Ausstieg aus der Kernenergie soll Windenergie in Norddeutschland vorantreiben

Die Abschaltung des letzten Atomkraftwerks in Schleswig-Holstein würde nach Ansicht des grünen Umweltministers Jan Philipp Albrecht die Windenergie stärken. [EPA/CARSTEN KOALL]

Die Abschaltung des letzten Atomkraftwerks in Schleswig-Holstein wird das Stromnetz entlasten und die Windenergie in dem norddeutschen Bundesland vorantreiben, so Landesumweltminister Jan Philipp Albrecht. Clean Energy Wire berichtet.

„Die Atomkraft verstopft unsere Netze, vor allem in Richtung Süden“, sagte Albrecht der Deutschen Presse-Agentur.

Aufgrund von Netzengpässen müssten Offshore-Windkraftanlagen teilweise sogar abgeschaltet werden.

„Die Bedeutung der Atomkraft insgesamt wird daher überschätzt“, so Albrecht weiter.

Nach der Abschaltung der Atomkraftwerke Ende dieses Jahres könne der Norden Deutschlands 160% seines Strombedarfs mit erneuerbaren Energien decken und es werde mehr Windstromexporte in den Süden geben, so Albrecht.

Ängste vor Stromausfällen durch den Atomausstieg sind unbegründet, sagte er. „Denn wir werden jetzt die erneuerbaren Energien in Deutschland weiter massiv ausbauen. Wir werden auch in Zukunft nicht von der Atomstromerzeugung in Frankreich abhängig sein.”

Seine Partei, die Grünen, die für ihre Antiatom-Haltung bekannt sind, sind kürzlich in die neue Ampelkoalition eingetreten, in der Superminister Robert Habeck den Ausbau der erneuerbaren Energien auf bis zu 80% der Stromversorgung Deutschlands vorantreiben soll.

Ampelkoalition strebt 80 % erneuerbare Energien bis 2030 an, mehr Gas als Back-up

Das Ziel der Koalition ist, bis 2030 „idealerweise“ aus der Kohle auszusteigen, die Zahl der Solaranlagen auf allen Dächern zu vervierfachen und den Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix des Landes bis 2030 auf 80 % zu erhöhen.

Deutschland wird die Atomreaktoren Grohnde, Gundremmingen C und Brokdorf bis Ende Dezember vom Netz nehmen.

Mit der Abschaltung der verbleibenden drei Kernreaktoren im Jahr 2022 endet dann ein jahrzehntelanger Kampf der Anti-Atomkraft-Bewegung, aus der in den 1980er Jahren die Grünen und andere Umweltgruppen hervorgingen.

Der Schritt hat bei Analysten Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Energieversorgung inmitten einer Energiepreiskrise in Europa geweckt.

„Ich erwarte ein blinkendes, orangefarbenes Ampel-Emoji, wenn die deutsche Regierung in diesem Winter mit Stromausfällen rechnen muss“, twitterte der Energieanalyst Thierry Bros in Anspielung auf die Ampelkoalition.

Forscher sind jedoch zuversichtlich, dass die Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) keine Versorgungsengpässe verursachen wird.

Um den Netzbetrieb stabil zu halten, wird das Engpassmanagement angepasst werden müssen. Aber „die Lichter werden in Deutschland nicht ausgehen“, sagte Studienautorin Claudia Kemfert in einer Stellungnahme.

„Im Gegenteil: Der [Atom-]Ausstieg ebnet den Weg für den überfälligen Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Kernenergie war von Anfang an unwirtschaftlich und mit unkalkulierbaren Risiken behaftet“, fügte sie hinzu.

Die Autoren der Studie räumen zwar ein, dass der Ausstieg aus der Kernenergie vorübergehend zu einem Anstieg der deutschen Treibhausgasemissionen führen würde, da umweltschädliche Kraftwerke, die mit fossilem Gas und Kohle betrieben werden, vorübergehend an die Stelle der Kernreaktoren treten würden, bevor sie abgeschaltet werden.

Dieser Anstieg würde dann durch den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien schnell wieder abgebaut werden, fügten sie hinzu.

Bericht: Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke wird nicht zu Stromknappheit führen

Die Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke wird nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) keine Versorgungsengpässe verursachen. CLEW berichtet. 

In einer kürzlich durchgeführten Umfrage sagte eine knappe Mehrheit der Deutschen, dass das Land die Nutzung der Kernenergie nicht ausschließen sollte, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

Darüber hinaus hat der jüngste Anstieg der Strompreise die Unterstützung für die Beibehaltung der Kernreaktoren am Netz verstärkt.

„Fast jeder Dritte (31 %) würde für billigeren Strom an der Kernenergie festhalten“, ergab eine Studie eines Preisvergleichsdienstes nach einer repräsentativen Befragung.

Betreiber von Atomreaktoren und politische Entscheidungsträger haben jedoch in den letzten Monaten wiederholt deutlich gemacht, dass das Land keine Rückkehr zur Atomkraft oder gar eine Verzögerung des Ausstiegs plant.

„Kurz vor der Abschaltung der Kernkraftwerke in Deutschland eine Debatte darüber zu starten, ob sie einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten, ist befremdlich“, sagte Leonhard Birnbaum, Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers E.ON, dem Handelsblatt.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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