Autoindustrie trickst schon wieder bei CO2-Tests

Die Logik der Autobauer: Wenn die CO2-Ausgangswerte künstlich hochgetrieben werden, fallen die tatsächlichen Emissionsreduzierungen in Zukunft geringer aus. [Lana Elcova]

Experten der Europäischen Kommission haben Beweise dafür gefunden, dass mehrere Automobilhersteller „Tricks“ anwenden, um die Auswirkungen der neuen Emissionsvorschriften zu verringern. Angeblich versuchen die Firmen, ihre aktuellen Emissionswerte schlechter aussehen zu lassen, als sie tatsächlich sind.

Es ist im Prinzip eine 180-Grad-Wende zum Dieselgate-Skandal aus dem Jahr 2016, als Volkswagen sogenannte „Abschaltvorrichtungen“ nutzte, um bei Abgastests zu schummeln und die Emissionen niedriger erscheinen zu lassen. Laut Beweisen, die die Gemeinsame Forschungsstelle (Joint Research Centre, JRC) der EU-Kommission vorgelegt hat, scheinen die Automobilhersteller jetzt das exakte Gegenteil tun und ihre Emissionen künstlich zu erhöhen.

Nach den neuen Emissionsvorschriften, die im Jahr 2020 in Kraft treten sollen, müssen Neuwagen im kommenden Jahrzehnt kontinuierlich weniger CO2 ausstoßen als im Vergleichsjahr 2021. Die Kommission hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent für 2025 und 30 Prozent für 2030 vorgeschlagen, aber das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten müssen sich noch auf die endgültigen Zahlen einigen.

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Der Ausgangspunkt 2020/21 und die Tests bis dahin haben nun wieder an Bedeutung gewonnen, da die JRC-Daten darauf hindeuten, dass einige Automobilhersteller die Ergebnisse aus den weltweiten einheitlichen Auto-Testverfahren (Worldwide Harmonised Light Vehicles Test Procedure, kurz: WLTP) künstlich aufblähen. Das WLTP ist ein neues Testprotokoll, das die Grundlage für zukünftige Emissionsprüfungen bilden soll.

Bei einer solchen überhöhten Ausgangslage wären die verpflichtenden Emissionssenkungen in der Praxis dann effektiv niedriger. Einige Experten schätzen sogar, dass durch diese Manipulation die Verschärfung der Emissionsziele und die endgültig zu erreichenden Werte um die Hälfte reduziert werden könnten.

Die EU-Kommission ist not amused

„Wir mögen keine Tricks,“ sagte EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete gegenüber der Financial Times. Er fügte hinzu: „Wir haben Dinge gesehen, die wir nicht mögen. Wir werden nun alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, damit die Ausgangswerte auch die richtigen, die tatsächlichen Emissionswerte sind.“

Die JRC-Überprüfungen zeigen insbesondere, dass die Automobilhersteller – von denen keiner namentlich genannt wurde – die Start-Stopp-Funktion der Testmodelle abgeschaltet, alte und nahezu entladene Batterien eingebaut und damit den Kraftstoffverbrauch erhöht sowie die Schaltvorgänge angepasst hatten, um die Emissionen ihrer Fahrzeuge in die Höhe zu treiben.

Im Vergleich zu unabhängigen Tests seien die Emissionen daher um durchschnittlich 4,5 Prozent höher gewesen, so das JRC. In einigen Fällen hätte die Ausstoß-Steigerung sogar bis zu 13 Prozent betragen.

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„Der Autoindustrie ist nicht zu trauen“

William Todts, Geschäftsführer von Transport & Environment (T&E), kommentierte: „Nach Dieselgate haben die Autohersteller versprochen, sich zu ändern. Neue Tests sollten der Schlüssel dafür sein. Jetzt ist aber klar, dass sie diese neuen Tests benutzen, um die ohnehin schon schwachen CO2-Standards weiter zu untergraben.“

Er fügte hinzu, die Autobauer wollten die Emissionsziele „mit minimalem Aufwand erfüllen, damit sie weiterhin Diesel verkaufen und die Umstellung auf Elektroautos verzögern können. Das ist eine frustrierende Erinnerung daran, dass die Autoindustrie in der Vergangenheit verharren will – und dass man ihr nicht trauen kann.“

T&E fügte in einer Erklärung hinzu, es habe bei der Manipulation der Tests wahrscheinlich Absprachen zwischen den Automobilherstellern gegeben, um „gleiche Wettbewerbsbedingungen aufrechtzuerhalten“. Die Organisation forderte die Kommission daher auch auf, Kartelluntersuchungen in diesen Fall einzuleiten.

Die Erkenntnisse der Kommission wurden dem österreichischen EU-Ratsvorsitz, dem Vorsitzenden des Umweltausschusses des EU-Parlaments sowie der federführenden Europaabgeordneten zur CO2-Akte für Kraftfahrzeuge, der maltesischen MEP Miriam Dalli (S&D-Fraktion), übermittelt.

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