Intelligente Zähler: Mehr Kontrolle über die Stromrechnung?

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Die allmähliche Einführung so genannter intelligenter Zähler in ganz Europa soll Haushalten die volle Kontrolle über ihren Stromverbrauch ermöglichen, womit sie ihren Teil zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen könnten. Zudem könnten sie dadurch mehr erneuerbare Energie ins Stromnetz einspeisen.

Hintergrund

Für intelligente Zählsysteme gibt es keine Standarddefinition, aber normalerweise bezieht sich der Begriff auf die Nutzung fortschrittlicher Zähler in Verbindung mit Kommunikationssystemen, wodurch Kunden ihren Energieverbrauch in Echtzeit überwachen können.

In ihrer einfachsten Form messen intelligente Zähler elektronisch, wie viel Energie genutzt wird und wie viel dies kostet. Daraufhin werden diese Informationen dem Energieversorger und dem Kunden mitgeteilt.

Die meisten bisherigen Erfahrungen basieren auf der Nutzung intelligenter Zähler für Strom, aber sie können auch zur Messung des Erdgasverbrauchs eingesetzt werden. Die Herstellung von intelligenten Zählern ist im Vergleich zu herkömmlichen Zählern jedoch schwieriger und teurer.

Die Grundlagen für die Einführung intelligenter Zähler in Europa wurden 2006 in einer EU-Richtlinie über Endenergieeffizienz und Energiedienstleistungen (ESD, siehe EURACTIV LinksDossier) geschaffen. Danach müssen die Mitgliedstaaten sicherstellen, dass den Verbrauchern von Energie und Wasser individuelle Zähler und präzise Rechnungen, einschließlich Verbrauchsinformationen zur Verfügung gestellt werden.

Die Gas- und Stromrichtlinien des dritten Energiepakets, das 2009 angenommen wurde, sehen vor, dass die Mitgliedstaaten einen Zeitplan für die Einführung intelligenter Zählersysteme erstellen. Bei Strom sollen unter Vorbehalt einer Machbarkeitsstudie mindestens 80% der Kunden bis 2020 mit intelligenten Zählern ausgestattet sein.

Die EU-Gesetzgebung über Gebäude hat ebenfalls dazu beigetragen, den Weg für die Einführung von intelligenten Zählern freizumachen. Im April 2009 stimmte das Europäische Parlament dafür, der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden eine Klausel hinzuzufügen, wonach intelligente Zähler automatisch in allen Neubauten sowie bei der Renovierung älterer Gebäude installiert werden müssten.

Die letztendliche Einigung im November 2009 ging allerdings nicht ganz so weit. Danach müssen Mitgliedstaaten bei Neubauten oder groß angelegten Renovierungsarbeiten lediglich zur Einführung intelligenter Zählersysteme ermuntern.

Probleme

Die Möglichkeit von Strommessungen in Echtzeit gilt als wesentliche Begründung für das Bestreben zur Einführung von intelligenten Zählern. Diese sollen zu Stromeinsparungen beitragen, weil sie den Verbrauchern ermöglichen, ihren Stromverbrauch in Echtzeit zu überwachen, anstatt diesen Monate später mühsam auf ihrer Stromrechnung nachzuvollziehen. Zudem sollen sie zu einer größeren Genauigkeit der Rechnungen beitragen.

Zudem wird davon ausgegangen, dass diese intelligenten Systeme preisbewusste Verbraucher von den Spitzenverbrauchszeiten wegsteuern, zu denen die Strompreise am höchsten sind. Dies würde die Anforderungen an die Übertragungsnetze abmildern und im Laufe der Zeit die Notwendigkeit neuer Investitionen in die Herstellung zusätzlicher Herstellungs- und Leitungskapazitäten verringern.

Die Fernverwaltung von Zählern soll außerdem die Betriebskosten für Energiekonzerne senken. So müssen keine Mitarbeiter mehr beschäftigt werden, um die Zähler vor Ort per Hand abzulesen. Die Möglichkeit, Anschlüsse aus der Ferne einzurichten und zu trennen, sowie die verbesserte Erkennung von Ausfällen sollten zu zusätzlichen Kosteneinsparungen führen.

Die Echtzeitmessung des Stromverbrauchs wird zudem eine größere Vielfalt von Tarifen und Preisoptionen ermöglichen, was zu neuen Diensten für die Kunden und flexibleren Abrechnungszeiträumen führen würde.

Weg frei für intelligente Netze

Intelligente Zähler gelten oft als erster Schritt zu "intelligenten Netzen". Dies sind digitalisierte Stromnetze, die eine zweiseitige Kommunikation zwischen Versorgern und Verbrauchern ermöglichen und über ein intelligentes Überwachungssystem verfügen, mit dem Stromflüsse in alle Richtungen verfolgt werden können.

Intelligente Zähler allein stellen noch keine intelligenten Netze dar, aber sie spielen eine wichtige Rolle, indem sie zweiseitige Kommunikation ermöglichen. Sie verbinden einzelne Haushalte mit dem Strom, der im Netz zur Verfügung steht, während sie gleichzeitig die Verbraucher dazu ermuntern, ihren Stromverbrauch zu senken, wenn die Qualität der Stromversorgung bedroht ist.

Politische Entscheidungsträger wollen intelligente Netze zur Bekämpfung des Klimawandels nutzen. Derartige Netze werden nicht nur zu einer Verringerung von Ausfällen beitragen, sondern auch ermöglichen, dass phasenweise große Mengen von erneuerbarer Energie an das Netz angeschlossen werden können.

Durch intelligente Netze werden die Verbraucher eine aktive Rolle dabei übernehmen können, das Stromsystem im Gleichgewicht zu halten, da sie ihren Strom in das Netz zurückverkaufen können. Zudem kann das System Geräte je nach Höhe der Stromnachfrage an- und ausschalten, wodurch Geld gespart wird und Verbrauchsspitzen unter Kontrolle gehalten werden.

Schließlich könnte die erwartete zunehmende Bedeutung von Elektrofahrzeugen zu erheblichen Speicherkapazitäten von Strom führen, da geparkte Fahrzeuge Strom zurück ins Netz einspeisen könnten, um Schwankungen bei erneuerbarer Energie oder Verbrauchsspitzen auszugleichen. So wird geschätzt, dass eine Verbindung von 200.000 Fahrzeugen mit dem Netz ausreichen würde, um Verbrauchsspitzen in Deutschland abzufedern.

Derzeitige Situation in Europa

Die meisten westeuropäischen Länder haben bereits regulatorische Rahmenbedingungen zur Einführung von intelligenten Zählern eingerichtet.

Italien war das erste europäische Land, das eine groß angelegte Einführung intelligenter Zähler beschlossen hat. Jedoch war Schweden das erste Land, das wie gesetzlich vorgeschrieben tatsächlich bis Ende Juni 2009 intelligente Zähler für alle Kunden einrichtete.

Die Niederlande, Irland, Norwegen, Frankreich und Spanien sind diesen Beispielen gefolgt. Die jüngsten Länder, die eine Einführung von regulierten intelligenten Zählern angekündigt haben, sind Finnland und Großbritannien (EURACTIV vom 12. Mai 2009).

In anderen Ländern wie etwa in Portugal und Malta wird der landesweite Prozess von staatlichen Versorgungsunternehmen angeführt. Trotz unsicherer Märkte erwarten Experten ähnliche Großprojekte in den Staaten Mittel- und Osteuropas ab dem kommenden Jahr.

Wer zahlt?

Intelligente Zähler werden den Verbrauchern jedoch etwas kosten, weil die Stromkonzerne die ihnen entstandenen Kosten zunächst über Strom- und Gasrechnungen auf ihre Kunden abwälzen werden. Jedoch wird davon ausgegangen, dass sich die Zähler langfristig durch die eingesparte Energie selbst tragen werden.

In Großbritannien schätzt die Regierung zum Beispiel, dass die Ausstattung von 26 Millionen Haushalten mit intelligenten Zählern bis 2020 über 8 Milliarden Pfund kosten würde. Diese Kosten würden jedoch durch 14,5 Milliarden Pfund an eingesparten Betriebskosten für die Stromunternehmen sowie an niedrigeren Rechnungen für die Verbraucher mehr als wettgemacht werden, teilte das britische Ministerium für Energie und Klimawandel DECC mit.

Auf lokaler Ebene betreiben Verteilernetzbetreiber (DSO) die nötigen IKT-Systeme, um die Verteilung von Energie an die Verbraucher zu verwalten. Die Verantwortung für Investitionen in intelligentere Netze obliegt demnach normalerweise ihnen, aber die Vorteile des Dienstes könnten sie möglicherweise gar nicht zu spüren bekommen.

In der Tat haben europäische DSO wiederholt finanzielle Anreize von den Regulierungsbehörden gefordert, um den Prozess anzustoßen. Sie befürchten, dass sie am Ende auf den Kosten sitzen bleiben könnten, während Haushalte und Fernleitungsnetzbetreiber (TSO) von den Energieeinsparungen profitieren.

In Spanien, wo die Regierung die Einführung intelligenter Zähler bis 2018 verpflichtend gemacht hat, werden die Verbraucher Industrieangaben zufolge etwa 70% der benötigten Investitionen im Wert von einer Milliarde Euro durch den Mietpreis der Zähler beisteuern müssen. Der Rest wird aus Investitionen in die Verwaltung des Systems bestehen (EURACTIV vom 30. November 2009).

Standardisierung

Die Standardisierung intelligenter Zähler ist wesentlich, damit unterschiedliche Zählersysteme in Zukunft kompatibel sind. Durch europaweite Normen soll zum Beispiel verhindert werden, dass Kunden bei einem Wechsel ihres Stromanbieters einen neuen Zählertyp kaufen müssten.

Die Europäische Kommission hat im März 2009 ein Mandat für die Entwicklung europäischer Normen erteilt, die eine Kompatibilität von  Verbrauchszählern erlauben und einen sicheren Datenaustausch gewährleisten sollen. Dabei betonte sie, dass den Mitgliedstaaten kein Einheitsmodell aufdrängt werden solle, sondern lediglich sichergestellt werden solle, dass eine Vielzahl gemeinsamer Standards existierten.

Datenschutzfragen

Eine der wesentlichen Kritikpunkte bezüglich intelligenter Zähler betrifft den Datenschutz. So wird befürchtet, dass Kriminelle sich ins System einhacken und Kundenprofile nutzen könnten, um zum Beispiel festzustellen, welche Häuser leer stehen, und dort ohne Risiko einzubrechen.

Zusätzlich zum Datenmissbrauch haben Verbraucherschutzgruppen andere Datenschutzfragen ausgemacht, die sich durch eine verpflichtende Einführung von intelligenten Zählern ergeben. So werden Verbraucher den DSO und Stromanbietern zwangsläufig viele Informationen über ihren Lebensstil zur Verfügung stellen, da diese detaillierte Einsichten in ihr Energienutzungsverhalten erhielten.

Zudem kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Kunden automatisch ihren Energieverbrauch zurückfahren und von niedrigeren Rechnungen profitieren – dem wichtigsten Verkaufsargument für intelligente Zähler.

Während Zählerablesungen in Echtzeit unverständlichen Stromrechnungen ein Ende bereiten sollen, könnte eine Reihe neuer Tarifoptionen zu noch mehr Verwirrung beitragen, während Haushalte versuchen, sich zwischen Verbrauchstarifen und saisonalen Tarifen zurechtzufinden.

Wenn Verbrauchern keine vergleichbaren Informationen über die Tarifoptionen unterschiedlicher Anbieter zur Verfügung stehen, wird ein Anbieterwechsel also schwierig bleiben.

Positionen

Schätzungen der Europäischen Kommission zufolge könnten die Stromrechnungen für Haushalte aufgrund intelligenter Zähler um bis zu ein Zehntel sinken.

"Wir müssen die Chance nutzen, bei energieeffizienten Technologien voranzugehen – nicht nur, weil es der beste Weg ist, um nachhaltige Kürzungen des CO2-Ausstoßes zu erreichen, sondern auch weil das ökologische Potenzial dieser Technologien den europäischen IKT-Unternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet", sagte Viviane Reding, EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien.

Die britische Regierung erwartet, dass der umfangreiche Austausch von Strom- und Gaszählern den Verbrauchern mehr Kontrolle geben und unpräzisen Rechnungen ein Ende setzen wird.

Die am meisten verbreiteten Zähler seien für ein anderes Zeitalter entwickelt worden, einem Zeitalter vor dem Klimawandel. Nun müsse man mit der Energie intelligenter umgehen, sagte Ed Miliband, britischer Minister für Energie und Klimawandel.

Die European Smart Metering Industry Group (ESMIG) erwartet, dass intelligente Zählersysteme dank der verpflichtenden europaweiten Einführung an Dynamik gewinnen werden.

Das dritte Energiepaket der EU sei ein guter Anfang, aber eben nur ein Anfang, sagte Andreas Umbach, Präsident von ESMIG. Wenn man in absehbarer Zukunft auch nur ansatzweise ein intelligentes Netz verwirklichen wolle – ganz zu schweigen von den 20-20-20-Zielen der EU, nach denen bis 2020 die Energieeffizienz um 20% gesteigert, der CO2-Ausstoß verringert und der Anteil der erneuerbaren Energie um 20% gesteigert werden soll –, müsse man jetzt sofort mit der Schaffung von Grundlagen beginnen.

Eurelectric, der Verband der europäischen Stromindustrie, betonte die Bedeutung intelligenter Netze für die Einspeisung von erneuerbarer Energie ins Netz. Obwohl intelligente Technologien bereits verfügbar seien, bleibe die Frage über die Finanzierung der groß angelegten Einführung offen.

DSO seien für die Entwicklung zu intelligenten Handelsmärkten von wesentlicher Bedeutung und müssten daher von den Regulierungsbehörden finanzielle Anreize erhalten, um ihre Netze intelligenter zu machen, so der Vorsitzende des Netzwerkausschusses von Eurelectric, Peter Birkner.

Die Energy Retail Association (ERA), welche die britischen Strom- und Gasversorger vertritt, sagte, der Plan der britischen Regierung zur Einführung intelligenter Strom- und Gaszähler in jedem Haushalt habe den Vorbereitungen für intelligente Zähler Schwung verliehen, weil er einen positiven Anreiz für die Unternehmen geliefert habe.

Die EU, die britische Regierung und die Energieindustrie seien dabei, nach besseren und umweltfreundlicheren Wegen zur Stromherstellung und -nutzung zu suchen, so der Verband. Die Förderung von Energieeffizienz zu Hause spiele bei der Bekämpfung des Klimawandels eine wichtige Rolle, und intelligente Zähler seien in diesem Zusammenhang wesentlich, da sie es den Verbrauchern ermöglichten, weniger Energie zu nutzen.

Der italienische Stromkonzern Enel schätzt, dass die Einführung intelligenter Zähler die Verbrauchsspitzen um 5% senken könnte, da den Kunden ihr Energieverbrauch dadurch bewusster sei.

Zudem sei nach der Einführung intelligenter Zähler in Italien die durchschnittliche jährliche Minutenanzahl von Betriebsstörungen pro Kunde von 128 Minuten auf 49 Minuten gefallen, und die verbundenen Kosten für DSO seien deutlich von 80 Euro pro Kunde auf derzeit 49 Euro pro Kunde gesunken, so Livio Gallo, Direktor der Abteilung Infrastruktur und Netze bei Enel.

Google, General Electric, Climate Group und NRDC forderten – auch im Namen einer Gruppe anderer Firmen und Organisationen – Regierungen weltweit dazu auf, ihren Bürgern Zugang zu Echtzeitinformationen über den privaten Energieverbrauch zu verschaffen.

Durch die Ausstattung der Bürger mit den notwendigen Informationen und Mitteln, um ihren Stromverbrauch selbst zu handhaben, könnten Regierungen und Unternehmen weltweit die Macht von hunderte Millionen Menschen zur Bekämpfung des Klimawandels nutzen – und dabei den Verbrauchern hunderte Milliarden Dollar an Kosten ersparen.

Microsoft forderte die Regierungen dazu auf, die flächendeckende Einführung intelligenter Zähler zu subventionieren. Diese seien für viele IT-basierte Lösungen nötig, die den Kohlendioxidausstoß durch Energieeffizienz und die Nutzung erneuerbarer Energiequellen verringern könnten

Dem Unternehmen zufolge besteht eine Herausforderung von erneuerbaren Energiequellen wie Solar- und Windkraft darin, dass sie nur zeitweise zur Verfügung stehen. Computerbasierte Elektrogeräte, die mit intelligenten Zählern ausgestattet seien, könnten diese Energieschwankungen ausgleichen, indem die Nachfrage der Verbraucher von Phasen weggeleitet werde, in denen der Strom knapp und teuer sei, und stattdessen zu Phasen hingesteuert werde, in denen mehr und billigerer Strom zur Verfügung stehe.

Dem 2008 veröffentlichten Bericht "Smart 2020" von Climate Group zufolge könnten intelligente Netztechnologien den weltweiten CO2-Ausstoß bis 2020 um 2,03 Gigatonnen CO2-Äquivalent reduzieren.

Haushalte und Büros mit intelligenten Zählern stellten den ersten Schritt zu intelligenten Haushalten und einem intelligenten Netz dar, so der Bericht.

Zeitstrahl

  • April 2006: EU-Richtlinie über Endenergie und Energiedienstleistungen schafft die Grundlagen für intelligente Zähler.
  • 13. Juli 2009: Das dritte Energiepaket verpflichtet die Mitgliedstaaten dazu, einen Zeitplan für die Einführung intelligenter Zähler auszuarbeiten (EURACTIV vom 25. März 2009).
  • 9. Okt. 2009: Die Kommission nimmt Schlussfolgerungen über die Mobilisierung von IKT-Technologien für den Übergang zur kohlenstoffarmen Wirtschaft an (EURACTIV vom 12. Oktober 2009).
  • 17. Nov. 2009: Einigung auf die Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden verpflichtet die Mitgliedstaaten dazu, nationale Pläne zur Einführung intelligenter Zähler zu entwickeln (EURACTIV vom 18. November 2009).
  • 2020: Mindestens 80% der EU-Verbraucher sollen über intelligente Zählersysteme verfügen.

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