Autobatterien: EU im Rennen um „strategisch wichtige Rohstoffe“

Mit steigendem E-Auto-Absatz wächst auch der Bedarf nach diversen Rohstoffen, die für die Batterieproduktion notwendig sind. Im Bild: Vorbereitungen zur Präsentation eines Elektroautos von Mercedes. [EPA/FILIP SINGER]

Die EU prescht mit Plänen für den Ausbau der Lithiumabbau-Kapazitäten sowie die Raffination auf europäischem Gebiet voran. Die Union will damit eine eigene Lieferkette für „strategische Rohstoffe“ aufbauen, die bei der Herstellung von Elektroautobatterien in Europa verwendet werden.

Mit der Elektrifizierung des Verkehrs beginnt nun der Wettlauf um die Entwicklung einer kompletten Wertschöpfungskette für die Batterieherstellung in Europa. Und trotz eines eher schleppenden Starts holt die EU schnell auf.

Vor einem Jahr startete die Kommission eine Europäische Batterie-Allianz, in der Automobilhersteller sowie Chemie- und Ingenieurexperten zusammenkommen, um den Wettbewerb mit asiatischen und amerikanischen Herstellern zu forcieren.

Ziel ist es, eine gesamte Wertschöpfungskette für die Herstellung von Autobatterien in Europa aufzubauen. Um diese Wertschöpfungskette zu vervollständigen, will sich Europa nun auch den Zugang zu den Rohstoffen sichern, die für die Herstellung der neuesten Generation von Lithium-Ionen-Batterien benötigt werden.

„Wir arbeiten mit Hochdruck an diesen Batterien – und die Diskussionen konzentrieren sich dabei vor allem auf Kobalt, Lithium, Nickel und Kupfer,“ erläuterte kürzlich Maroš Šefčovič, Vizepräsident der Europäischen Kommission und verantwortlich für die Energieunion.

Man wolle vor allem herausfinden, welche Rohstoffe auf europäischem Boden vorhanden sind und wie man diese möglichst nachhaltig gewinnen kann.

„Es gibt neue Projekte für die Produktion in Europa. Minen werden eröffnet oder nehmen die Arbeit wieder auf. Es ist zu erwarten, dass noch mehr neue hinzukommen,“ prophezeihte Šefčovič in einem Interview mit EURACTIV.com.

Auf EU-Ebene gehe es nun um die Erleichterung der Genehmigungsverfahren und die Sicherstellung von Kohärenz zwischen den verschiedenen Vorschriften, sagte Šefčovič. Dafür werde mit den Mitgliedstaaten in einer hochrangig besetzten Gruppe für Rohstoffe diskutiert.

Brüssel mit Unterstützung für die europäische Batterie-Industrie

Mit dem Boom der Elektromobilität und der erneuerbaren Energien werden Batterien immer wichtiger. Die EU will dazu beitragen, dass die aufstrebende europäische Industrie international mithalten kann.

Einige Probleme seien bereits identifiziert worden, allen voran eine „Lücke“ bei der Lithium-Raffination innerhalb Europas. Die Kapazitäten in diesem Bereich müssten deutlich erhöht werden, so der Kommissar. Weitere Diskussionen zu dem Thema sollen in Brüssel noch „vor Weihnachten“ stattfinden.

„Wir sind bereit, nicht nur die regulatorischen Aspekte, sondern auch die finanzielle Unterstützung zu diskutieren – sei es im Rahmen der wichtigen Projekte von gemeinsamem europäischem Interesse (IPCEI) oder im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften mit der Europäischen Investitionsbank (EIB)“, sagte Šefčovič.

Der Bedarf an Batteriezellen in Europa wird nach Schätzungen der Europäischen Kommission bis 2025 auf 200 Gigawattstunden steigen. Dadurch entstehe ein Markt mit einem Volumen von schätzungsweise 250 Milliarden Euro jährlich.

„Strategische Rohstoffe“ und europäisches Recycling

Das Rennen um Lithium verdeutlicht die Ambitionen der EU im Bereich Rohstoffe, von denen erwartet wird, dass sie mit der Digitalisierung der Wirtschaft und dem Übergang zu saubereren Energieformen zunehmend „strategisch wichtig“ werden.

Die Entwicklung bzw. Modernisierung der Bergbauaktivitäten in Europa inzwischen „von strategischer Bedeutung“, glaubt auch Šefčovič.

Er warnte: „Ich denke wirklich, dass wir, wenn es um die Frage der Abhängigkeit geht, in eine Situation geraten könnten, in der Rohstoffe zum neuen Öl werden.“ Die Europäer müssten daher „sehr wachsam“ sein, dass die heutige Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas nicht durch eine Abhängigkeit von Lithium, Kobalt, Kupfer und anderen Rohstoffen ersetzt werde.

Batteriebedarf von Elektroautos kann Rohstoffknappheit auslösen

Die Industrie warnt bei einem Elektroauto-Boom vor einer möglichen Rohstoffknappheit.

Neben der Wiederaufnahme des Bergbaus in Europa will die EU vor allem auch die Recyclingfähigkeit von Batterien verbessern, damit die darin enthaltenen Materialien leichter wiederverwertet werden können.

Dafür ist wohl auch eine Überprüfung der zehn Jahre alten Batterierichtlinie vonnöten. Außerdem werden europaweit bindende Normen bei der Gestaltung von Autobatterien gefordert, damit diese leichter für das Recycling demontiert werden können.

Doch auch andere Batterien spielen eine große Rolle: Umicore, ein in Brüssel ansässiges Bergbauunternehmen, das sich mit dem Recycling und der Herstellung von Materialien für wiederaufladbare Batterien beschäftigt, erklärte, in Europa könnten demnächst theoretisch genügend Smartphonebatterien recycelt werden, um daraus etwa 4 Millionen neuen Batterien für Elektroautos herzustellen.

In Bezug auf Elektroautos sagte der Vizepräsident von Umicore, Guy Ethier, der wirtschaftliche Nutzen von derartigem Recycling werde „offensichtlich“, sobald die erste Generation von Elektrofahrzeugen in Massenproduktion in zehn Jahren das Ende ihres Lebenszyklus erreicht hat. Die Batterierückgewinnung hat einen eindeutigen „Geschäftsvorteil“ gegenüber der Neuproduktion, so Ethier. „Und wir sind natürlich auch bereit und offen, unsere Technologie an andere Orte auf der Welt zu exportieren, wo es entsprechende Altmaterialien gibt.“

Energiekommissar Sefcovic "begeistert" von Fortschritten bei E-Autos

Maroš Šefčovič erklärt im Interview, erneuerbare Energien müssten verstärkt in die E-Auto-Branche integriert und der Elektrizitätsmarkt umgekrempelt werden, um die „Elektro-Revolution“ weiter voranzutreiben.

Die Internationale Energieagentur erwartet, dass die Zahl der Elektrofahrzeuge auf den Straßen weltweit im Jahr 2030 etwa 40-mal höher sein wird als noch im Jahr 2017. Somit dürfte auch die Verfügbarkeit von Altbatterien für das Recycling deutlich steigen.

Entsprechende politische Initiativen zur Batterierückgewinnung, -wiederverwendung und -recycling sollen im Rahmen des derzeitigen Mandats der Europäischen Kommission „vor Herbst 2019“ eingeleitet werden, kündigte Šefčovič an.

Globale politische Auswirkungen

Das zweite große Thema in der europäischen Batteriediskussion umfasst die Beziehungen zu Regionen, die bisher die Rohstoffe liefern – vor allem China und Afrika.

Die Herausforderungen sind enorm, erläutert Guy Ethier von Umicore. Sein Unternehmen und andere seien „sehr besorgt“ über „fragwürdige“ Arbeits- und Umweltstandards in einigen Bergbauregionen. Er erinnerte an den Kobaltabbau in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) und von Lithium in der südamerikanischen Atacama-Wüste.

Eine im November 2017 veröffentlichte Studie von Amnesty International zeigte „große schwarze Flecken“ in den Lieferketten von Elektronik- und Automobilunternehmen. Die NGO prangerte ebenfalls Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Kobaltbergbau in der DRK an.

Mehr als die Hälfte des weltweiten Kobalts, das eine Schlüsselkomponente in Lithium-Ionen-Batterien ist, stammt aus der Demokratischen Republik Kongo. Rund 20 Prozent werden dabei von Hand in Minen abgebaut, heißt es im Amnesty-Bericht Time to Recharge.

Die Europäische Union ist sich der Kritik und der Probleme bewusst, hat es aber bisher versäumt, wirksame Maßnahmen zur Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen in den Zuliefererländern zu ergreifen.

„Wir wollen den neuen Impuls für eine neue EU-Afrika-Partnerschaft nutzen, um den nachhaltigen Bergbau zu fördern und faire Handelsbeziehungen im Rohstoffbereich aufzubauen,“ versprach Šefčovič allerdings.

Juncker stellt Afrika "Partnerschaft auf Augenhöhe" in Aussicht

Jean-Claude Juncker hat bei seiner letzten Rede zur Lage der EU ein Handelsabkommens mit Afrika und eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“ in Aussicht gestellt.

Dies sei Teil der neuen „Partnerschaft auf Augenhöhe“ zwischen Europa und Afrika, die Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in seiner letzten Rede zur Lage der Europäischen Union angekündigt hatte. Mit der neuen Partnerschaft sollen rund 44 Milliarden Euro für Investitionsprojekte generiert werden, die mit Bestimmungen über fairen Handel und Menschenrechte verknüpft sind. Damit könne unter anderem sichergestellt werden, dass die Gewinne auch wirklich den lokalen Gemeinschaften zugute kommen, so der Plan.

Vor allem bedeutet dies aber auch, dass europäische Unternehmen, die in Afrika tätig sind, „bereit sein müssen, Steuern zu zahlen und eine Rolle in der lokalen Wirtschaft zum Nutzen der afrikanischen Länder zu spielen, indem sie ihr Know-how und ihre Investitionen einbringen,“ forderte Šefčovič.

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