2050 gibt es mehr Plastik als Fisch im Meer

Helfer in Thailand versuchen, einen Pilotwal zu retten, der rund 80 Plastiktüten gefressen hatte und letztlich daran verendete. [EPA-EFE/STR THAILAND OUT]

Ein breit angelegter Bericht von UN-Umweltexperten über Kunststoffverschmutzung, der am Dienstag anlässlich des Weltumwelttages (5. Juni) veröffentlicht wurde, zeigt, dass Regierungen auf der ganzen Welt zu handeln beginnen und dass Verbote und Abgaben gegen Umweltverschmutzung durch Plastik langsam greifen. Das Problem bleibt trotzdem akut.

Der Bericht Single-Use Plastics: A Roadmap for Sustainability bezieht mehr als 60 Fallstudien ein, um eine Reihe von Empfehlungen zur Eindämmung der Kunststoffverschmutzung und zur Bekämpfung dieses eskalierenden Problems zu geben, das „wir bereits jetzt nicht bewältigen können“.

Das Ausmaß des Plastik-Problems ist tatsächlich beträchtlich: In dem Bericht heißt es, dass nur neun Prozent der rund neun Milliarden Tonnen Kunststoff, die jemals hergestellt wurden, recycelt wurden. Wenn sich der derzeitige Trend fortsetzt, werde die Zahl bis zum Jahr 2050 auf 12 Milliarden Tonnen ansteigen.

Nach Angaben der Ellen MacArthur Foundation wird bis Mitte des Jahrhunderts mehr Plastik als Fische in unseren Ozeanen sein, und Schätzungen zufolge gibt es bereits heute ein Verhältnis von 1:2 zwischen Plastik und Plankton, einer lebenswichtigen Nahrungsquelle für viele Meeresbewohner.

Plastikstoffe im Meer sollen drastisch reduziert werden

Kunststoffe machen 85 % der Meeresabfälle aus. Um das einzudämmen, hat die EU Kommission ihre Vorschläge für ein Verbot der zehn häufigsten Plastiken vorgelegt, die recycelbare Alternativen haben.

Der UN-Bericht nennt Zigarettenkippen, Plastikflaschen und deren Kappen, Lebensmittelverpackungen, Plastiktüten und Deckel als die am häufigsten in der Umwelt vorkommenden Einweg-Kunststoffe.

Die weltweit immer strikter umgesetzten Plastiktüteneinschränkungen und -verbote werden derweil als eine der wirksamsten Möglichkeiten gelobt, etwas zu bewirken.

Plastiktüten sind das Hauptproblem

Plastikbeutel und -tüten sind besonders problematisch, weil sie Wasserwege und die Kanalisationen verstopfen sowie zu Brutstätten für Krankheiten werden können. Darüber hinaus sind unzählige Fälle von großen Meerestieren dokumentiert, die die Tüten aufnehmen – was oft zum Tod der Tiere führt.

So starb erst vergangene Woche ein Pilotwal in Thailand, nachdem er 80 Plastiktüten gefressen hatte. Lokale Aktivisten schafften es nicht mehr, das Säugetier zu retten, das laut Berichten kurz vor seinem Tod anfing, Plastikmüll zu erbrechen.

Ein Foto von ThaiWhales.org vom 3. Juni 2018, das die insgesamt 80 Plastiktüten-Teile zeigt, die im Magen eines Pilotwals in Thailand gefunden wurden, der an der Plastikmenge in seinem Körper verendete.

In der EU verpflichtet ein neues Gesetz die Mitgliedstaaten, bis Ende 2019 sicherzustellen, dass nicht mehr als 90 Plastiktüten pro Person verwendet werden, bevor das Ziel im Jahr 2025 auf 40 Tüten pro Person sinkt. In der Union werden derzeit etwa 100 Milliarden Säcke pro Jahr verbraucht. Die nationalen Regierungen können im Rahmen der EU-Gesetzgebung wählen, wie sie diese Zahlen am besten senken wollen.

UN-Umweltchef Erik Solheim sagte in einer Erklärung zum Bericht: „Kunststoff an sich ist nicht das Problem. Es geht darum, was wir damit machen.“ Er fügte hinzu, ein „Massenbewusstsein“ über Alternativen sei dringend notwendig.

Obwohl im UN-Bericht eingeräumt wird, dass „es noch zu früh ist, belastbare Schlussfolgerungen über die Umweltauswirkungen von Verboten und Abgaben zu ziehen“, wird darauf hingewiesen, dass mehr als 60 Länder solche Verbote bereits in ihren Bemühungen zur Bekämpfung von Einweg-Kunststoffen eingeführt haben.

Die Datenerfassung ist problematisch: Die Hälfte der untersuchten Länder sammelt entweder keine Informationen oder hat gerade erst damit begonnen. Fast ein Drittel derjenigen Staaten, die Daten gesammelt haben, erklärten allerdings, dass der Verbrauch von Plastiktüten im ersten Jahr drastisch gesunken sei. 20 Prozent gaben hingegen an, es gäbe wenig bis gar keine Veränderung.

Der Bericht legt nahe, dass in den Ländern, die keine Auswirkungen registriert haben, mangelnde Durchsetzung und das Fehlen tragfähiger Alternativen daran schuld sein könnten.

Aus Ruanda gibt es inzwischen sogar Berichte von Plastik-Schmugglern, die Tüten ins Land bringen, die manchmal an ihren Körper geschnallt sind.

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Im Vorfeld der Veröffentlichung der Kunststoffstrategie der Europäischen Kommission im Januar gab es Gerüchte, dass die EU-Exekutive die Einführung einer Steuer auf Kunststoffe in Betracht ziehen würde – zum Teil als Maßnahme, um eine Lücke von 13 Milliarden Euro im Haushalt zu schließen, die sich nach dem Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus dem Block im nächsten Jahr ergeben wird.

Doch obwohl eine „gut durchdachte“ Steuer von EU-Umweltchef Karmenu Vella und Haushaltskommissar Günther Oettinger stark unterstützt wurde, blieb die Idee auf der Strecke.

10 Schritte für eine gesunde Umwelt

Auf der Grundlage der verfügbaren Daten hat die UN einen zehnstufigen Fahrplan zur Bekämpfung der Kunststoffverschmutzung ausgearbeitet, der den Austausch bewährter Verfahren (best practices) zwischen den Staaten, eine wirksamere Einbindung von Verbrauchern und Industrie, die Förderung von Alternativen zu Kunststoff, die Überwachung von Maßnahmen sowie die Verwendung der Einnahmen aus Plastik-Abgaben zur Unterstützung des Wandels einschließt.

In dem Bericht werden insbesondere auch wirtschaftliche Anreize genannt, um umweltfreundliche Alternativen zu fördern, einschließlich Steuervergünstigungen, Finanzierung der Forschung und Senkung oder Abschaffung von Steuern auf Importmaterialien, die für die Herstellung der umweltfreundlichen Produkte erforderlich sind.

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Die Nachhaltigkeitsaktivistin Ariadna Rodrigo kritisierte gegenüber EURACTIV jedoch, die derzeitigen Anreize würden „nicht funktionieren“. Sie forderte, dass eine neue Reihe sogenannter Weitreichender Herstellerverantwortungssysteme (Extended Producer Responsibility Schemes, EPRs) notwendig sei, um „den Abfall aus den Produkten herauszubekommen“ und ein Verursacherprinzip einzuführen.

Sowohl Solheim als auch der Bericht selbst räumten ein, es könne aufgrund der großen Unterschiede zwischen den Weltregionen keine einheitliche Lösung für das Plastik-Problem geben.

Es wird geschätzt, dass weltweit zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Recyclinganlagen haben.

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