„Wir sehen bereits heute die ersten Anzeichen der drohenden Umweltkrise“

Der Physiker und Geographieprofessor Wolfgang Lucht arbeitet am renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. [© Creative Commons]

Jeden Freitag gehen europaweit Schüler auf die Straße, um unter dem Motto „Fridays for Future“ für mehr Einsatz in der Klimapolitik zu demonstrieren. Nun haben sie Rückenwind  von über 25.000 Forschern erhalten, die in einer Petition auf die Dringlichkeit der Proteste hinweisen. EURACTIV sprach mit dem Klimaforscher Wolfgang Lucht, der von Anfang an dabei war.

Wolfgang Lucht ist Physiker und Leiter des Bereichs Erdsystemanalyse am renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, außerdem lehrt er Geographie an der Humboldt Universität Berlin. Er ist Mitglied des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung.

Auch morgen werden wieder Schüler überall in Deutschland und anderen Staaten in den Straßen demonstrieren. Realistisch gesehen, kann man sich davon politische Konsequenzen erwarten?

Natürlich kann man das. Die Politik sollte diese Proteste ernst nehmen, auch dadurch legitimiert sie sich als berechtigt. In der Klimapolitik ist es wichtig, dass es Rückhalt in der Bevölkerung gibt. Und mein Eindruck ist, dass die Demonstrationen mehr sind als ein kurzer Hype, sondern einer tiefen, genuinen Sorge entsprechen. Viele in der Bevölkerung wissen, dass etwas kommt, das nicht angenehm wird. Die Jugendlichen sagen nun: Sich darum zu kümmern, das ist eure Aufgabe, denn ihr seid die Erwachsenen.

Klimaforscher wie Sie warnen seit Jahrzehnten vor dem Klimawandel und erhalten selten so viel Prominenz wie derzeit die Schüler. Wird den Akademikern genug zugehört?

Da ich unter anderem zum Beispiel Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung bin, kann ich aus Erfahrung sagen: ja, es wird zugehört. Das Pariser Abkommen wäre niemals ohne die ständigen Forderungen der Klimawissenschaftler zu Stande gekommen. Aber leider passiert trotzdem deutlich zu wenig, um diese notwendigen Ziele auch zu erreichen.

Daher ist es hilfreich, wenn wir Wissenschaftler mit anderen gesellschaftlichen Gruppen Allianzen eingehen. Die junge Generation spielt dabei zurecht eine Rolle. Denn die Kinder, die heute demonstrieren, werden noch in der Welt des Jahres 2100 leben.

25.000 Schüler streiken in Berlin für eine ambitionierte Klimapolitik

Es ist einer der größten Klimaproteste der Geschichte. Schüler in über 123 Ländern gingen heute auf die Straßen, in Berlin streikten laut Veranstaltern 25.000 Schüler, 300.000 in ganz Deutschland. Die Klimastreik-Initiatorin Greta Thunberg wurde gestern für den Friedensnobelpreis nominiert.

Kann denn Deutschland die Pariser Klimaziele noch bis 2050 erreichen?

Ja, in jedem Fall. Dafür müssen jedoch für 2030 ausreichend ambitionierte Zwischenziele erreicht werden. Momentan sind wir leider überhaupt nicht auf Kurs. Auch mit dem, was derzeit diskutiert wird, verfehlen wir noch die Pariser Ziele, aber es würde immerhin in die richtige Richtung gehen. Noch können wir die Kurve kriegen. Die Regierung muss die Klimapolitik jetzt aber ins Zentrum des politischen  Handelns rücken, wo sie hingehört. Sie kann nicht ihre ganze Arbeit in Kommissionen auslagern.

Ich spreche hier als Klimaphysiker: die Folgen des Klimawandels werden dramatisch sein. Das klingt abstrakt, wird aber schnell konkret werden. Wir sehen bereits heute die ersten Anzeichen der drohenden Umweltkrise. Dazu würde ich gerne ein Beispiel bringen.

Bitte, nur zu.

Im Vergleich zu den 1950er Jahren etwa hat sich unser Planet flächendeckend erwärmt. Eine der ganz wenigen Orte, wo er sich abgekühlt hat, liegt im Nordatlantik, südlich von Grönland. Dort sinkt der Golfstrom in die Tiefe und fließt in den Süden zurück. Weil er Wärme in den Nordatlantik transportiert, wo unser Wetter entsteht, haben wir ein so angenehm gemäßigtes Wetter in Europa. Nun sehen wir an der seltsamen Abkühlung im Nordatlantik aber: Der Strom lässt anscheinend in seiner Intensität nach, vermutlich weil sich dort der Salzgehalt des Wassers dadurch verändert, dass Eismassen der Arktis schmelzen.

Wir sehen also ein messbares Signal für einen Prozess, bei dem ein für Europa ganz zentrales Energiesystem der Erde anfängt, nachzulassen.

Starker Anstieg der arktischen Temperaturen jetzt unvermeidlich

Starke und möglicherweise verheerende Temperaturanstiege von drei bis fünf Grad in der Arktis sind jetzt unvermeidlich, selbst wenn es der Welt gelingt, die Treibhausgasemissionen im Einklang mit dem Pariser Abkommen zu senken, warnt ein neuer UN-Bericht.

Viele Menschen versuchen ja bereits, umweltbewusst zu leben. Sie schalten das Licht aus und versuchen, effizient zu heizen. Wieviel bringt das in der Gesamtrechnung?

Der einzelne kann einiges tun. Am meisten bringen drei Dinge: weniger zu fliegen, weniger Fleisch zu essen – die Umweltbelastung durch Tierhaltung ist enorm, weshalb weniger Fleischkonsum viel mehr bringt, als die meisten denken – und die klare Formulierung einer Erwartung an die Regierungen. Aber es wäre unrealistisch und unfair, die Lösung des Problems dem  einzelnen Bürger aufzubürden. Die Regierungen sind in der Verantwortung, Schaden vom Land abzuwenden und Lösungen für schwierige Probleme zu finden.

Wie bewerten Sie denn das Klimaschutzgesetz von Umweltministerin Schulze, das derzeit debattiert wird?

Es ist zu früh, hier schon zu bewerten, denn der Entwurf steht noch mitten in der Diskussion. Klar ist aber: Die Regierung hat sich verbindlich zu den Pariser Klimazielen verpflichtet. Daraus folgt ein substantieller und sehr rascher Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Zwanzig Jahre lang wurde Zeit verbummelt, nun wird sie knapp. Was wir jetzt brauchen, ist ein beschleunigter, entschiedener Ausbau der erneuerbaren Energien. Ich sehe noch immer nur wenige Solarzellen auf Dächern, da ist noch enorm viel möglich. Und auch der Netzumbau darf nicht so schleppend vorangehen.

Die Energiewende macht vielen Menschen Angst. Denn ihre Jobs könnten in Zukunft nicht mehr existieren. Ist das berechtigt?

Gleichzeitig werden viele neue Jobs geschaffen. Die Gesellschaft ist nie statisch. Es sind nicht nur Schwierigkeiten, sondern auch Chancen in der neuen Zeit zu finden. Man muss die Dinge mit Mut und Lust positiv sehen, statt nur auf die Probleme zu schauen.

Das gilt auch für die Wirtschaft, denn die Energiewende ist wie ein Ankurbelungsprogramm. Wir haben die Chance, die Grundlagen für das 21. Jahrhundert zu legen und uns unabhängig von Öl und Gas zu machen. Unsere Energieversorgung dezentraler und flexibler zu gestalten. Das erfordert selbstverständlich erhebliche Investitionen. Aber wir haben in der Vergangenheit schon solche tiefgehenden Transformationen geschafft, beim Wiederaufbau nach dem Krieg oder bei der Wiedervereinigung.

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gestern haben die deutschen kommunalen Verbände getagt und sich prominente Politiker ins Haus geholt. Umweltministerin Schulze nutzte die Gelegenheit, um ihren Appell an ihre Ministerkollegen zu erneuern.

Auch Brüssel setzt auf ambitionierten Klimaschutz, das Parlament will die vorgeschlagenen Ziele zur Co2-Reduktion bis 2030 auf 55 Prozent erhöhen. Wieviel bringt es im globalen Kontext, wenn das eher kleine Europa versucht, führend im Klimaschutz zu werden?

So klein ist Europa nicht. Die EU gehörte mit den USA, Indien und China zu den vier größten Produzenten von Treibhausgasen, die zusammen 58 Prozent der globalen  Emissionen verantworten. Die Welt schaut auf ein Land wie Deutschland, weil es ein Vorreiter sein könnte. Wenn ein Industrieland wie Deutschland zeigt, dass die Energiewende möglich ist, wird sie auch anderswo erfolgen. Wer sonst sollte hier vorangehen wenn nicht wir, ein fähiges und reiches Industrieland?

Heute beginnt der EU-Gipfel in Brüssel. Wenn Sie nun vor sämtlichen Staatschefs der EU stehen würden, was wäre Ihre Botschaft aus Deutschland?

Dass wir uns angesichts der überall sichtbar werdenden Zeichen des Klimawandels, aber auch dem drastischen Rückgang des Artenreichtums, erhebliche Sorgen machen sollten. Die Frage des bis 2030 notwendigen Kohleausstiegs ist vor allem auch eine Frage des Umbaus auf erneuerbare Energien. Dass dieser Umbau  für manche Branchen oder Regionen schmerzhaft werden wird, aber dass er notwendig  ist, zu dieser Ehrlichkeit muss Politik den Mut haben. Es ist Ihre Aufgabe, diesen Wandel politisch so zu gestalten, dass er ein Motor der Entwicklung wird. Das ist auch, was derzeit die Schüler fordern: Kümmert euch darum. Es ist eure Aufgabe.

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