Ausnahmen im sechsten Russland-Sanktionspaket haben Büchse der Pandora geöffnet

In der Zwischenzeit haben auch Bulgarien und Tschechien um eine Sonderbehandlung gebeten.  [Shutterstock/PX Media]

Ungarn und die Slowakei sind unzufrieden mit dem Vorschlag der EU-Kommission, russisches „schwarzes Gold“ zu verbieten, obwohl ihnen eine zusätzliche Frist für die schrittweise Abschaffung eingeräumt wurde.

In der Zwischenzeit haben auch Bulgarien und Tschechien um Sonderbehandlung gebeten.

Quellen zufolge haben Griechenland und Zypern außerdem Einspruch gegen einen anderen Vorschlag erhoben, der vorsieht, allen Schifffahrtsunternehmen, die sich im Besitz der EU befinden oder europäische Interessen haben, den Transfer von russischem Öl nach Europa oder in andere Teile der Welt zu verbieten.

Nach dem Vorschlag der Kommission, der ein „vollständiges Verbot für jegliches russisches Öl“ und raffinierte Erdölerzeugnisse innerhalb der nächsten sechs Monate vorsieht, wäre es Ungarn und der Slowakei erlaubt, bis Ende 2023 im Rahmen bestehender Verträge weiterhin Öl aus Moskau zu beziehen.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte, dass Rohöl innerhalb von sechs Monaten und andere Ölprodukte nach acht Monaten verboten würden.

Ein EU-Diplomat sagte zu EURACTIV unter Wahrung der Anonymität, dass für Europa die große Herausforderung jetzt anstehe, da sie den Kern der Sanktionen gegen Moskau berühre.

„Politisch kann es sich Europa nicht leisten, das sechste Paket nicht anzunehmen“, sagte der Diplomat. Er fügte jedoch hinzu, dass das Problem nicht leicht zu lösen sein werde.

In einem Interview mit EURACTIV Ende Februar sagte der russische Botschafter bei der EU, Wladimir Tschischow, dass Energie ein Bereich sei, in dem die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Russland und der EU besonders groß sei.

„Wir gehen davon aus, dass alle Entscheidungen in diesem Bereich einstimmig getroffen werden, was darauf hindeutet, dass ein gewisses Maß an Disziplin vorhanden ist. Ob dies alle freiwilligen Positionen der einzelnen Länder widerspiegelt, bleibt abzuwarten.“

Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó sprach sich schnell gegen den Plan aus und argumentierte, dass er die Grundlagen der ungarischen Energieversorgung „völlig zerstören“ würde.

„Es ist keine Frage des fehlenden politischen Willens, es ist keine Frage der Absicht, es ist keine Frage des Zeitrahmens, es ist ganz einfach eine physische, geographische und infrastrukturelle Realität“, sagte er nach Angaben von Telex.

Der ungarische Außenminister sagte, dass Ungarn die Maßnahmen nur dann unterstützen würde, wenn Öl, das durch Pipelines (und nicht durch Tankschiffe) transportiert wird, von dem Embargo ausgenommen würde.

Die Slowakei würde ein Embargo gegen russisches Öl unterstützen, sagte Wirtschaftsminister Richard Sulik, wobei er darauf hinwies, dass eine längere Übergangsfrist von drei Jahren statt des von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen 1 1/2 Jahre – bis Ende 2023 – erforderlich wäre.

Sulik argumentiert, dass sich die Slowakei, ebenso wie Ungarn und Tschechien, in einer schwierigen Lage befindet. Als Binnenland könne sie kein Öl mit Seetankern importieren und sei auf Pipelines angewiesen, fügte er hinzu. Die wichtigste Pipeline, die Druschba-Pipeline, transportiert russisches Öl.

Die Slowakei könnte zwar die Adria-Ölpipeline Öl aus dem Süden importieren, doch ist deren Kapazität begrenzt.

Die slowakischen Ölreserven liegen in der Ostslowakei und können nicht mit Öl aus der Adria befüllt werden, da die slowakischen Pipelines technisch nicht für einen umgekehrten Fluss („reverse flow“) vorbereitet sind.

Die MOL Group, der ungarische Energieriese, der alle Ölraffinerien in beiden Ländern betreibt und russisches Öl verwendet, sagte zuvor, dass die Umstellung erhebliche Investitionen und Zeit erfordern würde.

EURACTIV hat die MOL Group um eine Stellungnahme gebeten, aber bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch keine Antwort erhalten.

Die Tschechische Republik ist ihrerseits erst dann bereit, das vorgeschlagene Embargo auf russische Ölimporte zu befürworten, wenn sie auch einen zwei- bis dreijährigen Aufschub erhält, bis die Ölpipeline-Kapazität erhöht wird.

„Wir unterstützen die schärfsten möglichen Sanktionen gegen Russland. An unserer Haltung hat sich nichts geändert. Allerdings haben wir von Anfang an die Position vertreten, dass die Sanktionen den tschechischen Bürger nicht mehr schaden dürfen als Russland“, sagte Premierminister Petr Fiala.

Bulgarien möchte jedoch vom EU-Ölembargo gegen Russland vollständig ausgenommen werden.

„Bulgarien kann ohne russisches Öl weitermachen, aber das würde die Treibstoffkosten erheblich erhöhen. Wenn die Europäische Kommission also Ausnahmen vorsieht, würden wir diese gerne in Anspruch nehmen, da dies im besten Interesse der bulgarischen Verbraucher, der bulgarischen Transportunternehmen und allgemein des bulgarischen Volkes ist“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident und Finanzminister Asen Vassilev.

„Wenn es eine feste europäische Position gibt „wir stoppen alles für alle“ – dann ist das eine Sache. Aber wenn es Ausnahmen gibt, werden wir unser Recht nutzen, die gleiche Ausnahme zu machen“, sagte Vassilev der Wochenzeitung Capital.

In Bulgarien besitzt das russische Unternehmen Lukoil die größte Ölraffinerie auf dem Balkan.

Selbst wenn es Bulgarien gelingt, die Versorgung mit Ölerzeugnissen aus anderen Quellen vollständig zu kompensieren, wird die bulgarische Regierung mit großem sozialen Unmut in Burgas rechnen müssen, wenn die Raffinerie ihren Betrieb einstellt.

Der Staatsvertreter in der Raffinerie, Krassimir Parvanov, warnte unterdessen, dass die Lukoil Neftochim Raffinerie geschlossen werden könnte, wenn die EU ein vollständiges Embargo gegen die Einfuhr von russischem Öl und Ölprodukten verhängt.

Parvanov erklärte gegenüber der bulgarischen Nachrichtenseite Mediapool, dass die Raffinerie zwischen 50 und 60 Prozent russisches Ural-Öl verwendet, aber sie kann nicht nur mit arabischem Öl arbeiten, sondern braucht auch Mengen an russischem Öl.

Burgas ist der größte Arbeitgeber in der Region, und Lukoil Bulgaria ist mit einem Jahresumsatz von 1,6 bis 3 Milliarden Euro das zweitgrößte Unternehmen der bulgarischen Wirtschaft.

Griechenland, Zypern ebenfalls unzufrieden

Der Vorschlag, allen Reedereien, die sich in EU-Besitz befinden oder europäische Interessen haben, die Beförderung von russischem Öl nach Europa oder in andere Teile der Welt zu verbieten, wurde von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen bei ihrer Rede im EU-Parlament nicht vorgestellt.

EURACTIV hat jedoch erfahren, dass dieser Plan immer noch zur Debatte steht.

Eine EU-Quelle sagte gegenüber EURACTIV, dass dieser Vorschlag darauf abziele, die Möglichkeiten eines Deals für billiges Öl, das von Russland nach China geliefert wird, einzuschränken, um ein Gegengewicht zum EU-Verbot zu schaffen. Die EU-Reedereien könnten nämlich andererseits die entsprechenden Öltransporte durchführen.

Dieselbe Quelle fügte hinzu, dass Athen und Nikosia heftig auf diesen Vorschlag reagiert hätten, da er einen schweren Schlag für ihre Schifffahrtsindustrien darstelle. Griechenland ist in der Schifffahrtsindustrie bei Weitem der Weltmarktführer.

(Vlagyiszlav Makszimov | EURACTIV.com with Telex, Krassen Nikolov | EURACTIV.bg, Michal Hudec, Radovan Geist | EURACTIV.sk, Aneta Zachová | EURACTIV.cz –Bearbeitet von Sarantis Michalopoulos)

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