Bericht: Preise für CO2-Zertifikate steigen drastisch

Sollten die Preise für Emissionszertifikate steigen, könnte der Wechsel von Kohle zu anderen Energieträgern beschleunigt werden. [Foto: Shutterstock]

Die Preise für europäische CO2-Emissionszertifikate könnten sich für die Jahre 2019-2023 bei durchschnittlich 35 bis 40 Euro pro Tonne einpendeln, heißt es in einem neuen Report von Carbon Tracker. Dadurch könnte der Wechsel von Kohle auf Erdgas und andere Energieformen beschleunigt werden.

Laut dem am heutigen Dienstag veröffentlichten Bericht könnten die Preise zum Ende des Jahres bei 25 Euro liegen. Das wären rund sieben Euro mehr als der aktuelle Preis auf dem EU-Kohlestoffmarkt (ETS).

Dass die Kohlenstoffpreise nun derart rasant ansteigen könnten, ist auf die geplante, EU-weite Reduzierung der Emissionszertifikate in den Jahren 2019-2023 zurückzuführen, erklärt Carbon Tracker: Laut dem Bericht der Organisation wird sich daraus ein Zertifikats-Defizit im Umfang von insgesamt rund 1,4 Milliarden Tonnen an CO2-Emissionen im Energie- und Luftfahrtsektor ergeben.

Die Carbon Tracker Initiative beschreibt sich in ihrer Selbstdarstellung als ein Team verschiedener Finanzexperten, die „die Klimarisiken auf den heutigen Kapitalmärkten sichtbar“ machen wollen.

Europäisches Emissionshandelssystem "behindert" EU-Klimapolitik

Da es zuviele CO2-Zertifikate im ETS gibt, sind die Preise niedrig. Für Unternehmen ist es somit „billig“, zu schmutzig zu sein.

Die Kosten von CO2-Ausstößen

Eine Festlegung von Preisen für den Ausstoß von Kohlenstoff wird unter Unternehmen und Regierungen immer beliebter und konsequenter befürwortet, da auch die Auswirkungen des Klimawandels – und die damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen – immer greifbarer werden.

Die Weltbank, aber auch Unternehmensgruppen und Investoren fordern inzwischen breitere Unterstützung für solche Kohlenstoffpreise, um die Emissionen zu senken und Investitionen in sauberere Technologien voranzutreiben.

Die Diskussion gewinnt gerade im Vorfeld der nächsten UN-Klimakonferenz (COP 24) vom 3. bis 14. Dezember im polnischen Kattowitz weiter an Fahrt. Diese Konferenz ist von entscheidender Bedeutung, da sie die Frist für die Vorlage eines Regelwerks darstellt, mit dem die Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommen festgeschrieben werden sollen. Dabei geht es unter anderem auch um Möglichkeiten, Preise für Kohlenstoffemissionen verbindlich festzulegen.

EU-Emissionshandelssystem entwickelt sich gut

In Europa ist das Emissionshandelssystem ETS (emissions trading system) das Flaggschiff-Instrument der EU zur CO2-Reduzierung. Im Bericht betont Carbon Tracker, das ETS sei in den vergangenen 16 Monaten der „heißeste Rohstoffmarkt der Welt“ gewesen. Seit Mai 2017 ist der Preis für europäische Emissionszertifikate um 310 Prozent gestiegen; seit Jahresbeginn 2018 um 120 Prozent.

„Diese erstaunliche und herausragende Leistung wird vor allem durch die Erwartungen des Marktes getrieben: Denn ab Januar 2019 wird die Marktstabilitätsreserve (MSR), das Herzstück der im vergangenen Jahr vereinbarten Reform des EU-ETS, anlaufen,“ heißt es im Report.

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Die Europaabgeordneten haben gestern in Straßburg eine Reihe wichtiger Energiegesetze verabschiedet.

Somit sind es nur noch fünf Monate, bis diese MSR das Überangebot an Emissionszertifikaten reduzieren wird. Der Markt erwartet dann den größten „Versorgungs“-Engpass mit Zertifikaten, den das ETS je erlebt hat.

Um diesem Defizit entgegenzutreten und es möglichst zu verringern, müssen sich die Preise für die Emissionszertifikate nahezu zwangsläufig erhöhen. Den Stromanbietern würde somit wohl auch der eigene Übergang von Kohle zu Gas erleichtert: Sie würden dann nämlich weniger Zertifikate benötigen, die teuer eingekauft werden müssen.

Mark Lewis, Autor des Berichts und Forschungsleiter bei Carbon Tracker, betont dennoch: „So optimistisch die Aussichten für die Zertifikatspreise auch sind: Genauso wichtig ist es, sich daran zu erinnern, dass das EU-ETS letztlich ein politisches Konstrukt ist. Unserer Ansicht nach müssten die CO2-Preise in den nächsten zwei bis drei Jahren über einen Zeitraum von mehreren Monaten bei über 50 Euro/Tonne liegen, um zu echtem Druck für entsprechende Ausgleichsmaßnahmen, insbesondere in Osteuropa, zu führen.“

Auswirkungen in Deutschland

Trotzdem erwartet Carbon Tracker, dass sich in Reaktion auf die steigenden CO2-Emissionspreise der Wechsel von Kohle zu Erdgas gerade in Ländern wie Deutschland, Italien, Spanien und den Niederlanden beschleunigen wird. Im Vereinigten Königreich sei dieser Trend bereits erkennbar.

RWE gehen die Investoren für Kohle-Projekte aus

Die französischen Versicherungsgesellschaften Macif und AG2R La Mondiale wollen nicht mehr in Unternehmen investieren, die neue Kohlekraftwerke planen. Am stärksten betroffen von dieser Entscheidung ist der deutsche Stromriese RWE.

Tatsächlich hat auch das in Berlin ansässige Portal Clean Energy Wire berichtet, die niedrigen Großhandelspreise für Strom und höhere Preise für CO2-Emissionszertifikate würden bereits heute die Bilanzen der deutschen Braunkohlekraftwerksbetreiber belasten.

Die Gesamtverluste aller Braunkohlekraftwerksbetreiber lagen von Anfang 2016 bis Juli 2018 demnach bei über 2 Milliarden Euro. Der größte deutsche Betreiber RWE gab hingegen an, seine Anlagen hätten keine Verluste eingefahren; andere Betreiber lehnten eine Stellungnahme ab.

Derweil hat die Bundesregierung am 1. August einen Gesetzesentwurf zur Reform des deutschen Emissionshandels und zur Umsetzung der neuen EU-Emissionshandelsrichtlinie vorgelegt.

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