Atomenergie und CO2-Ablagerungen als ‚Schlüssel’ des zukünftigen EU-Energiemix [DE]

nuclear_plant_isp.jpg

Erneuerbare Energien alleine werden nicht ausreichen, um die ehrgeizigen CO2-Reduktionsziele der EU bis 2020 zu erreichen, warnte ein hochrangiger Kommissionsbeamter im Gespräch mit EURACTIV. Atomenergie und ‚saubere’ fossile Brennstoffe, die Sequestrierung und Ablagerung von Kohlenstoff verwenden, werden benötigt werden, sollte Europa im Notfall auf sich selbst gestellt sein, sagte Matthias Ruete, Generaldirektor der Kommission für Transport und Energie.

  • CO2-Reduktionen: ein frischer Aufwind für Atomenergie?

Anscheinend weicht die Kommission von ihrer üblichen Vorgehensweise ab, und schweigt sich nun nicht mehr über Atompolitik aus, sondern spricht sich öffentlich für Atomenergie als mögliche kohlenstoffarme Energiequelle aus.

‚Wenn wir CO2-freie Energieproduktion in der EU wollen, haben wir drei Standbeine: wir haben erneuerbare Energien, Atomenergie und die Möglichkeit von Kohlenstoffsequestrierung und –aufbewahung (CCS)’, sagte Matthias Ruete, Generaldirektor der Kommissionsabteilung für Transport und Energie (DG TREN) in einem Interview mit EURACTIV.

Die Exekutive der EU scheint besorgt zu sein, dass die Steigerung erneuerbarer Energien nicht ausreichen könnte, um die Kohlendioxidemissionen der Union genügend zu reduzieren, nachdem die EU-Staats- und Regierungschefs im März 2007 beschlossen hatten, die Emissionen bis 2020 um mindestens 20% zu senken.

‚Wenn wir die Atomenergie allmählich aus dem Verkehr ziehen, werden wir womöglich die erneuerbaren Energien ausschließlich darauf verwenden, dieses Manko wettzumachen, und werden dadurch nicht die Ziele erreichen, die wir uns in punkto CO2 gesteckt haben’, erklärt Ruete. Angenommen ein Mitgliedstaat reduziere seine Verwendung von Atomenergie um 5%, während es seinen Verbrauch von erneuerbarer Energie um 5% erhöht, ‚ist die tatsächliche (CO2-)Gleichung null’, fügt er hinzu.

‚Wir müssen offensichtlich sehen, was die anderen beiden Standbeine liefern können.’

Ruetes Kommentare kamen nur wenige Tage bevor drei der hochrangigsten Mitglieder der Kommission einschließlich der EU-Kommissarin für Wettbewerb, Nellie Kroes, öffentlich ihre Unterstützung für Atomenergie bekundeten (EURACTIV vom 3. Oktober 2007). Starke Kritik kam infolge von der Grünen Fraktion des Parlaments, die bemerkte, dass Kroes’ Befürwortung von Atomenergie ernsthafte Zweifel darüber aufwerfe, ob sie in der Lage sei, objektiv Entscheidungen zu fällen, die Wettbewerb in Bezug auf Atomenergie betreffen. 

  • Warten auf Kohlenstoffsequestrierung und –aufbewahrung (CCS)

Abgesehen von Atomenergie, ist die Kommission auch darauf bedacht, weitere Fortschritte im Bereich der CCS zu sehen. Dies ist eine Möglichkeit, CO2-Emissionen während der Energieproduktion aus fossilen Brennstoffen zu reduzieren.

Jedoch werfen hohe Kosten und die Skepsis der Öffentlichkeit einen Schatten auf CCS-Technologien: es ist fraglich, ob sie rechtzeitig wirtschaftlich nutzbar gemacht werden können, um den CO2-Ausstoß der EU zu verringern. ‚Je mehr wir an CCS arbeiten, desto mehr stellen wir fest, dass es wirklich teuer ist’, gesteht Ruete.

Um weitere Investitionen in CCS-benutzende Kraftwerke zu ermutigen, plant die Kommission daher eine Revision der Regelungen zur staatlichen Hilfe. Die EU-Mitgliedstaaten wären dadurch in der Lage, die Technologien mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen.

‚Wir müssen sicherstellen, dass wir einen guten Rahmen an staatlichen Hilfen und öffentlichen Finanzen herstellen. Es ist klar, dass ein starker Anstoß von öffentlicher Seite notwendig ist, um CCS zu finanzieren’, sagt Ruete, und fügt hinzu, ‚dass wir sehen müssen, welche Mitgliedstaaten tatsächlich ihr Geld dort anlegen, wo ihre Versprechungen liegen’.

In Zusammenhang dazu steht die Nachricht, dass die ‚European Technology Platform for Zero Emission Fossil Fuel Power Plants’ (ETP-ZEP) am 3. Oktober 2007 ihr Flaggschiffprogramm gestartet hat, um zehn bis zwölf CCS-Demonstrationsprojekte in industriellem Maßstab bis 2015 betriebsfähig zu haben. Dies ist zum Teil auf Verbindlichkeiten zurückzuführen, welche die EU-Staats- und Regierungschef im März zugesagt haben. 

Das wichtigste Fazit des Europäischen Strategieplans für Energietechnologie der Kommission vom Januar 2007 war, dass keine einzelne Energiequelle oder Technologie alleine es schaffen könnte, CO2-Emissionen zu reduzieren, ohne dadurch die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit oder die Sicherheit der Versorgung zu gefährden. Stattdessen, so der Bericht weiter, wird vielmehr ein vielfältiges Angebot von sauberen, effizienten und emissionsarmen Energietechnologien benötigt.

Obwohl erneuerbare Energien eine zentrale Stelle in diesem Angebot einnahmen, waren sie meist noch immer teurer als herkömmliche Energiequellen und haben zudem den wirtschaftlichen Mainstream noch nicht erreicht. Die Exekutive der EU hat es daher vorgezogen, alle Möglichkeiten offen zu lassen, und unterstützt ‚saubere’ fossile Brennstoffe und die Beibehaltung der Verwendung von Atomenergie als wichtige Pfeiler ihrer Vision von Europas zukünftigem Energiemix. (Siehe dazu unser LinksDossier)

  • 20. November 2007: Die Kommission präsentiert ihren Strategischen Plan zur Energietechnologie (SET-Plan), inklusive der finanziellen Bestimmungen. 
  • 5. Dezember 2007: Es wird erwartet, dass die Kommission einen Vorschlag zur Gesetzgebung für erneuerbarer Energien vorstellt. Dies wäre ein Teil eines Paketes, das eine Mitteilung über Kohlenstoffspeicherung und –aufbewahrung (CCS) beinhaltet. 
  • März 2008: Europäischer Rat – mögliche Bestätigung des SET-Planes durch die Mitgliedsstaaten. 

Abonnieren Sie unsere Newsletter

Abonnieren