Deutschland könnte durch das Coronavirus bis zu 100 Mio Tonnen weniger CO2 freisetzen

Klarer Himmel? Noch lässt sich nicht sagen, wie viel weniger Strom Deutschland derzeit verbraucht. Aber Hochrechnungen zufolge könnten damit Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. [Foto: Oaklizm/ Shutterstock]

Die laufende Corona-Pandemie wirkt sich dramatisch auf die deutsche Wirtschaft aus, dadurch sinkt der Bedarf an Strom. Das Gute daran: Mit Blick auf die CO2-Emissionen könnte Deutschland laut einer ersten Hochrechnung allein durch die Corona-Maßnahmen 30 bis 100 Millionen Tonnen weniger ausstoßen und damit sein Klimaziel sogar noch übertreffen.

Die deutsche Industrie steht weitgehend still, Produktionen werden heruntergefahren, ganze Werke temporär geschlossen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) geht in einer aktuellen Prognose davon aus, dass das deutsche BIP im Falle einer landesweiten Ausgangssperre um dramatisch 4,5 Prozent und im schlimmsten Fall bis zu 8,7 Prozent absinken könnte.

Das wird massive Auswirkungen auf den Strombedarf haben. Denn mit ca. knapp 230 Terrawattstunden pro Jahr verbraucht allein die Industrie knapp die Hälfte des deutschen Strombedarfs, gefolgt vom jetzt ebenfalls weitgehend stillstehenden Gewerbe, Handel, und dem Dienstleistungssektor. Haushalte fallen im Vergleich viel weniger ins Gewicht, sie sind mit knapp 130 Terrawattstunden nur auf Platz drei der Stromverbraucher.

Kohleausstieg – Wohin mit den CO2-Zertifikaten?

Wenn Deutschland seine Kohlekraftwerke schließt, sollen Millionen CO2-Zertifikate gelöscht werden. Eine dauerhafte Lösung ist das aber nicht, wenn auch andere Mitgliedsstaaten ihre Kraftwerke abschalten, warnen Experten.

Was bedeutet das mit Blick auf die deutschen Treibhausgas-Emissionen? Der Thinktank Agora Energiewende hat heute eine erste Hochrechnung veröffentlicht: Demnach würde allein die Industrie zehn bis 25 Millionen Tonnen weniger CO2 ausstoßen als normalerweise. Zusammen mit den Sektoren Strom, Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft dürfte sich eine Minderung von mindestens 50 Millionen Tonnen ergeben. Im Extremfall könnten es bis zu 120 Millionen Tonnen weniger CO2 sein. Da die Emissionen aufgrund des wärmeren Wetters und der Bedingungen auf dem Energiemarkt ohnehin sinken würden, errechnet Agora einen „Corona-Effekt“ von 30 bis 100 Millionen Tonnen.

Die wirtschaftliche Talfahrt hat einen weiteren Effekt: Wenn die deutsche Industrie weniger Strom benötigt, wird auch der Strompreis sinken. Um wie viel zeigt eine Analyse des auf Energiemärkte spezialisierten Beratungsunternehmens enervis. Sollte der Bedarf an Strom um zehn Prozent zurückgehen, würde sich der Strompreis auf dem Großhandelsmarkt dieses Jahr im Schnitt um 2,5 Prozent, bei zwanzig Prozent weniger Strombedarf sogar um 4,7 Prozent verringern.

Im Vergleich zur Finanzkrise im Jahr 2009 sei eine solche Verringerung des Strombedarfs „durchaus realistisch“, erklärt Mirko Schlossarczyk, Prokurist der Beraterfirma auf Anfrage EURACTIVs. In diesem Fall würde Deutschland allein im Stromsektor 25 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Agora geht hier sogar von einer Einsparung von 30 bis 50 Millionen Tonnen aus.

Was bedeutet das EU-Klimagesetz für Deutschland?

Die EU arbeitet an einem neuen Klimaziel für 2030. Derweil zeigen erste Gutachten zum deutschen Klimapaket, dass schon die derzeitigen Vorgaben unterschritten werden. So oder so wird es zu einer weiteren Verschärfung der Klimaziele für 2030 kommen. Bloß wann genau?

Coronavirus drückt auf ETS-Preise

 

Auch auf den europäischen Zertifikatehandel ETS wirkt sich der Coronavirus bereits aus. Dort ist der Preis für eine Tonne Kohlenstoffdioxid in den letzten Tagen von rund 23 auf inzwischen nur noch 16 Euro abgestürzt. Viele Unternehmen gehen aufgrund der Pandemie von einer deutlich geringeren Produktion aus und verkaufen ihre Zertifikate, um ihre Liquidität zu erhöhen, erklärt Hanns Koenig vom Beratungsunternehmen Aurora Energy Research. „Emissions-Zertifikate kann man schnell zu Geld machen, das erklärt sich einen Teil des Verfalls“. Auf dem Strommarkt herrscht also weniger Nachfrage nach Emissionsrechten, was die Preise senkt.

Dazu kommt, dass Kohlekraftwerke schon länger unter starker Konkurrenz durch Gaskraftwerke stehen, denn der Gaspreis ist – unabhängig von Corona – historisch niedrig. Für die Umwelt ist das gut, denn Erdgas setzt nur halb so viel CO2 frei wie Kohle. „Momentan treffen also zwei Marktentwicklungen aufeinander, die für Kohlekraftwerke sehr ungünstig sind“, summiert Schlossarczyk von enervis.

Noch sind diese Zahlen aber mit großer Vorsicht zu genießen, denn wie sich die Corona-Krise auf den Strombedarf auswirkt, ist bisher nur Spekulation und lässt sich nicht so schnell bemessen. Auch der ETS-Handel sei zu einem gewissen Teil von der Marktpsychologie der Unternehmer abhängig und daher schwer vorauszusagen, so Schlossarczyk.

Studie: Weltweiter CO2-Ausstoß hat auch 2019 weiter zugenommen

Der weltweite Ausstoß von klimaschädlichem CO2 hat einer Studie zufolge auch in diesem Jahr weiter zugenommen.

Deutsche Klimaziele können doch noch eingehalten werden

Wie sich der Coronavirus gesamteuropäisch auswirken könnte, bleibt genauso schwer vorauszusagen. Ein Analyst des Energie-Thinktanks Ember versucht sich in einer ersten Hochrechnung: Sollte die europäische Industrie ähnlich leiden wie in China, würden in diesem Jahr 72 Millionen Tonnen weniger CO2 ausgestoßen, wovon allein die Hälfte auf den Energiesektor entfallen würde.

Für die Umwelt könnte die Corona-Pandemie also eine temporäre Erleichterung bedeuten. Laut einer Berechnung des Thinktanks Carbon Brief haben die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus den CO2-Ausstoß in China um ein Viertel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesenkt. Damit wären bereits 200 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid alleine in China eingespart worden.

Für Deutschland bedeutet das, dass die Klimaziele für 2020 wohl doch noch eingehalten werden. Erst am Montag hatte Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) stolz die offiziellen Treibhausgasemissionen des vergangenen Jahres vorgestellt und verkündet, dass die Emissionen der Bundesrepublik um 6,3 Prozent zurückgegangen waren. Damit wäre eine Einsparung von 35,7 Prozent weniger CO2 im Vergleich zu 1990 erreicht und das Ziel von 40 Prozent in greifbarer Nähe.

Womöglich wird es sogar noch mehr. Treffen die Prognosen der Agora Energiewende zu, würde Deutschland sogar auf 40 bis 45 Prozent Emissions-Reduktion kommen – und sein  schon als verloren geglaubtes Klimaziel noch völlig unverhofft übertreffen.

Melden Sie sich für "The Capitals" an

Vielen Dank für das Abonnieren des The Capitals Newsletters!
  • Mit EURACTIV immer auf dem Laufenden!

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN