2°C-Ziel: Nur Bruchteile der globalen Schwerindustrie sind auf dem richtigen Weg

Von den 111 untersuchten Unternehmen sind nur 16 auf einem guten Weg, die eigenen Produktionsprozesse derart zu überarbeiten, dass sie den Anforderungen einer klimaneutralen Zukunft gerecht werden könnten. [EPA/EVERETT KENNEDY BROWN]

Eine Studie der Transition Pathway Initiative (TPI) legt nahe, dass 14 Prozent der Stahl-, Zement-, Aluminium- und Papierproduzenten sowie Bergbauunternehmen die Klimaziele des Pariser Abkommens einhalten werden. Einige europäische Firmen machen dennoch Hoffnung.

Die industrielle Dekarbonisierung ist eines der wichtigsten Vorhaben des europäischen Green Deal, mit dem die EU die Klimaziele des Pariser Abkommens einhalten möchte. Doch vor allem die Schwerindustrien stehen vor immensen Herausforderungen, um ihre Produktion künftig emissionsärmer zu gestalten.

Die unabhängige und von Kapitaleignern geführte TPI hat in einer Studie, die EURACTIV.de vorliegt, Bergbaufirmen sowie Hersteller von Papier, Stahl, Zement und Aluminium aus aller Welt auf ihre Kohlenstoffeffizienz überprüft, um herauszufinden, ob sie die geforderten Anstrengungen zur Emissionsreduzierung umsetzen. Das Ergebnis: Nur 14 Prozent der untersuchten Unternehmen befinden sich auf dem Weg, die Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten.

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Europäische Firmen schneiden gut ab

Von den 111 untersuchten Unternehmen, mit einer Gesamt-Marktkapitalisierung von 856 Milliarden US-Dollar, sind laut der Studie nur 16 auf einem guten Weg, die eigenen Produktionsprozesse derart zu überarbeiten, dass sie den Anforderungen einer klimaneutralen Zukunft gerecht werden könnten. Vor allem Aluminium und Papier schneiden schlecht ab. In beiden Sektoren ist jeweils nur ein Unternehmen auf dem Weg, die Klimaziele zu erreichen.

Ein besonderer Fokus der Studie lag jedoch auf der Stahlproduktion: Waren es im vergangenen Jahr nur fünf Unternehmen, die mit den Pariser Klimazielen bis 2030 im Einklang waren, sind es in diesem Jahr immerhin acht (28 Prozent). Schaut man sich jedoch die Ziele bis 2050 an, erreichen wiederum nur noch fünf Unternehmen diese Schwelle. Dieser Unterschied liegt laut den Autoren der Studie an der Geschwindigkeit der geplanten Dekarbonisierung. Ein großer Teil der Ziele soll erst nach 2030 erfüllt werden. Dann werden Technologien, wie zum Beispiel Wasserstoff, in ausreichenden Mengen verfügbar sein, sodass auch die Industrie ihre Produktion mit deren Hilfe dekarbonisieren kann.

Europäische Stahlhersteller schneiden dabei vergleichsweise gut ab. Mit Acerinox, Arcelor Mittal, Thyssen Krupp und Voestalpine sind gleich vier Europäer unter den Top 5. Mit dem niederländisch-luxemburgischen Unternehmen Arcelor Mittal ist sogar der weltweit größte Stahlproduzent darunter.

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Die TPI-Studie legt nun nahe, dass auch die Schwerindustrie noch weit davon entfernt ist, ihren Teil zur Dekarbonisierung der weltweiten Wertschöpfungskette beizutragen. Zwar gelten diese Industrien generell als „schwer zu dekarbonisieren“, doch das Tempo, mit dem neue Wege zur Emissionsreduzierung getestet und umgesetzt werden, ist offenbar viel zu langsam.

Das kritisiert auch die TPI und schlägt vor, dass die Unternehmen vermehrt auf Kreislaufwirtschaft setzen sollten. Es sei besorgniserregend, dass derart wenige Industrieunternehmen für die Netto-CO2-Neutralität bereit sind, sagt Adam Matthews, Co-Vorsitzender von TPI. Doch es sei „klar, dass neue industrielle Prozesse, die auf den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft basieren, uns einen Wendepunkt für technisch machbare, wirtschaftlich attraktive Lösungen liefern.“

Eine ressourcensparende Kreislaufwirtschaft erfordert vor allem das Recycling alter Materialien, aber auch einen Produktionsprozess, der die Wiederverwertung ermöglicht.

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Investitionen in Dekarbonisierung

Die TPI-Studie dient grundsätzlich dazu, Investoren über mögliche Risiken oder Chancen einzelner Industriezweige zu informieren. Auf Anfrage von EURACTIV teilte TPI mit, man wolle durch den Vorstoß und die Empfehlung, verstärkt auf Kreislaufwirtschaft zu setzen, zu Investitionen in diesen Bereichen ermutigen.

Die Initiative betont die Unabhängigkeit ihrer Studie. Doch es wird auch auf die Risiken von Investitionen in Firmen hingewiesen, die nur unzureichend auf die notwendige Dekarbonisierung vorbereitet sind: „Die Risiken für klimabewusste Investoren werden bei den 86 Prozent [der Firmen], die den Klimazielen nicht gerecht werden, im Vergleich zu den 14 Prozent, die ihnen tatsächlich gerecht werden, sicherlich höher sein.“

Supporter

Mitsubishi Heavy Industries







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