Atomkraft: Jetzt verteilt auch Belgien Jodtabletten

Im Umkreis von 100 Kilometern um ein Kernkraftwerk müssen Jodtabletten für jedermann zugänglich gemacht werden.

Belgische Apotheken werden im Rahmen der neuen Nuklearstrategie des Landes Jodtabletten kostenlos zur Verfügung stellen. Das benachbarte Luxemburg will derweil gemeinsam mit Österreich gegen die Erweiterung eines AKW in Ungarn klagen.

Der belgische Innenminister Jan Gambon hat bestätigt, dass Jodtabletten, die den Auswirkungen nuklearer Strahlung entgegenwirken und Schilddrüsenkrebs vorbeugen sollen, nun in allen Apotheken im ganzen Land frei erhältlich sein werden.

Im Rahmen des neuen Nuklearen Notfallplans, der am Dienstag in Kraft getreten ist, müssen Jodtabletten im Umkreis von 100 Kilometern um ein Kernkraftwerk für jedermann zugänglich gemacht werden. Wer in unmittelbarer Nähe einer entsprechenden Anlage wohnt, muss Tabletten zu Hause aufbewahren.

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Es ist nicht das erste Mal, dass die alternden belgischen Kernreaktoren Sicherheitsbedenken aufkommen lassen: Die deutsche Stadt Aachen, die sich in der Nähe des Kraftwerks Tihange befindet, hatte bereits im September vergangenen Jahres mit dem Verteilen von Jodtabletten begonnen.

Die Meiler Tihange und Doel im Südosten bzw. Norden Belgiens sind besonders umstritten, nachdem in beiden Anlagen Mikrorisse entdeckt und ihre Betriebsdauer dennoch über die ursprünglich geplante Zeit hinaus verlängert wurde.

Darüber hinaus warnte die niederländische Atomsicherheitsagentur in einem Bericht im Februar, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit „viel zu wünschen“ übrig lasse und ein nuklearer Zwischenfall „nicht reibungslos verlaufen würde“. Zur tatsächlichen Sicherheit der belgischen Anlagen äußerte sich die Agentur allerdings nicht.

Der niederländische Bericht kritisierte unter anderem die Unterschiede bei Strahlenbehandlungsmaßnahmen und Evakuierungsplänen. Die Entscheidung Belgiens, Jod zu verteilen, könnte somit als ein Versuch angesehen werden, die Maßnahmen mit den Nachbarn zu harmonisieren.

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Luxemburg unterstützt Österreich

Auf dem Umweltministertreffen am Montag erklärte die Vorsitzende der Grünen Luxemburgs, Carole Dieschbourg, dass das Großherzogtum gemeinsam mit Österreich die Europäische Kommission wegen der Genehmigung zur Erweiterung des ungarischen Kernkraftwerks Paks verklagen wird. Die luxemburgische Regierung habe in einer Kabinettssitzung am Freitag beschlossen, sich dem Fall anzuschließen. „Wir werden Österreichs Klage aktiv unterstützen,“ sagte Dieschbourg gegenüber Reportern. Sie fügte hinzu: „Es ist wichtig, dass keine öffentlichen Gelder in die Kernenergie investiert werden. Das ist definitiv der falsche Weg.“

Dieschbourg und ihre österreichische Amtskollegin Elisabeth Köstinger kündgiten an, eine Art „paneuropäisches Anti-Atombündnis“ aufzubauen. Der nächste Schritt in diese Richtung könne bei einem Treffen der deutschsprachigen Minister (gemeinsam mit deutschen, schweizerischen und liechtensteinischen Kollegen) im Frühjahr gemacht werden.

Österreich ist entschieden gegen Atomkraft. So wurde nach einem Referendum beispielsweise eine neu errichtete Anlage stillgelegt, ohne dass sie ein einziges Watt Strom erzeugt hatte.

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Französische Meiler

Die französische Umweltministerin Brune Poirson erklärte beim Treffen der Umweltminister derweil, sie könne einen Atomausstieg in ihrem Land und in Belgien nur unterstützen, wenn Deutschland und Polen ähnliche Anstrengungen unternehmen würden, um aus der Kohlekraft auszusteigen.

Die Minister erörterten das Konzept eines CO2-Mindestpreises, der die Effektivität des europäischen Emissionshandels erhöhen soll. Die grünen Europaabgeordneten Bas Eickhout und Claude Turmes betonten, dass Frankreich seinen Atomausstieg beschleunigen müsse, um den Vorwurf des Protektionismus zu zerstreuen.

Im Jahr 2015 hatte die französische Regierung angekündigt, den Anteil der Kernenergie am Energiemix bis 2025 von derzeit 75 auf 50 Prozent zu reduzieren. Bisher wurden allerdings keine konkreten Schritte unternommen, um dieses Ziel zu erreichen.

Umweltminister Nicolas Hulot, der zumindest vor seiner Beteiligung in der Regierung von Emmanuel Macron als fest im Anti-Atomlager verankert galt, bestätigte im November, dass das Ziel für 2025 inzwischen unrealistisch sei und ein Zeitrahmen für die geplante Reduzierung der Abhängigkeit von Atomstrom bis 2030 oder gar 2035 wahrscheinlicher ist.

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