30 Millionen Menschen in der EU von Energiearmut betroffen

"Es gibt einige Haushalte, die das ganze Jahr über unter Unannehmlichkeiten leiden: Im Winter ist es zu kalt und im Sommer zu warm." [Pexels / Pixabay]

Rund 30 Millionen Europäerinnen und Europäer waren 2019 nicht in der Lage, ihre Wohnungen angemessen zu heizen, so ein neuer Bericht des Jacques Delors Instituts.

Im heute veröffentlichten Bericht werden die Europäische Kommission und die EU-Länder aufgefordert, das allgemeine Bewusstsein für Energiearmut zu schärfen und denjenigen Personen Priorität einzuräumen, die mit dem Bezahlen ihrer Energierechnungen zu kämpfen haben. Dies sei umso wichtiger angesichts der Pandemie, die wahrscheinlich die Zahl der Menschen in Energiearmut weiter erhöht haben dürfte, so der Mitautor des Berichts Thomas Pellerin-Carlin.

Der Report zeigt vor allem, dass das Problem in Süd- und Osteuropa am gravierendsten ist – unter anderem, da die Gebäude dort meist weniger gut gegen kalte Witterungen isoliert sind. Bulgarien, Litauen, Griechenland, Portugal und Zypern sind demnach die Länder mit den höchsten Anteilen in der Bevölkerung, die Probleme haben, ihre Häuser und Wohnungen angemessen zu beheizen.

Viele Menschen leiden darüber hinaus auch im Sommer unter Energiearmut und sind dementsprechend nicht in der Lage, ihre Häuser ausreichend zu kühlen. Dies sei besonders besorgniserregend, da der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit und auch Länge von Hitzewellen erhöht. „Es gibt einige Haushalte, die das ganze Jahr über unter Unannehmlichkeiten leiden: Im Winter ist es zu kalt und im Sommer zu heiß,“ erklärt Marie Delair, ebenfalls Mitautorin des Berichts.

2020 und 2016: Die wärmsten Jahre der Geschichte

Das Jahr 2020 zieht mit dem Hitze-Rekordjahr 2016 gleich und geht damit ebenfalls als wärmstes Jahr in die Geschichtsbücher ein.

Nun sei davon auszugehen, dass die Pandemie die beiden Hauptursachen für Energiearmut weiter verschärft habe: „COVID-19 hat zwei extrem negative Auswirkungen auf energiearme Haushalte. Der erste ist, dass die Zahl der von Armut betroffenen Menschen aufgrund der Einkommensverluste durch die Wirtschaftskrise allgemein zunimmt,“ so Pellerin-Carlin. „Der zweite Grund ist die Tatsache, dass die Menschen gezwungen sind, mehr Zeit in ihren Häusern und Wohnungen zu verbringen – wegen der Lockdowns, wegen der Ausgangssperren, wegen anderer COVID-bezogener Maßnahmen. Dadurch steigen die Energierechnungen.“

Menschen mit geringem Einkommen und diejenigen, die in Sozialwohnungen leben, sind laut Bericht am ehesten von Energiearmut betroffen. Außerdem leben Frauen häufiger in schlechten Wohnverhältnissen als Männer.

Darüber hinaus wird seitens des Instituts gewarnt, dass „neue“ Gruppen, wie Studierende und Selbstständige pandemiebedingt nun ebenfalls stärker gefährdet sind, jetzt oder in Zukunft von Energiearmut betroffen zu sein.

Renovierungen und Sanierungen

Damit die EU ihre Klimaziele erreichen kann, ist eine tiefgreifende und unionsweite Renovierung der Gebäude notwendig. Derzeit sind Gebäude schätzungsweise für 40 Prozent des Energieverbrauchs und 36 Prozent der CO2-Emissionen in der Union verantwortlich.

Im Oktober vergangenen Jahres startete die Kommission daher ihre selbst so betitelte „Renovierungswelle“. Mit ihr sollen Programme zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden gefördert werden. Gelder aus dem 750 Milliarden Euro schweren Recovery Fund werden ebenfalls zur Verfügung stehen, um die Bemühungen der Mitgliedsstaaten zur Verbesserung der Wohnverhältnisse finanziell zu unterstützen.

Gebäude: Kommission will Renovieungsrate in EU verdoppeln

Die EU-Kommission will die Sanierung von Gebäuden in Europa deutlich beschleunigen. Um die Energieeffizienz zu steigern, soll sich die jährliche Renovierungsrate in den kommenden Jahren verdoppeln.

„Wir haben alle Zutaten. Was wir jetzt brauchen, ist das richtige Rezept,“ so Pellerin-Carlin. Geld sei da; es brauche aber vor allem politischen Willen, Renovierungen dort umzusetzen, wo sie besonders nötig sind.

Man müsse diesbezüglich allerdings beachten, dass das Recovery-Geld möglicherweise nicht für Renovierungen verwendet wird: Pellerin-Carlin verweist auf Bulgarien, wo die Gefahr besteht, dass EU-Gelder stattdessen für Erdgas-Infrastruktur ausgegeben werden könnten.

Daher müsse die Kommission Regeln festlegen. Außerdem solle gewährleistet werden, dass „Renovierungsgeld“ nicht nur reichen Kommunen zugute kommt: „Was wir fordern, ist, dass die Europäische Kommission sicherstellt, dass in jedem nationalen Plan zumindest ein Teil der Gelder zweckgebunden und speziell für energiearme Haushalte vorgesehen ist.“

Fakt ist: In der gesamten EU wurden die Sanierungsziele immer wieder verfehlt. Laut der Energieeffizienz-Richtlinie sollten die Länder jedes Jahr mindestens drei Prozent der Gebäude renovieren, die sich im Staatsbesitz befinden und/oder von Behörden genutzt werden. Dieses Ziel wurde vielerorts nicht erreicht. Die EU-Länder sollten außerdem bis März 2020 nationale langfristige Renovierungsstrategien vorlegen – aus Sicht der Kommission der Schlüssel zur Bekämpfung der Energiearmut. Doch nur die Hälfte der Mitgliedsstaaten hat dies tatsächlich getan.

Im Bericht wird abschließend auf eine fragmentierte und ineffiziente Energiepolitik hingewiesen, die sich in den nationalen Energie- und Klimaplänen der Länder widerspiegelt. Die aktuellen Pläne seien schlichtweg nicht ehrgeizig genug, um die von der Kommission gewünschte Treibhausgasreduktion um 55 Prozent bis 2030 zu erreichen.

[Bearbeitete von Frédéric Simon und Tim Steins]

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