24 EU-Staaten fordern bessere Bahnverbindungen

Die Bahn soll insbesondere auf Strecken unter 1.000 Kilometern gegenüber Kurzstreckenflügen attraktiver werden. [BalkansCat/Shutterstock]

24 EU-Länder haben sich am Mittwoch darauf geeinigt, beim internationalen Schienenverkehr enger zusammenzuarbeiten. Die Bahn solle „zu einer attraktiven Alternative“ bei Reiseentfernungen werden, wo sie derzeit gegenüber Flugzeugen kaum wettbewerbsfähig ist.

Die zuständigen Ministerinnen und Minister aus den Verkehrs- und Infrastrukturministerien erklärten, man wolle eine „Agenda für den internationalen Schienenpersonenverkehr“ unter Verwendung der bestehenden EU-Instrumente erstellen und diese Agenda „umfassend“ in den Green Deal des Blocks einbinden.

Alle EU-Mitglieder mit Ausnahme der Inselstaaten Zypern und Malta sowie des aktuell EU-ratsvorsitzenden Kroatien unterzeichneten den Aufruf im Vorfeld der Verkehrsratssitzung am Donnerstag.

Laut dem gemeinsamen Brief, der an EU-Transportkommissarin Adina Vălean geschickt wurde, „erreicht der internationale Schienenpersonenverkehr derzeit nicht sein Potenzial innerhalb der EU. Die nationalen Schienenverkehrsmärkte sind viel weiter entwickelt.“

2021 soll das "Jahr der Schiene" werden

Die EU-Kommission hat mitgeteilt, dass der Zugverkehr im Jahr 2021 als Teil des europäischen Green Deals besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten soll.

Die Ministerinnen und Minister verweisen außerdem auf die im Green Deal angestrebte Klimaneutralität, den weiterhin steigenden Ausstoß von Treibhausgasen im Verkehr sowie die Absicht der Europäischen Kommission, 2021 zum „Jahr der Schiene“ zu erklären. Dies alles seien gute Anlässe, um den internationalen Schienenverkehr voranzubringen.

Eine neue Strategie solle den rechtlichen Rahmen bieten, „um die Bahn zu einer attraktiven Alternative bei Entfernungen zu machen, in denen sie derzeit nicht wettbewerbsfähig ist“. Man wolle sich nun innerhalb von zwölf Monaten auf einen Zeitplan mit einzelnen Zwischenzielen einigen.

Probleme wie komplexe Fahrkartenkaufsysteme bei Fahrten in unterschiedlichen Ländern mit verschiedenen Unternehmen sollten durch digitale Lösungen angegangen werden, wird im Brief hinzugefügt. Vielfahrer im Eisenbahnverkehr fordern seit langem die Einrichtung einer Online-Plattform ähnlich dem „Skyscanner“ in der Flugbranche – möglicherweise durch die EU.

Kampf um die Kurzflieger-Strecken

Die Ministerinnen und Minister erklärten weiter, der internationale Bahnverkehr könne gerade seine Passagierzahlen in der Reisestrecken-Kategorie 300 bis 800 Kilometer steigern. Ohne es explizit anzusprechen, wird so darauf hingewiesen, dass die Bahn den Kampf gegen Kurzstreckenflüge unter 1.000 Kilometern aufnehmen soll.

Tatsächlich scheint auch bei den Reisenden die Bereitschaft und Toleranz für längere Fahrten zuzunehmen: Laut einer Studie von UBS Research würden Geschäftsreisende eine Fahrtzeit von vier Stunden in Kauf nehmen, während Freizeitreisende sechs Stunden tolerieren.

In der Analyse wird vor allem die internationale Strecke London-Paris als Paradebeispiel angeführt: Die Bahn könne dort aufgrund ihrer innerstädtischen Abfahrts- und Ankunftsorte und der relativ kurzen Wartezeiten gegen den Luftverkehr deutlich punkten – und siegen.

Zug vs. Flug: Vorteil für die Schiene?

Die Nachfrage nach Bahnreisen in Europa wird im kommenden Jahrzehnt deutlich steigen, so eine neue Analyse, die auf eine „neue Wertschätzung“ der Öffentlichkeit für saubere Luft und Klimaschutz als Folge des Coronavirus-Ausbruchs hinweist. Hauptverlierer dürften die Airlines sein.

Es wird erwartet, dass die Nachfrage nach Bahnreisen in den kommenden Jahren steigt – auch aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus, das die Reisegewohnheiten verändern könnte. Die Luftfahrtindustrie geht davon aus, dass es mindestens drei Jahre dauern wird, bis sich der Flugverkehr wieder auf das Niveau vor dem Ausbruch des Virus erholt hat.

Auch staatliche Eingriffe könnten die Lage verändern. Im Zuge des Rettungspakets der französischen Regierung für Air France in Höhe von sieben Milliarden Euro wird die Fluggesellschaft verpflichtet, einige Inlandsstrecken zu reduzieren, was wiederum dem staatlichen Bahnunternehmen SNCF die Möglichkeit eröffnet, diese Strecken für sich zu erschließen und auszubauen.

Andererseits sind natürlich auch die Bahnunternehmen in Europa nicht immun gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus: Ihre Passagierzahlen haben fast ebenso stark gelitten wie die der Luftfahrt. Sowohl die SNCF als auch die Deutsche Bahn sind angeblich an staatlichen Beihilfen interessiert.

Internationale Verbindungen und das liebe Geld

Derweil heißt es in dem Schreiben der Ministerinnen und Minister weiter, die EU-Mitgliedstaaten sollten auch mit Drittländern zusammenarbeiten, um die internationalen Verbindungen zu verbessern.

Dabei wird als Beispiel die Eurostar-Verbindung London-Amsterdam angeführt.

Somit wird nahegelegt, dass sich auch das aus der EU ausscheidende Vereinigte Königreich an der Bahn-Initiative beteiligen wird.

Warum es in der EU keine Kerosinsteuer gibt

Dass ein Flugticket oft günstiger als der Zug ist, liegt daran, dass es keine Steuern auf Kerosin gibt. Obwohl diese seit Jahren fordern, ist sie aber weder auf nationaler, noch auf EU-Ebene in Sicht. Wie kommt das?

Es gibt allerdings nach wie vor Hindernisse für eine ausgewachsene „Bahnrevolution“, darunter vor allem die Frage der Finanzierung der teuren Infrastruktur sowie der Anschaffung neuer Züge für die Bedienung neu geschaffener Strecken.

Laut dem jüngsten Haushaltsentwurf der Kommission soll die „Connecting Europe“-Fazilität des Blocks in den kommenden sieben Jahren zusätzliche Gelder in Höhe von 1,5 Milliarden Euro erhalten. Im 750 Milliarden Euro schweren Recovery Fund als Reaktion auf die coronavirusbedingte Krise werden hingegen keine bahn-spezifischen Mittel vorgesehen.

Geld für das „Streben nach Nachhaltigkeit“

Der Chef der Bahnlobbygruppe CER Libor Lochman fordert daher, der EU-Konjunkturfonds solle „Bewegung in Richtung grüner Mobilität ermöglichen und sicherstellen, dass die Verbesserungen der Luftqualität in den Städten erhalten bleiben“.

Er fügt hinzu, der Europäische Rat müsse weiter an den Vorschlägen der Kommission feilen, damit der Recovery Fund und auch der EU-Haushalt dazu beitragen können, „öffentliche Verkehrsmittel wie die Bahn zu stärken“.

Damit würde man „dem Streben der Bürgerinnen und Bürger nach einer nachhaltigeren Gesellschaft“ gerecht werden.

Das Thema könnte schon in zwei Wochen besprochen werden, wenn die Staats- und Regierungschefs der EU am 19. Juni zu einer virtuellen Sitzung zusammenkommen.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

Coronavirus-Auswirkungen: Bis zu 50 Prozent weniger Luftverschmutzung

Da die Lockdown-Regelungen den Verkehr auf den Straßen stark verringert haben, ist die Luftverschmutzung in einigen EU-Regionen um gut 50 Prozent zurückgegangen.

Flugscham? Europäer fliegen so viel wie nie

Viele Menschen geben an, für den Umweltschutz weniger zu fliegen. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Der Luftfahrtindustrie geht es so gut wie nie, ihre Emissionen haben sich seit 1990 mehr als verdoppelt.

Deutsche Bahn sieht in Klimapaket größtes Investitionsprogramm in Bahngeschichte

Die Deutsche Bahn hat die Beschlüsse des Klimakabinetts als „hervorragende Nachrichten für die Eisenbahn in Deutschland und ihre Kunden“ begrüßt.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN