BDI: „Grüne Gase“ für Deutschlands Klimaneutralität

Laut Weltenergierat könnte ein Weltmarkt für grüne synthetische Kraftstoffe bis 2050 problemlos eine Größenordnung von 10.000 bis 20.000 TWh pro Jahr erreichen. Das entspricht rund 50 Prozent der heutigen weltweiten Nachfrage nach Rohöl. [Shutterstock]

Um die deutsche Wirtschaft komplett CO2-frei zu machen, sind große Mengen an sogenannten „synthetischen Kraftstoffen“, die aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, erforderlich, erklärt der Branchenverband BDI. Dafür müssten spätestens ab 2050 jährlich 340 Terawattstunden an Energie importiert werden – was dem aktuellen Niveau der gesamten deutschen Stromproduktion entspricht.

„Für ehrgeizige Klima- und Energieziele brauchen wir Power-to-X in erheblichem Umfang,“ sagt Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierates Deutschland und Leiter des Bereichs Energie- und Klimapolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

„Power-to-X“ ist ein weit gefasster Begriff, der sich laut Erläuterungen der Europäischen Kommission auf die Umwandlung von Strom in synthetische Gase oder Flüssigkeiten – wie Wasserstoff oder Methan – bezieht.

„Der wahrscheinlich stärkste Treiber [im Bereich Power-to-X] wird der Verkehrssektor sein,“ prognostizierte Rolle vergangene Woche bei einem Besuch in Brüssel. Er erwarte weiter, die größten Nutzer synthetischer Kraftstoffe würden die Luft- und Schifffahrt sein, wo eine Elektrifizierung insbesondere auf langen Strecken nicht möglich ist.

Nach den Plänen der EU soll kohlenstoffarmer Strom aus erneuerbaren Energien und Kernenergie bis 2050 etwas mehr als die Hälfte des gesamten europäischen Energiebedarfs decken, so dass über 40 Prozent für flüssige Brennstoffe und andere Arten von „grünen Gasen“ wie beispielsweise Wasserstoff übrig blieben, wenn die Wirtschaft komplett CO2-neutral sein soll.

Diese Technologien seien gerade „im Zusammenhang mit reichlich vorhandenem Strom aus kohlenstofffreien Quellen wie Wind-, Solar- und Kernenergie attraktiv“, so die Kommission in ihren im November 2018 veröffentlichten energiepolitischen Szenarien für 2050.

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Gerade die Importstatistiken, die der BDI in einem Bericht vom Oktober vergangenen Jahres prognostiziert, stechen ins Auge. Rolle, der an dem Bericht mitgearbeitet hat, erläutert, Deutschland würde in den Szenarien für 2050 dann „einen Importbedarf von 340 Terawattstunden (TWh) an E-Kraftstoffen“ aufweisen.

Dies entspreche „im Großen und Ganzen der [aktuellen] Kapazität des gesamten deutschen Kraftwerkbestandes“ und müsse in Form von „Wasserstoff oder anderen E-Kraftstoffen im Ausland für Deutschland erzeugt werden“.

Der derzeitige Energieverbrauch Deutschlands beträgt rund 380 TWh. Nach aktuellem Stand müssten in Zukunft also rund 90 Prozent des Energiebedarfs des Landes durch Importe gedeckt werden.

Solche Importe synthetischer Kraftstoffe werden hauptsächlich aus Regionen wie Australien, dem Nahen Osten, Afrika oder Lateinamerika erwartet. Diese weisen ein deutlich größeres Potenzial für erneuerbare Energien wie Solar und Wind auf als Europa, so Rolle.

Er erinnert erneut, dass diese grünen Energiekapazitäten „nur für den Zweck, Wasserstoff für Deutschland zu produzieren“ gedacht wären.

Ein globaler „Power-to-X“-Markt

Nach Angaben des Weltenergierates könnte der globale Markt für Power-to-X im Jahr 2050 allerdings bei satten 10.000 TWh liegen – in einem konservativ geschätzten Szenario. Das würde bedeuten, dass 40 Prozent der im Schiff- und Flugverkehr verbrauchten Kraftstoffe durch Power-to-X abgedeckt würden. Ein „kleiner Teil“ des Straßengüterverkehrs und der Industrie sei darin ebenfalls enthalten, so Rolle.

„Technologisch ist es machbar, aber es erfordert andere Rahmenbedingungen als die, die wir heute haben,“ warnt er dennoch. „Dazu gehört auch, dass E-Kraftstoffe in den EU-Verkehrsvorschriften gleichberechtigt mit der direkten Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energien behandelt werden. Außerdem bedarf es einer engen Zusammenarbeit mit den potenziellen Exportländern.“

„Wir wollen die Diskussion über einen Fahrplan beginnen,“ erklärt Rolle. Der Weltenergierat habe „einige wichtige Elemente auf den Tisch gelegt“, die den Investoren mehr Planungssicherheit in Bezug auf zukünftige Marktentwicklungen bieten würden.

„Es geht darum, einen globalen Markt für Power-to-X zu schaffen,“ fordert Rolle.

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Die deutsche Industrie ist mit ihrer Ansicht, dass „Power-to-X“ ein adäquates Mittel zur Dekarbonisierung darstellt, nicht alleine: Auch die EU-Kommission hat derartige Technologien in ihrer langfristigen Klima- und Energiestrategie für 2050 berücksichtigt.

Die EU-Exekutive weist jedoch auch darauf hin, dass die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen derzeit noch ein sehr energieintensiver Prozess ist, der billigen Strom in großen Mengen erfordert.

Mehr und weniger optimistische Aussichten

Auch der europäische Stromsektor zeigt Interesse an Power-to-X, insbesondere für die Schwer-/Stahlindustrie und den Fernverkehr. Beide Bereiche gelten als „schwer elektrifizierbar“.

Für den Fachverband Eurelectric stellen die genannten Energieverluste bei der Produktion jedoch aktuell noch einen eindeutigen Nachteil dar: „Per Definition ist dies ein Prozess, bei dem man Umwandlungsverluste hat. Sie haben Strom, den Sie dann in flüssige Form umwandeln – was bedeutet, dass Sie dabei Energie verlieren,“ erklärt Kristian Ruby, Generalsekretär von Eurelectric.

Die Verluste seien besonders groß, „wenn Wasserstoff dann wieder in Strom umgewandelt wird. Man hat dann also zwei Umwandlungen. Deshalb erwarten wir im Energiesektor einen sehr begrenzten Einsatz von Wasserstoff – er ist grundsätzlich einfach zu teuer,“ so Ruby kürzlich in einem Interview mit EURACTIV.com.

Aus diesem Grund werde Power-to-X laut Eurelectric in einem pessimistischen Dekarbonisierungsszenario nur etwa fünf Prozent des gesamten europäischen Endenergieverbrauchs decken können.

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Der Weltenergierat ist jedoch anderer Ansicht: Die Produktion in sonnigen oder windigen Regionen der Welt könne deutlich gesteigert werden und somit „deutlich billiger als P2X aus europäischer Produktion“ werden. Eine großflächige Transportinfrastruktur sei ebenfalls bereits vorhanden, so dass die Kosten für lange Transportstrecken „relativ gering“ seien.

Laut Weltenergierat könnte ein entwickelter Weltmarkt für grüne synthetische Kraftstoffe bis 2050 problemlos eine Größenordnung von 10.000 bis 20.000 TWh pro Jahr erreichen.

Das entspricht rund 50 Prozent der heutigen weltweiten Nachfrage nach Rohöl.

[Bearbeitet von Sam Morgan]

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