Alternative Kraftstoffe im Straßenverkehr: EU verabschiedet sich von „Buchhaltertricks“

Die Multiplikatoren seien bisher "ein nettes Instrument für die Mitgliedstaaten gewesen, um der Kommission zu melden, dass sie das Ziel für erneuerbare Energien im Verkehr 'erreicht' haben. In Wirklichkeit wurde aber nur die Hälfte des geforderten Volumens erzielt." [Scharfsinn/Shutterstock]

Die Biokraftstoffindustrie hat den Vorschlag der Europäischen Kommission begrüßt, die statistische Aufwertung von Biokraftstoffen aus Abfällen im Straßenverkehr-Energiemix zu beenden. Diese Praxis habe die tatsächliche Verwendung fossiler Brennstoffe vertuscht.

Die neu vorgeschlagene Zielvorgabe von 2,2 Prozent für „fortschrittliche Biokraftstoffe“ wie Kraftstoffe aus Altspeiseöl liegt unter den bisherigen 3,5 Prozent, die in der Richtlinie über erneuerbare Energien im Jahr 2018 vorgeschlagen worden waren. Die geforderte Abschaffung der sogenannten „Multiplikatoren“, die bisher eine doppelte Anrechnung von Biokraftstoffen aus Abfällen auf die Zielvorgaben ermöglichten, bedeutet jedoch, dass der Anteil der Biokraftstoffe der zweiten Generation im EU-Verkehr real wohl steigen wird.

Die EU nutzte diese Multiplikatoren bisher, um die Entscheidung für teurere, aber sauberere Kraftstoffoptionen zu fördern. Kritiker argumentieren jedoch, dass dies die realen Gegebenheiten im Energiemix verschleiert.

„Der Vorschlag der Kommission, die Verwendung von Multiplikatoren zu beenden, ist eine gute Nachricht für den Kampf gegen den Klimawandel. Schließlich wird damit eine Praxis beendet, die im Wesentlichen ein buchhalterischer Trick war, um die anhaltende Abhängigkeit der EU von fossilen Brennstoffen im Verkehr zu verschleiern,“ freute sich Emmanuel Desplechin, Generalsekretär von ePURE, einem Unternehmen für erneuerbares Ethanol. „Die nun vorgeschlagene Verwendung realer Zielvorgaben anstelle virtueller Ziele bedeutet, dass jeder Liter erneuerbarer Kraftstoffe tatsächlich einen Liter fossiler Kraftstoffe ersetzen wird“, fügte er hinzu.

Die Advanced Biofuels Coalition LSB, ein Branchenverband, dem elf Unternehmen aus der Biokraftstoffbranche angehören, bezeichnete die Entscheidung ebenfalls als „echten Fortschritt“. Die Multiplikatoren seien „vor allem ein nettes Instrument für die Mitgliedstaaten, um der Kommission zu melden, dass sie das Ziel für erneuerbare Energien im Verkehr ‚erreicht‘ haben. In Wirklichkeit wurde aber nur die Hälfte des geforderten Volumens erzielt,“ sagte Robert Vierhout vom Unternehmen Enerkem gegenüber EURACTIV.com Die Green Energy Platform, ein weiterer Zusammenschluss von Unternehmen, die in der pflanzenbasierten Biokraftstoffindustrie tätig sind, begrüßte ebenfalls die Abschaffung der ihrer Ansicht nach „marktverzerrenden Multiplikatoren“.

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Bei der Vorstellung der aktualisierten Richtlinie über erneuerbare Energien sagte EU-Energiekommissarin Kadri Simson kürzlich, die Kommission habe den Ansatz für Multiplikatoren „vereinfacht“. So sollen die Multiplikatoren „dort beibehalten werden, wo sie die schwer zu dekarbonisierenden Sektoren am meisten fördern – also in der Luftfahrt und im Seeverkehr. Wir wollen sicherstellen, dass die Dekarbonisierungsbemühungen vorrangig in diesen Sektoren stattfinden,“ sagte sie.

Im Gegensatz zum Straßenverkehr, wo Elektro- und Wasserstoff-Fahrzeuge bereits etwas weiter verbreitet sind, sind CO2-arme Flugzeuge und Schiffe noch nicht marktreif. Die Kommission hat daher Mandate für die Verwendung nachhaltiger alternativer Kraftstoffe wie Biokraftstoffe aus Abfällen und Elektrokraftstoffe erteilt, um die Emissionen zu verringern, während die Technologie weiter heranreift.

Die Entscheidung der Kommission, in der See- und Luftfahrt weiterhin einen 1,2-fachen Multiplikator für Biokraftstoffe aus Abfällen anzuwenden, wird von der Advanced Biofuels Coalition LSB jedoch kritisiert: „Dieser Multiplikator hat bis heute keine Wirkung gezeigt und wird auch nicht mehr benötigt,“ meint Vierhout.

Neuer Ansatz

Während die Biokraftstoffindustrie positiv auf die Entscheidung, die Multiplikatoren abzuschaffen, reagierte – eine Maßnahme, die sie seit langem gefordert hatte -, argumentiert die NGO Transport & Environment (T&E), dass Multiplikatoren Anreize für mehr Effizienz bieten können, wenn sie zur Förderung der Elektrifizierung eingesetzt werden.

„Die Frage der Multiplikatoren ist zentral, um die effizienteste Nutzung von Energie zu fördern – nämlich die direkte Elektrifizierung des Verkehrs. Mit einem Multiplikator von vier für Strom aus erneuerbaren Energien wurde das erreicht und hätte [in der Aktualisierung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie] beibehalten werden sollen,“ so Laura Buffet, Energiedirektorin von T&E, gegenüber EURACTIV.com.

Ein EU-Beamter, der anonym bleiben wollte, erklärte hingegen, der Vorschlag werde weiterhin starke Anreize für Strom aus erneuerbaren Energien bieten. Er betonte, die Reform müsse „im größeren Kontext der EU-Maßnahmen“ gesehen werden, wie etwa die Einbeziehung des Straßenverkehrs in den CO2-Emissionshandel und die stetig strenger werdenden Emissionsnormen für Kraftfahrzeuge.

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Nach dem überarbeiteten Vorschlag wird das Ziel für die Verringerung der verkehrsbedingten Emissionen nicht mehr anhand des Energiegehalts von Kraftstoffen, sondern anhand ihrer Treibhausgasintensität ausgedrückt. Infolgedessen werden erneuerbare Kraftstoffe anhand ihrer Emissionseinsparungen im Vergleich zu Benzin und Diesel bewertet; Strom aus erneuerbaren Energien wird mit Strom aus fossilen Brennstoffen verglichen.

Der überarbeitete Vorschlag zielt darauf ab, die Treibhausgasemissionen durch die Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien im Verkehr um insgesamt 13 Prozent zu senken. Nach dem derzeitigen Energiekonzept, das auf dem Energiegehalt von Kraftstoffen basiert, würde dies einer Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien von 14 auf 28 Prozent entsprechen.

Die vorgeschlagenen Änderungen sind Teil der sogenannten „Fit for 55“-Gesetzgebung der Europäischen Kommission – einem breit angelegten Paket aus diversen Energie- und Klimagesetzen, die darauf abzielen, die Emissionen der EU bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren. Langfristiges Ziel sind Netto-Null-Emissionen bis 2050.

Die im „Fit for 55“-Paket enthaltenen Gesetzesvorschläge sollen bald von den EU-Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament diskutiert werden – ein Prozess, der bis zur endgültigen Verabschiedung des Paktes noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen könnte.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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