BP „überrascht“ von der Geschwindigkeit der Energiewende

Öl-Riesen wie BP sagen jedes Jahr eine Verlangsamung des Wachstums der erneuerbaren Energien vorher - "und jedes Jahr lagen sie damit falsch," kritisieren NGOs. [EPA/BERND THISSEN]

Das Tempo, mit dem Indien und insbesondere China Solarstrom vorantreiben, hat die BP-Analysten überrascht, gab der Chefvolkswirt des Unternehmens in einem Interview mit EURACTIV zu.

Als der Öl- und Gaskonzern BP im vergangenen Februar seinen Energieausblick 2018 veröffentlichte, betonte der Vorstandsvorsitzende im Vorwort des Berichts, dass „ein Kernthema“ der diesjährigen Ausgabe „die Geschwindigkeit der laufenden Energiewende“ sei.

Im Gespräch mit EURACTIV in Brüssel diese Woche ging der Chefökonom von BP, Spencer Dale, noch weiter und räumte ein, dass sein Unternehmen einen „Fehler“ bei der Bewertung der Übergangsgeschwindigkeit gemacht habe.

„Wir wollen gar nicht so tun, als hätten wir nichts falsch gemacht – wir haben diesen Fehler gemacht,“ gab Dale unumwunden zu und erklärte, BP habe seine Wachstumsprognosen für erneuerbare Energien deshalb „revidiert“.

„Die Haupterklärung ist die Solarenergie,“ betonte Dale. Er erklärte, dass das beeindruckende Wachstum der Photovoltaik weltweit einer typischen „Lernkurve“ folgte, bei der die Kosten bei jeder Verdoppelung der Solarkapazitäten um etwa 25 Prozent sinken.

„Wir waren nicht von der Steilheit dieser Kurve überrascht,“ betonte Dale, sondern vielmehr davon, wie weit die Welt auf dieser Kurve bereits vorangekommen sei – vor allem China und Indien.

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BP überrascht vom Tempo der chinesischen Energiewende

Für BP sagen die überraschenden Zahlen „weniger über Solarenergie und mehr über das Tempo der Energiewende in China und das Tempo, mit dem sie ihren Anteil an Kohle reduziert und dieses Loch mit Solarenergie gefüllt haben,“ so Dale.

Das Muster ist jedoch bekannt: Seit Jahren unterschätzen die Internationale Energieagentur (IEA) und Ölkonzerne wie BP und ExxonMobil das Wachstum der erneuerbaren Energien regelmäßig in ihren jährlichen Energieaussichten.

„Jedes Jahr hat BP eine plötzliche Verlangsamung des Wachstums der erneuerbaren Energien vorhergesagt – und jedes Jahr lagen sie damit falsch,“ kritisierte Greg Muttitt von der Umwelt-NGO Oil Change International bereits, als BP seine Energieprognose für 2017 veröffentlichte.

Die genauesten Wachstumsprognosen für erneuerbare Energien stammen tendenziell von Greenpeace und anderen Umwelt-NGOs, so die Kritiker. Doch selbst diese hätten sich im Nachhinein als leicht konservativ erwiesen.

„Wir waren überrascht – aber mehr oder weniger jede Energieprognose, die mir bekannt ist, war überrascht,“ antwortete Dale auf die Frage nach der Genauigkeit der Vorhersagen der IEA und anderer Branchenaussichten.

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Einschätzungen der EU ebenfalls aktualisiert

In Brüssel gab die Europäische Kommission kürzlich ebenfalls zu, dass sie von dem raschen Rückgang der Kosten für erneuerbare Energien überrascht sei. Die Exekutive aktualisierte daraufhin ihre eigenen Prognosen auf Grundlage „neuer Erkenntnisse“.

Die Abweichungen zwischen den Prognosen für erneuerbare Energien und der Realität können in einer Zeit, in der die EU-Gesetzgeber über die EU-Politik für erneuerbare Energien bis 2030 entscheiden, erhebliche Auswirkungen haben.

Die Diskussion in Brüssel konzentriert sich hauptsächlich auf Anteils-Ziele für erneuerbare Energien am Gesamtstrommix, wobei das Europäische Parlament auf ein ehrgeizigeres Ziel von 35 Prozent drängt – gegenüber den 27 Prozent, die die EU-Mitgliedstaaten vorläufig vereinbart hatten.

„Kein Wettlauf um erneuerbare Energien“, sondern ein Wettlauf um weniger Kohle

Auf Nachfrage von EURACTIV weigerte sich Dale, sich in eine Diskussion über solche Anteilsziele hineinziehen zu lassen. Er erklärte, er sei nicht qualifiziert, über die Politik zu urteilen. „Wenn wir über den Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft nachdenken, sollten wir dies nicht im Sinne eines Wettlaufs um erneuerbare Energien gestalten,“ sagte er weiter und verwies auf die „abnehmenden Erträge“ der Investitionen in erneuerbare Energien.

„Dies ist kein Wettlauf um erneuerbare Energien, sondern ein Wettlauf um die Reduzierung von CO2-Emissionen. Und dazu gibt es viele Wege,“ betonte der BP-Ökonom. Er erinnerte dabei an die „massive Erfolgsgeschichte“ der Energieeffizienz in Europa.

Dale warnte auch davor, dass Chinas massiver Ausbau der Solarenergie irgendwann zum Stillstand kommen könnte: „Es kann nicht jedes Jahr im gleichen Tempo weitergehen.“

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BP betont auch, seine Szenarien seien „keine Vorhersagen“, sondern „eine Reihe von „Was-wäre-wenn“-Experimenten“, die den Entscheidungsträgern helfen sollen, „die Unsicherheit besser zu verstehen“, mit der sie konfrontiert sind.

„Jedes einzelne dieser Szenarien wird auf die eine oder andere Weise falsch sein – das weiß ich,“ so Dale. BP wolle dennoch versuchen, „die Quelle des aktuellen Fehlers zu verstehen“ und die aktualisierten Zahlen für erneuerbare Energien in seine nächste Energieperspektive aufzunehmen.

Dale schloss: „Hoffentlich haben wir unsere Lektion gelernt.“

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