Biokraftstoffe: Europaabgeordnete wollen geringere Verpflichtungen [DE]

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Die Kommission steht zunehmend unter Druck, ihre Pläne, bis 2020 den Anteil von Biokraftstoffen im Verkehr auf zehn Prozent anzuheben, abzuschwächen. Auf diesem Gebiet führende Europaabgeordnete fordern, dass das Ziel auf acht Prozent herabgesetzt oder vollständig verworfen wird.

Angesichts der gegenwärtig vielen unbekannten Aspekte scheine der verantwortungsvolle Weg nach vorne zu sein, die Entscheidung über das Zehn-Prozent-Ziel für erneuerbare Energien zu überdenken und stattdessen ein niedrigeres Ziel festzulegen – wie beispielsweise acht Prozent, so heißt es im Bericht, der vom schwedischen Europaabgeordneten Anders Wijkman für den Umweltausschuss des Parlaments entworfen wurde.

Wijkmans Bericht steht leicht im Widerspruch zu dem Bericht, der vergangene Woche von dem in diesem Dossier federführenden Europaabgeordneten, dem deutschen Claude Turmes (Grüne), im Industrieausschuss veröffentlicht wurde. Turmes Bericht geht noch weiter und will das Thema Biokraftstoffe gänzlich von der Agenda der EU streichen (EURACTIV vom 13. Mai 2008).

Der Turmes-Bericht rechtfertigt die Ablehnung des Biokraftstoffziels: „Die Staats- und Regierungschefs gingen allerdings davon aus, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, nämlich a) dass die Erzeugung nachhaltig ist und b) dass die zweite Generation kommerziell verfügbar ist. Seit März 2007 zeichnet sich zunehmend ab, dass diese Bedingungen nicht erfüllt sein werden. Daher muss das Ziel, einen Anteil von 10 % zu erreichen, aufgegeben werden.”

Nichtsdestotrotz deutete Turmes während einer gemeinsamen Besprechung mit Wijkman im Parlament am 27. Mai 2008 an, er glaube, es sei „zu früh“, ein Ziel – in welcher Form auch immer – zu bestimmen, aber er könnte seine Haltung in dieser Angelegenheit ändern.

Turmes fügte hinzu, dass Energiekommissar Andris Piebalgs ihm zugesichert hätte, dass er „nicht im Weg stehen“ würde, wenn es Turmes gelinge, mit den Mitgliedstaaten eine Einigung über eine Senkung des Ziels auszuhandeln.

Laut Turmes hätten Frankreich und Polen versucht, dass Zehn-Prozent-Ziel hastig durchzusetzen, doch Deutschland, das Vereinigte Königreich und die Niederlande seien skeptischer. Weitere 15 Länder nähmen keine klare Position ein und würden sich hinter der Kommission „verstecken“, sagte er und fügte hinzu, er würde den Druck auf die Kommission erhöhen, ihre Haltung zum Zehn-Prozent-Ziel zu ändern.

Wijkman will das Acht-Prozent-Ziel mit einer Verpflichtung kombinieren, nach der alle Biokraftstoffe, die unter das Ziel fallen, Treibhausgaseinsparungen von mindestens 50% im Vergleich zu herkömmlichen Kraftstoffen erreichen müssen – eine viel höhere Ziffer, als die von der Kommission vorgeschlagenen 35%.

Er verteidigte seinen Vorschlag: Man brauche ein Ziel für Investoren. 

Im Juli wird in den Ausschüssen über die Berichte abgestimmt werden; am 23. September 2008 wird schließlich das gesamte Parlament seine Position vorlegen. Es bleibt unklar, ob die Mehrheit der Europaabgeordneten hinter der Aufhebung der Biokraftstoffziele stehen würde (siehe Positionen).

In einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung gestand die Europäische Kommission ein, dass das Ziel nie gewesen sei, einen Anteil an Biokraftstoffen von zehn Prozent um jeden Preis zu erreichen, sondern nur unter bestimmten Bedingungen. Diese Bedingungen umfassten ein geeignetes und stabiles Nachhaltigkeitssystem und die Wirtschaftlichkeit von Biokraftstoffen der zweiten Generation.

Dennoch betonte die Kommission, dass gegenwärtig ein EU-Nachhaltigkeitssystem diskutiert werde, das sicherstellen solle, dass die Herstellung keine schädlichen Nebenwirkungen nach sich ziehe, und dass es einen Vorteil für Europa darstellen werde, ein solches System international zu unterstützen (EURACTIV vom 1. April 2008).

Ob mit oder ohne Zehn-Prozent-Ziel der Union werde die weltweite Herstellung von Biokraftstoffen weiter ansteigen. Europa könne den größten Beitrag leisten, wenn es alles nur Mögliche tun würde, um zu zeigen, dass ein Nachhaltigkeitssystem funktionieren könne, und um einen schnellen Übergang zur neuen Generation von Biokraftstoffen sicherzustellen. Im heutigen Verkehrssektor seien Biokraftstoffe die einzige Alternative zu nicht nachhaltigen fossilen Brennstoffen, betonte die Kommission.

In einer Debatte über den Tumres-Bericht am 28. Mai 2008 deutete eine Reihe von Europaabgeordneten des Industrieausschusses des Parlaments (ITRE) an, dass sie zögerten, die Biokraftstoffziele vollständig zu verwerfen.

Der deutsche christdemokratische Europaabgeordnete Werner Langen forderte eine „offene Diskussion“ zum Thema und betonte die Notwendigkeit stabiler Nachhaltigkeitskriterien.

Die dänische sozialdemokratische Europaabgeordnete Britta Thomsen, die niederländische sozialdemokratische Europaabgeordnete Dorbette Corbey und die britische liberale Europaabgeordnete Fiona Hall sagen, dass das Zehn-Prozent-Ziel zwar beibehalten werden sollte, die Kommission jedoch ihre Nachhaltigkeitskriterien verschärfen und gleichzeitig deren Anwendungsbereich auf die Nutzung von Wasser, Folgen für die Biodiversität, soziale Kriterien und Änderungen der Landnutzung ausweiten sollte.

Hall und Corbey zufolge sollten diese von einer regelmäßigeren Kontrolle der Auswirkungen des Anbaus von Biokraftstoffpflanzen – vor allem auf die Lebensmittelpreise – begleitet werden.

Hersteller von Biokraftstoffen sind beunruhigt darüber, dass Europa von seinen Verpflichtungen zurückweichen könnte. Der Generalsekretär der European Bioethanol Fuel Association (eBIO), der europäischen Vereinigung für Bioethanol, Rob Vierhout beklagte sich darüber, dass die Debatte so „emotional und irrational“ geworden sei.

Er warnte davor, das Zehn-Prozent-Ziel aufzugeben, da dies nur die EU von der Biokraftstoffproduktion entferne, während Länder wie die USA und Brasilien, die nicht zwangsläufig den Standards entsprechend produzierten, die von der EU unter den Nachhaltigkeitskriterien angestrebt würden, ihre Produktion fortsetzten.

„Es gibt keinen Grund dafür, Biokraftstoffe als Quelle allen Übels zu bezeichnen. Der Abbruch der Biokraftstoffproduktion würde sich nur marginal auf die Lebensmittelpreise auswirken“, sagte er EURACTIV gegenüber. Die bestehenden wissenschaftlichen Gutachten zeigten, dass das Zehn-Prozent-Ziel „absolut machbar“ sei, auch ohne dass eine Gefahr der Unnachhaltigkeit für Böden, Wasser und Biodiversität bestehe – selbst wenn es auf heimischer Produktion gründete.

Auch Landwirtschaftsverbände sind wütend über die Pläne des Parlaments. Copa-Cogeca besteht darauf, dass das verbindliche Mindestziel von zehn Prozent für Biokraftstoffe im Verkehr beibehalten werden müsse.

Der Vizepräsident der britischen National Farmers’ Union Paul Temple fügt hinzu, dass Biokraftstoffe die einzige geeignete Lösung darstellten, den immer kleiner werdenden Vorrat an fossilen Brennstoffen zu ersetzen, und dass die Ziele nötig seien, um die im Verkehr ausgestoßenen Emissionen zu senken. 

Darüber hinaus könne die Biokraftstofftechnologie – und damit auch die Biokraftstoffe der zweiten Generation – nur mithilfe von Investitionen Fortschritte machen. Dies erfordere im Gegenzug langfristige Ziele, betonte er. Einfache, verständliche Ziele wie dieses würden dabei helfen, Unternehmen das Vertrauen zu schenken, weiterentwickelte Biokraftstoffe verfügbar zu machen, sagte er.

Wenn die EU von ihrem Zehn-Prozent-Ziel zurückweiche, würde dies bedeuten, dass sie weder die Nachhaltigkeitskriterien des sich schnell entwickelnden internationalen Biokraftstoff- und Bioenergiemarktes beherrsche, noch jegliche Nachhaltigkeitskriterien für andere landwirtschaftliche Rohstoffe, die folgen könnten, fügte er hinzu.

Während Kampagnenführer von einer Bandbreite von NGOs europaweit die Vorschläge begrüßten, das Ziel fallen zu lassen, lehnten sie dennoch die Vorschläge von Wijkman für ein Ziel in Höhe von acht Prozent ab.

In einer Pressemitteilung vom 28. Mai 2008 sagte Nina Holland von Corporate Europe Observatory, ein Acht-Prozent-Ziel werde fast genauso viel Schaden anrichten wie ein Zehn-Prozent-Ziel. Lebensmittelpreise in die Höhe zu treiben, führe zu Hungersnöten und diese Tatsache sei inakzeptabel. Die Ziele der EU sollten fallen gelassen werden.

Ariel Brunner, Mitarbeiter in der Abteilung für EU-Agrarpolitik bei BirdLife International, stimmte dem zu: Es sei an der Zeit, das Biokraftstoffziel zu verwerfen und neue Ideen zu entwickeln, wie man den Klimawandel tatsächlich bekämpfen und gleichzeitig natürliche Lebensräume erhalten könnte.

Im März 2007 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU darauf, bis 2010 den Anteil der Biokraftstoffe im Verkehr von derzeit etwa zwei Prozent auf zehn Prozent anzuheben. Grund hierfür war die Sorge über steigende Ölpreise, Energiesicherheit und Klimawandel.

Das Ziel wurde anschließend in Gesetzesvorschläge übertragen, die am 23. Januar 2008 – als Teil einer breiter angelegten Richtlinie für erneuerbare Energien – von der Kommission vorgelegt wurden.

Der Richtlinienentwurf führt eine Reihe von „Nachhaltigkeitskriterien“ für Biokraftstoffe ein, um den Bedenken über Risiken entgegenzuwirken, die mit deren Massenproduktion im Zusammenhang stehen. Zu diesen zählen unter anderem Abforstung, ein Anstieg der Lebensmittelpreise und Wasserknappheit.

  • 16. Juli 2008: Die Ausschüsse für Industrie und Energie werden über den Bericht von Turmes abstimmen.
  • 23. September 2008: Im Plenum wird über den Bericht abgestimmt werden.

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