Biokraftstoffe sind wohl trotz Verbrenner-Aus ab 2035 nicht am Ende

Die Agroetanol-Bioraffinerie von Lantmännen in Schweden ist die größte in der nordischen Region. [Jeppe Gustafsson / Shutterstock]

Kritiker:innen sehen in der Position des Europäischen Parlaments, bis 2035 keine Abgasemissionen mehr zu verursachen, praktisch ein Mandat für Elektrofahrzeuge, das Biokraftstoffe ausschließt. Die Industrie sieht das allerdings anders.

Als das Europäische Parlament Anfang dieses Monats seine Version der Gesetzgebung für die CO₂-Ziele für die Fahrzeugflotte bis 2035 verabschiedete, wurde dies weithin als ein Verbot des Verbrennungsmotors bezeichnet.

Tatsächlich verpflichtet der Entwurf alle neu auf den Markt gebrachten Fahrzeuge zu einer 100-prozentigen Emissionsreduzierung, was neue Benzin- und Dieselfahrzeuge praktisch ausschließt.

Die Autoindustrie hat den Standpunkt des Parlaments, der noch mit den Positionen der Mitgliedstaaten in Einklang gebracht werden muss, als nicht gangbar bezeichnet.

Auch die Biokraftstoffbranche ist grundsätzlich besorgt. Ohne Verbrennungsmotoren, die für Benzin und Diesel ausgelegt sind, gerät die Hoffnung, fossile Brennstoffe durch Biokraftstoffe zu ersetzen, in Gefahr.

Einige Abgeordnete sind ebenfalls nicht mit dieser Entwicklung einverstanden, da der Vorschlag gegen das Mantra der EU verstoße, einen technologieneutralen Ansatz zu verfolgen.

„Ich habe gegen das 100-Prozent-Ziel und für das 90 Prozent Ziel gestimmt“, so die finnische Mitte-Rechts-Abgeordnete Henna Virkkunen, Mitglied des Industrie- und Verkehrsausschusses des Parlaments, auf einer EURACTIV-Veranstaltung vergangene Woche.

„Ich wollte Raum für andere Kraftstoffe lassen – nicht nur für Wasserstoff und Elektroautos. Meiner Meinung nach gibt es immer noch einen Bedarf an Biogas und erneuerbaren Kraftstoffen. Aber wie wir wissen, hat sich die Mehrheit für 100 Prozent ausgesprochen.“

Nach Ansicht von Virkkunen „ist dies eine Frage der Technologieneutralität. Diese Verpflichtung gerät oft aus dem Blick, wenn wir über Verkehrsfragen sprechen“.

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Lebenszyklus-Emissionen

Der Standpunkt des Parlaments entsprach dem ursprünglichen Vorschlag der Europäischen Kommission.

Die Idee einer 100-prozentigen Emissionsreduzierung wird im Rat jedoch auf Widerstand stoßen, da die Verkehrsminister:innen der 27 nationalen Regierungen der EU nicht davon überzeugt sind, dass ein vollständiger Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor bis 2035 machbar sei. Auch Deutschlands Volker Wissing hat sich skeptisch zu Wort gemeldet.

Bernd Kuepker, Referent in der Energieabteilung der Europäischen Kommission, sagte auf der Veranstaltung, es sei logisch, dass der Schwerpunkt auf der Elektromobilität liegen müsse.

„Wir wissen, dass wir nur eine begrenzte Menge an Ressourcen haben, und müssen entscheiden, wo wir sie einsetzen wollen“, sagte er. „Es wird schwierig sein, Kraftstoff auf Wasserstoffbasis herzustellen, daher sollten wir ihn nur in den Bereichen einsetzen, in denen keine Alternativen verfügbar sind, wie in der Luftfahrt, der Schifffahrt oder der Industrie.“

„Wir haben also große Hoffnungen, dass die Elektrifizierung von Personenkraftwagen eine recht einfache Lösung sein wird, die bevorzugte Option, denn der Elektromotor hat einen sehr hohen Wirkungsgrad und kann einen Beitrag für das gesamte Energiesystem leisten, da die Batterien auch für die Nachfragesteuerung verwendet werden können“, so Kuepker.

Würde das Ziel einer 100-prozentigen Emissionsreduzierung für Autos bis 2035 also das Ende des Biokraftstoffs für Autos bedeuten?

„Nein, ich glaube nicht, dass das das Ende der Biokraftstoffe ist“, sagte Valérie Corre, europäische Direktorin für regulatorische Angelegenheiten beim französischen Bioethanolhersteller Tereos.

„Heute kaufen die meisten Menschen Verbrennungsmotoren oder Hybride“, merkte sie an. Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Autos zehn bis zwölf Jahre beträgt, „bringt uns das bestenfalls bis 2035“, fügte sie hinzu.

Wenn ab diesem Zeitpunkt in Europa nur noch Elektrofahrzeuge verkauft werden dürfen und es nicht genügend Ladestationen gibt, „was werden die Verbraucher:innen dann tun?“, fragte Corre. „Sie werden ihr derzeitiges Auto so lange wie möglich behalten.“

Laut Corre bedeutet dies, dass das tatsächliche Ende von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor in Europa eher um 2040 oder später eintreten wird.

„Bis dahin werden sich die Dinge vielleicht noch ändern. Es ist also nicht das Ende von Bioethanol.“

Corre sagte jedoch, dass die Gesetzgebung Biokraftstoffe ungerechtfertigterweise benachteiligen würde, da sie nicht die gesamte Lebenszyklusanalyse von Elektrofahrzeugen berücksichtige – bei denen Emissionen während der Herstellung des Fahrzeugs, der Produktion der Batterie und der Erzeugung des Stroms entstehen.

„Eine Reihe von Interessenvertreter:innen forderte, dass die 100 Prozent oder 90 Prozent auf einer fairen Grundlage berechnet werden müssten, also unter Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus“, sagte Corre.

„Wenn wir sagen, dass ein Elektroauto keine Emissionen verursacht, nur weil wir die Emissionen am Auspuffrohr messen, und alle vorherigen Emissionen völlig außer Acht lassen, ist das nicht fair. Das ist falsch.“

Wenn man die Emissionen über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, würde ein Hybrid-Elektroauto, das die Hälfte der Zeit mit einer hohen Ethanolmischung (E85) betrieben wird, „viel weniger“ ausstoßen als ein Elektroauto, so Corre. „Es gibt keinen Grund für eine solche Benachteiligung.“

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„Entscheidende Rolle“ der Biokraftstoffe

Seitens der Europäischen Kommission räumte Kuepker ein, dass derzeit nicht der gesamte Lebenszyklus berechnet werde.

„Die Expert:innen haben unterschiedliche Ansichten darüber, wie viel ein Elektroauto derzeit an Emissionen einspart – je nachdem, welche Annahmen getroffen werden, wohin man fährt, wie man das Auto nutzt und wie der Emissionsmix aussieht“, erklärte er.

„Aber es ist klar, dass der Stromsektor ein Bereich ist, in dem wir viel mehr Potenzial haben, erneuerbare Energien zu produzieren, sodass unser Mix sauberer und sauberer werden wird. Wir können nicht warten, bis der Strom vollständig umweltfreundlich ist, bevor wir mit der Elektrifizierung beginnen. Wir müssen jetzt mit der Umstellung beginnen, damit wir bis 2035 alles für die volle Elektrifizierung vorbereitet haben.“

Kuepker räumte ein, dass die Autofahrer:innen weiterhin auf Kraftstoffe im aktuellen Fahrzeugbestand angewiesen sein werden, und sagte, dass diese wahrscheinlich noch lange Zeit im Einsatz bleiben werden.

„Biokraftstoffe werden dort eine Rolle spielen“, sagte er. „Aber sie können dann auch in anderen Sektoren eingesetzt werden.

Adrian O’Connell, Forscher beim International Council on Clean Transportation, einer US-amerikanischen Non-Profit-Organisation, sagte auf der Veranstaltung, er habe diese Frage für schwere Nutzfahrzeuge untersucht und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass Elektrofahrzeuge selbst dann sauberer seien, wenn man den gesamten Lebenszyklus berücksichtige.

„Ich verstehe, dass man die Emissionen im Moment als Null bezeichnen kann, aber das EU-Netz wird zunehmend umweltfreundlicher – wenn man sich die Grafik von 1990 bis heute ansieht, ist das sehr beeindruckend. Selbst wenn man Strom aus dem EU-Netz verwendet, haben wir eine Einsparung von etwa 60 Prozent im Vergleich zu einem Diesel-Lkw errechnet.“

„Was die Biokraftstoffe angeht, so wissen wir, dass es einige gibt, die einen positiven Einfluss haben können“, sagte er. „Wir sind besonders an fortschrittlichen Biokraftstoffen interessiert. Das Problem ist jedoch, dass die Nachfrage nach Kraftstoffen im EU-Verkehrssektor kolossal ist.“

„Man kann zwar ein E85-Auto haben, das sehr geringe Emissionen hat, vor allem, wenn man Zellulose-Ethanol verwendet, das ist in Ordnung. Aber wenn man sich ein Land wie Deutschland anschaut, ist die Nachfrage einfach gigantisch.“

Ab Juli wird der CO₂-Vorschlag für Autos von den Tschechen übernommen, die in der zweiten Jahreshälfte turnusgemäß die EU-Ratspräsidentschaft innehaben werden.

Die tschechische Umweltministerin Anna Hubáčková sagte am Montag, sie sei bestrebt, das Dossier in den nächsten Monaten abzuschließen.

> Sehen Sie sich die vollständige EURACTIV-Veranstaltung hier an:

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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