen. Nur Niedrigkost-Projekte können unter diesen Bedingungen Gewinne abwerfen. Trotzdem investieren sämtliche große Mineralölkonzerne weiterhin in Milliarden-Projekte, die in einer CO2-armen Wirtschaft keinen Profit mehr bringen – das zeigt eine neue Studie des Thinktanks Carbon Tracker Initiative.

Die Studie listet 18 Projekte im Wert von 50 Milliarden US-Dollar. Darunter etwa ExxonMobils 2,6 Milliarden Investition in die Aspen-Ölsandförderung in Kanada. Es ist das erste Projekt seiner Art seit fünf Jahren. Das liegt unter anderem daran, dass der Ölsandabbau sehr teuer ist, erklärt der Carbon Tracker-Studienautor Andrew Grant. Das Projekt wird als besonders umweltschädlich gewertet, weil bei der Verarbeitung von Ölsand sehr viel CO2 produziert wird.

„Mineralölunternehmen wetten gegen eine 1,5 Grad-Welt, indem sie in Projekte investieren, die nicht mit den Pariser Zielen kompatibel sind“, sagt Grant. Die größten Firmen, ExxonMobil, Chevron, Shell, BP, Total, Eni und ConocoPhillips mit Equinor hätten allesamt je mindestens 30 Prozent ihrer Investitionen im Jahr 2018 in Förderungen gesteckt, die nicht zukunftsfähig seien.

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Die Risiken, die solche Projekte mit sich bringen, rufen auch Investoren auf den Plan. Der Klimawandel, er ist über die vergangenen Monate auch in der Finanzwelt zum prominenten Thema geworden. Denn die gewaltigen Veränderungen, die der Wirtschaft bevorstehen, bedeuten neue Risiken für Investoren, die bislang schwer abzuschätzen sind. Dazu kommt, dass es für Investoren oftmals schwierig ist, festzustellen, welche Firmen „Paris-konform“ handeln.

Beispiel BP: Das Mineralölunternehmen hat im Februar eine Resolution veröffentlicht, wonach  es sich verpflichten will, seine Strategie nach den Pariser Zielen auszurichten. Dazu hat die Initiative Climate Action 100+ gedrängt, die Investoren mit einem Kapital von 34 Billionen US-Dollar vertritt.

Doch bislang seien das alles leere Versprechungen, so die Carbon Tracker-Studie. „Die Erdölindustrie verfolgt weiterhin ein business-as-usual-Modell und wird das wohl auch in Zukunft tun, solange sie Profite sieht“, sagt Grant. Ob die Projekte dann aber tatsächlich profitabel sind, hängt von der weiteren Entwicklung der globalen Klimapolitik ab.

Die Autoren berechnen, dass Mineralölunternehmen riskieren, bis 2030 2,2 Billionen US-Dollar zu verschwenden, wenn sie ihre Entscheidungen nach der aktuellen Emissionspolitik ausrichten – diese würde zu einer Erderwärmung von fatalen 2,7 Grad führen, so Climate Tracker.

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Noch in diesem Jahr stehen Investitionsentscheidungen über weitere 21 Milliarden US-Dollar für 12 Projekte an, die inkompatibel mit einer CO2-armen Weltwirtschaft sind, so Carbon Tracker. Unter den Mineralölriesen riskiere vor allem ExxonMobil große Verluste – über 90 Prozent seiner Ausgaben für 2019-2030 würden den 1,6-Grad-Weg bei weitem verfehlen. Im Fall von Shell sind es 70 Prozent, Total 67 Prozent, Chevron 60 Prozent, BP 57 Prozent und Eni 55 Prozent.

Für Investoren bedeuten diese Zahlen ein zunehmendes Risiko. „Investoren verlieren ihr Vertrauen in die Erdölindustrie. In den vergangenen Jahren haben wir erhebliche Preisschwankungen gesehen und mit der Energiewende werden Sorgen lauter, solche Firmen im Portfolio zu haben“, sagt Margaret-Ann Splawn von der Climate Markets and Investment Association (CMIA) in London.

Gleichzeitig sei es aber impraktikabel zu glauben, die Erdölindustrie könne von einem Moment auf den anderen ihren Kurs verändern – dafür sei sie viel zu groß und schwerfällig, sagt sie. Die große Frage sei, welche Firmen am Ende besser vorbereitet seien für die großen Veränderungen. „Das herauszufinden ist die Herausforderung, mit der Investoren heute konfrontiert sind“, so Splawn.

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