Peak Oil – Ölfördermaximum [DE]

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Ist es möglich, dass die Welt das Maximum der Ölproduktion erreicht hat oder kurz davor steht? Einige geologische Experten sind dieser Meinung, und wenn ihre „Peak Oil“-Theorie stimmt, hätte dies enorme Konsequenzen für die Energiesicherheit und für die Weltwirtschaft. Nichtsdestotrotz wird diesem Problem in der EU-Politik zur Energiesicherheit nur wenig Beachtung geschenkt.

Öl ist das Blut, das in den Adern unserer Volkswirtschaften fließt – aber es ist endlich und keine erneuerbare Ressource. Die Welt verbraucht derzeit täglich 85 Millionen Barrel Öl für Elektrizität, Heizung, Verkehr, die Chemieindustrie und andere wirtschaftliche Aktivitäten. Dem ‚Energy Outlook’ der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge wird die Weltwirtschaft bis 2030 einen täglichen Ölkonsum von 130 Millionen Barrel erreicht haben. Aber ist es möglich, dass die weltweite Ölversorgung dieser Nachfrage nicht gerecht werden kann, weil die Ölreserven immer geringer werden?

Diese Frage stellt eine wachsende Zahl von Energieexperten, nach deren Vorhersagen die weltweite Ölförderung nah an ihrem Maximum liegt und zukünftig zurückgehen wird. Die Theorie ist unter dem Namen „Peak Oil“ (Ölfördermaximum) bekannt und hat auch andere Personen inspiriert, nach dem Wendepunkt der Förderung von Gas und anderer Energieressourcen Ausschau zu halten.

„Peak Oil“ bedeutet nicht, dass es mit den Ölvorkommen zu Ende geht. Es meint, dass das Maximum der Ölförderung erreicht ist oder, mit anderen Worten, dass die Hälfte des abbaubaren Öls gefördert wurde.

Das „Peak Oil“-Konzept geht auf den US-Geologen von Shell, Marion King Hubbert, zurück, der 1956 richtig prognostizierte, dass die amerikanische Ölförderung um 1970 ihr Maximum erreicht haben werde. Auf Hubberts Modell aufbauend haben mehrere Energieexperten versucht, zu errechnen, wann der Wendepunkt der weltweiten Förderung erreicht sein wird. Die „Pessimisten“ glauben, dass der Scheitelpunkt der Ölförderung bereits überschritten wurde, während andere (die „Optimisten“) der Meinung sind, dass die Welt in den nächsten 20 bis 30 Jahren einen weiteren Wachstum der Ölproduktion verzeichnen wird.

Die gegenwärtige Debatte zum Peak Oil wird von der Association for the Study of Peak Oil and Gas, ASPO (siehe Wikipedia für weitere Informationen) angeregt. Diese Vereinigung wurde 2000 von dem internationalen Ölexperten (und früheren Vizepräsidenten von Fina) Colin Campbell gegründet. Sie besteht aus Wissenschaftlern, Akademikern und auf Erdöl spezialisierten Geologen. Die Gruppe hat weltweit Anhänger gefunden; in mehreren Staaten gibt es assoziierte ASPO-Vereine. ASPO hat das Internet effektiv genutzt, um die von der Vereinigung vertretene Theorie zu verbreiten. Google zeigt im Mai 2007 über 1,4 Millionen Ergebnisse zum Suchbegriff „Peak Oil“ an. 

Der Debatte um „Peak Oil“ umfasst mehrere wichtige Aspekte:

  • Transparenz der Informationen zu bestehenden Vorkommen

Eines der größten Probleme dabei, eine langfristige Energiepolitik festzulegen, besteht darin, dass die gegebenen offiziellen Daten zu Vorkommen mangelhaft ausfallen und zum Teil fehlerhaft sind. Momentane Schätzungen über Ölreserven, die von internationalen Organisationen wie der Internationalen Energieagentur (IEA) oder dem US Geological Survey vertreten werden, basieren auf Informationen der Ölunternehmen und Öl fördernden Staaten. Jüngste Ereignisse haben gezeigt, dass Ölunternehmen in manchen Fällen ihre Reserven überschätzten und ihre Angaben korrigieren mussten. Die Staaten der Opec geben zum Beispiel größere Reserven an, um ihre Förderquoten aufrecht zu erhalten (je mehr Reserven sie angeben, desto mehr sind sie berechtigt zu fördern und desto größere fallen ihre Gewinne aus). Die meisten Opec-Staaten haben seit 1980 ihre Angaben nicht mehr aktualisiert, obwohl seitdem viel Öl gefördert wurde und keine außergewöhnlichen Vorkommen entdeckt wurden.

Eine der interessantesten Studien in diesem Zusammenhang wurde von dem sich auf Energie spezialisierten Anlagenbankier Matthew R. Simmons durchgeführt. Für sein Buch „Wenn der Wüste das Öl ausgeht. Der kommende Ölschock in Saudi-Arabien - Chancen und Risiken“ (2005) untersuchte er hunderte Dokumente von Saudi Aramco und kam zu der Schlussfolgerung, dass Saudi Arabien sich nah an seinem Fördermaximum befinde. Da die meisten Weltwirtschaften von der Erhöhung der saudi-arabischen Produktion abhängen, würde dies ernsthafte Auswirkungen auf das weltweite Wirtschaftswachstum haben. Seit 2005 wurden mehrere Expertenberichte veröffentlicht, wonach das weltweit größte Ölfeld, Saudi Ghawar, nahe an seinem Wendepunkt angekommen sei.

Die internationale Gemeinschaft ist sich der Probleme in Bezug auf die Verlässlichkeit der Daten bewusst. Deshalb wurde 2005 die Ölmarkttransparenzinitiative (Joint Oil data Initiative, JODI) ins Leben gerufen.

  • Daten zum weltweiten Peak Oil

Die gesamt nordamerikanische Ölförderung erreichte 1997 ihren Höhepunkt, die asiatisch-pazifische folgte im Jahr 2000 und die Produktion in der OECD 1998. Mit den großen Reserven, die im Mittleren Osten und (wahrscheinlich in Lateinamerika) ist es schwer vorherzusagen, wann genau das weltweite Ölfördermaximum erreicht sein wird. Pessimistische Schätzungen reichen von 2007 bis 2012. Die Internationale Energieagentur vermutet, dass dies um 2030 geschehen könnte; einige Optimisten (ExxonMobil) gehen davon aus, dass die Ölförderung noch bis 2100 weiter wachsen könnte.

Regierungen und auch Parlamente sind sich des Problems noch nicht vollständig bewusst oder noch nicht überzeugt von der Debatte um Peak Oil. Letztere findet daher noch keinen Zugang zur politischen Tagesordnung, im Gegensatz zur Debatte um den Klimawandel. Es gab vereinzelte Kontakte zwischen Mitgliedern der ASPO und der Generaldirektion Energie und Verkehr von der Europäischen Kommission, die aber ohne großen Auswirkungen auf die Innenpolitiken blieben.

Im US-Repräsentantenhaus richtete der republikanische Kongressabgeordnete Roscoe Bartlett einen parteiübergreifenden „Peak Oil“-Ausschuss ein und legte im Januar 2007 einen Gesetzesentwurf zum Thema vor.

In einer Rede vom Januar 2008 lenkte EU-Energiekommissar Andris Piebalgs die Aufmerksamkeit auf das ‚übersehene’ Problem der schwindenden Ölreserven. Zum ersten Mal stellte Piebalgs die Frage, ob die Ölförderung mit der weltweiten Nachfrage „mithalten“ könne, die sich erwartungsgemäß bis zum Jahr 2030 verdoppeln werde. Die doppelte Herausforderung des Klimawandels und der Versorgungssicherheit führe zu dem Schluss, dass die EU nicht an ihrem „alten, fossilen Energiesystem“ festhalten könne, sagte Piebalgs weiter.

Die großen Ölunternehmen scheinen Probleme mit der Antwort auf die Peak Oil-Debatte zu haben. Manche Unternehmen wie Shell oder Total sind sich des Themas bewusst, erwarten aber das Ölfördermaximum erst in der mittelfristigen Zukunft (2020 bis 2030). Andere wie Chevron haben Kampagnen gestartet, mit denen sie vor den sinkenden Reserven in der Zukunft warnen. Chevron startete 2006 eine bemerkenswerte Werbekampagne mit dem Slogan „It took us 125 years to use the first trillion barrels of oil. We'll use the next trillion in 30” (deutsch: Wir brauchten 125 Jahre, um die erste Billion Barrel Öl zu fördern. Die nächste Billion werden wir in 30 Jahren verbrauchen.“). Auf der anderen Seite stellte BP fest, dass die Theorie vom Ölfördermaximum "völlig irrational" sei. Das Unternehmen zeigte sich zuversichtlich, dass noch viele Reserven zum Abbau zur Verfügung stünden (EURACTIV vom 21. Juni 2007).

Die meisten westlichen Ölunternehmen sind besorgt hinsichtlich weiterer Herausforderungen für Öllieferungen und des Problems der Nachfrage. Laut ihren Angaben könnten mangelnde Neuinvestitionen und der wachsende Energienationalismus (Russland, Venezuela) die zukünftige Versorgung stärker gefährden als geophysische Grenzen. Sie weisen auch auf die Entwicklung neuer Technologien zur Erforschung und Förderung hin sowie auf die Nutzung unkonventioneller Ölressourcen (Ölschiefer, Teersand, Tiefseeerforschung und Kohleverflüssigung usw.).

Ein Bericht vom 9. Juli 2007 von der Internationalen Energieagentur (IEA), welche eine bedeutende Krise der Ölvesorgung in den kommenden fünf Jahren erwartet, brachte das Thema der schwindenden Reserven zurück in die Schlagzeilen (EURACTIV vom 10. Juli 2007).

  • 9. Juli 2007: Ein mittelfristiger Bericht der IEA über den Ölmarkt prognostiziert eine „Versorgungskrise“ in fünf Jahren.
  • 21. Juni 2007: Der jährliche statistische Bericht von BP (Statistical Review) fechtet die „Peak Oil“-Theorie an.
  • 7. November 2007: Weltenergieausblick der IEA (World Energy Outlook) warnt vor ‚unkontrolliertem Energiedurst’ und fordert eine ‚radikale Richtungsänderung’ hin zu saubereren und effizienteren Energietechnologien.
  • 14. Januar 2008: Energiekommissar Andris Piebalgs äußert sich zum ersten Mal öffentlich zum Thema „Peak Ol“. Er stellt infrage, ob die Versorgung mit der weltweiten Nachfrage bis 2030 mithalten kann.
  • 22. April 2008: Die Kommission ruft eine öffentliche Konsultation ins Leben, die zum Inhalt hat, ob die Handhabung von Erdölnotvorräten verändert werden sollte.
  • 17. Juni 2008: Ende der Konsultation der Kommission.

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