Brüssel wird neuen AKWs „nicht im Weg stehen“

Ein Mann, ein Papier: EU-Kommissar Frans Timmermans will den AWK-Plänen einiger EU-Staaten nicht im Weg stehen, verweist aber auf die immensen Risiken und Kosten. [EPA-EFE/OLIVIER HOSLET]

Die Europäische Kommission werde Ländern, die sich für den Bau neuer Atomkraftwerke entscheiden, „nicht im Weg stehen“, so EU-Klimachef Frans Timmermans. Er warnte dennoch vor den Langzeitkosten, die bedeuten würden dass Staatem „lange, lange, lange Zeit an der Technologie hängen bleiben werden“.

Die Europäische Kommission bleibe „technologieneutral“, wenn es um Atomkraft geht: Man werde an dieser Position festhalten, sagte Timmermans, der bei der EU-Exekutive als Vizepräsident für den Europäischen Green Deal zuständig ist.

„Der große Vorteil der Atomkraft ist natürlich, dass sie emissionsfrei ist“, räumte er am Montag während eines Online-Chats mit Fatih Birol, dem Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), ein.

„Wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass dies Ihre beste Option ist, wird die Kommission Ihnen sicherlich nicht im Weg stehen,“ bekräftigte er, als Birol ihn nach seinen Ansichten zur Kernenergie fragte.

Die Erklärung von Timmermans legt nahe, dass die Europäische Kommission staatliche Beihilfen für neue Nuklearprojekte in Polen und der Tschechischen Republik nicht blockieren wird, die Interesse an der Technologie als Mittel zur Erreichung der EU-Klimaziele bekundet haben.

Erst in der vergangenen Woche kündigte Warschau an, dass es die Genehmigung der EU für den Bau eines Atomkraftwerks auf der Grundlage von US-Technologie einholen werde, und betonte, es sei „heutzutage unmöglich, ein Atomkraftwerk ohne staatliche Unterstützung zu bauen“.

Das Land will im Rahmen seiner Pläne zum Ausstieg aus der Kohlekraft 6-9 Gigawatt (GW) Kernenergiekapazität aufbauen. Es strebt an, den Bau seines ersten Kernkraftwerks bis 2033 abzuschließen, hat aber noch keinen Finanzierungsplan ausgearbeitet.

Im Rahmen einer Anfang der Woche getroffenen Vereinbarung teilte das US-Energieministerium mit, dass Warschau wahrscheinlich 18 Milliarden Dollar an Atomtechnologie von US-Unternehmen kaufen wird.

Die Tschechische Republik ihrerseits sagte, sie habe „keine andere Wahl als Atomenergie“, um die EU-Klimaziele zu erreichen. Man werde höhere Klimaziele nur unterstützen, wenn Brüssel  im Gegenzug einen geplanten Antrag auf staatliche Beihilfen für den Bau eines neuen Atomblocks in Dukovany genehmigt.

Polen will seine Kohleabhängigkeit beenden – mit Atomenergie

Polens Energieminister hat angekündigt, die drei aktuellen Kohleprojekte könnten die letzten im Land sein. Stattdessen wolle man die Atomenergie voranbringen.

Obwohl Wind- und Sonnenenergie schnell wachsen, machen erneuerbare Energien heute nur 15 Prozent der gesamten Stromerzeugung in der EU aus, merkte Birol an und sagte, dass die Kernkraft „eine weitere Null-Emissions-Technologie“ sei, die derzeit „etwa 27 Prozent“ der Stromerzeugung in Europa ausmacht.

Timmermans räumte die Vorteile ein, die die Kernenergie beim Übergang zu einer CO2-freien Wirtschaft bringen könnte, wies aber auf „ernsthafte Nachteile“ hin, wie Uranimporte und die Handhabung radioaktivem Abfalls.

„Der zweite Nachteil, den ich erwähnen muss, ist, dass sie sehr teuer ist“, sagte Timmermans. „[Die Atomenergie] ist sehr, sehr teuer. Und wenn man in sie investiert, bleibt man für einen sehr, sehr langen Zeitraum daran hängen“, fügte er hinzu und verwies auf die Notwendigkeit, den gesamten Lebenszyklus der Investition zu berücksichtigen, von den Baukosten bis zur Abfallbehandlung.

Angesichts des raschen Rückgangs der Kosten für Solar- und Windenergie forderte Timmermans die Länder, die die Kernenergie in Betracht ziehen, dazu auf, „auf völlig rationale Weise“ zu entscheiden.

„Sehen Sie sich die Zahlen und Kosten an und ziehen Sie dann Ihre Schlussfolgerung. Das ist mein einziges Plädoyer“, sagte er. „Wenn Sie sich für neue Atomkraftwerke entscheiden, seien Sie sich der massiven, enormen Investitionen bewusst, die Sie benötigen werden, und seien Sie sich der Kosten“ – über den gesamten Laufzyklus bewusst – „was bedeutet, dass Sie für eine lange, lange, lange Zeit daran festhalten werden müssen“.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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