800 Mrd. Euro fehlen für Stromnetze: Industrie fordert Strommarktreform

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Die jährlichen Investitionen in die Netzinfrastruktur lagen in den letzten Jahren zwischen 22 und 32 Milliarden Euro. Dadurch werden die Netze bis 2050 um 60 Prozent hinter dem Bedarf zurückbleiben, warnen die Industrievertreter in ihrem Bericht. Die Verstärkung der europäischen Stromnetze ist jedoch notwendig, wenn der Kontinent seine Bemühungen zur Dekarbonisierung fortsetzen will. [Shutterstock/Nightman1965]

In der EU besteht bis zum Jahr 2030 eine Investitionslücke bei den Stromnetzen in Höhe von 800 Milliarden Euro. Dies geht aus einem Bericht hervor, der von der Industrielobbygruppe ERT in Auftrag gegeben wurde, welche eine Umgestaltung des Strommarktes fordert.

Die Entwickler erneuerbarer Energien beklagen sich darüber, dass sie ihre Solaranlagen und Windturbinen nicht am Stromnetz anschließen können, während viele Europäer mit den Kosten für die bestehenden Netze zu kämpfen haben. So machen beispielsweise die Netzentgelte in Deutschland mehr als 20 Prozent der Stromrechnungen aus.

Diese Gebühren werden angesichts zusätzlicher Investitionen weiter ansteigen. Die Europäische Kommission schätzt, dass bis 2030 zusätzliche Infrastrukturinvestitionen in Höhe von 584 Milliarden Euro erforderlich sind.

In der Zwischenzeit hat der European Roundtable of Industry (ERT) einen Bericht bei der Beratungsfirma BCG in Auftrag gegeben. Darin wird eine Lücke von 800 Milliarden Euro bis 2030 und von 2,5 Billionen Euro bis 2050 prognostiziert.

Die jährlichen Investitionen in die Netzinfrastruktur lagen in den letzten Jahren zwischen 22 und 32 Milliarden Euro. Dadurch werden die Netze bis 2050 um 60 Prozent hinter dem Bedarf zurückbleiben, warnen die Industrievertreter in ihrem Bericht.

Die Verstärkung der europäischen Stromnetze ist jedoch notwendig, wenn der Kontinent seine Bemühungen zur Dekarbonisierung fortsetzen will.

Es werden mehr Netzkapazitäten benötigt, um Elektrofahrzeuge, Industrieprozesse sowie Heizung und Kühlung zu versorgen, die zunehmend elektrifiziert werden. Außerdem muss das System stabiler werden, um die Schwankungen der Sonnen- und Windenergie ausgleichen zu können.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass sich die Ausgaben für Netzinvestitionen im Vergleich zu den bisherigen Zahlen jährlich mehr als verdoppeln müssten, wenn die EU ihre Klimaziele erreichen wolle. Das bedeutet Beträge zwischen 70 und 84 Milliarden Euro pro Jahr.

Nach den Berechnungen von BCG werden 60 Prozent dieser Summe für Verteilungsnetze, 25 Prozent für Übertragungsnetze und der Rest für grenzüberschreitende Verbindungen und Speicher ausgegeben.

Was sollte getan werden?

Die europäischen Industriellen schlagen im Wesentlichen Lösungen in drei Kategorien vor: beschleunigte Genehmigungsverfahren, eine Überarbeitung des Energiemarktdesigns und die Stärkung des europäischen Binnenmarktes – Grundpfeiler des ERT.

Bei den Genehmigungsverfahren sollten lokale Akteure wie Gemeinden außen vor bleiben.

„Genehmigungen werden niemals schnell erteilt, wenn die Entscheidungen auf die lokale Ebene verlagert werden“, wird Patrick Pouyanné, CEO des Energiekonzerns TotalEnergies, im Bericht zitiert.

Die Industriegruppe erwähnt auch das neue Stromnetz-Schlagwort in Brüssel: „vorausschauende Investitionen.“ Der Gruppe zufolge bedeute das „Wissen um künftige Erzeugungs- und Nachfragezentren“, dass Stromleitungen bereits jetzt gebaut werden können, auch wenn sie nicht sofort benötigt werden.

In Bezug auf den Stromsektor betont der ERT, dass die Umstellung der Erzeugung – von fossilen Brennstoffen mit hohen Grenzkosten auf erneuerbare Energien, bei denen die Fixkosten dominieren – eine tiefgreifende Überarbeitung des Strommarktdesigns erfordere.

Dies wurde zuletzt 2022 vorgeschlagen, als die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, eine Überarbeitung vorschlug, die geringfügige Anpassungen in der Funktionsweise und einen langfristigeren Fokus vorsah.

Nach Ansicht von Industrievertretern müsse die EU jedoch noch weiter gehen. „Das derzeitige Marktdesign führt zu niedrigen Erfassungsquoten [Einnahmen] für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, wodurch der Bau neuer Anlagen weniger attraktiv wird“, heißt es in dem Bericht.

Netzausbau: Strombranche fordert langfristige Pläne und Tarifflexibilität

Der europäische Branchenverband der Elektrizitätswirtschaft Eurelectric fordert eine längerfristige Planung und eine Reform der Netztarifregeln. Damit soll die Finanzierung der bis 2030 erwarteten Investitionen in die Stromnetze des Kontinents in Höhe von 584 Milliarden Euro sichergestellt werden.

Investitionen in erneuerbare Energien attraktiver machen

Die Regierungen sind aufgerufen, staatliche Garantien für private Abnahmeverträge zu unterstützen, um mehr mittelständische Unternehmen, die mit dem gezielten Stromeinkauf weniger vertraut sind, in den langfristigen Strommarkt zu bringen.

Die Lobbygruppe ist der Ansicht, dass der von der EU bevorzugte Mechanismus der „Differenzverträge“ eingeschränkt werden sollte.

Diese Verträge, bei denen unabhängig von den täglichen Strompreisen ein im Vorfeld vereinbarter Betrag gezahlt wird, würden die Marktvolatilität erhöhen, argumentieren sie.

Dies würde zu „ausgedehnten Perioden von Null- und Negativpreisen“ führen, was bedeute, dass die Regierungen, „die hinter den Verträgen stehen, den vollen Ausübungspreis oder mehr zahlen müssten.“

Die Regierungen sollten eine staatlich geförderte Versicherungspolice zur Risikominderung von Investitionen einführen, die es den Stromversorgern ermöglichen würde, auch bei extrem volatilen Energiemärkten, wie es im Jahr 2022 der Fall war, im Geschäft zu bleiben.

Der ERT fordert nicht nur, dass die Regierungen die Risiken des Strommarktes übernehmen, sondern unterstützt auch die Forderung nach einer stärkeren Integration des europäischen Netzes.

„Die Vernetzung der europäischen Stromnetze wird es der EU ermöglichen, ihre Stromversorgungssicherheit zu erhöhen und mehr erneuerbare Energien in die Energiemärkte zu integrieren“, heißt es in dem Bericht. Es wird auch darauf hingewiesen, dass die zuständige Expertengruppe zuletzt vor vier Jahren getagt hat.

Da die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie nach der sogenannten Erklärung von Antwerpen vom Februar ganz oben auf der Brüsseler Agenda steht, ist zu erwarten, dass diese Vorschläge in der Kommission mit Interesse gelesen werden.

[Bearbeitet von Donagh Cagney/Alice Taylor/Kjeld Neubert]

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