Atomindustrie: „Nur die Ukraine hält sich an EU-Vorschriften“

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Michael Kirst vom US-amerikanischen AKW-Hersteller Westinghouse. [Georgi Gotev]

Im Gegensatz zu den fünf EU-Ländern mit russischen Atommeilern halte sich allein die Ukraine an die EU-Vorschriften für eine diversifizierte Brennstoffversorgung, betont Michael Kirst vom amerikanischen AKW-Hersteller Westinghouse im Interview mit Euractiv Brüssel.

Michael Kirst ist Vizevorsitzender der strategischen und externen Beziehungen mit Europa, dem Nahen Osten und Afrika bei der Westinghouse Electric Company, einem multinationalen Unternehmen aus den USA, das die Atomindustrie mit Brennstoffen, Dienstleistungen und der entsprechenden Ausstattung versorgt.

Euractiv: Für viele europäische Länder war dieser Winter besonders hart. Rumänien musste eine Notversorgungsanfrage aus Bulgarien ablehnen, da die Verbrauchszahlen in beiden Staaten aufgrund des extrem kalten Wetters stark angestiegen sind – trotz des EU-Soforthilfemechanismus. Heißt das, der Mechanismus funktioniert unter außergewöhnlichen Bedingungen gar nicht?

Kirst: Es besteht die Gefahr, dass sich solche Bedingungen immer und immer wieder ergeben. Die Kommission setzt sich für eine flexible Energieversorgung ein. Durch den verpflichtenden Anteil an erneuerbaren Energien jedoch wird das Netz instabiler. Auch die Stromerzeugung ist weniger verlässlich.

Wenn man in derselben Klimazone wie Bulgarien oder Rumänien lebt, um auf Ihr Beispiel zurückzukommen, wird sich dieses Problem ständig wiederholen – es sei denn man kann Strom aus Spanien oder einem anderen Land importieren, das nicht dasselbe Wettermuster aufweist und dazu noch einen Überschuss an Strom produziert.

Die Kommission geht im Grunde davon aus, dass Energie aus Grundlastkraftwerken nicht länger nötig sein wird und dass Länder auf kleinere und flexiblere Erzeugungswerke umsteigen werden. Das würde es jedem Land ermöglichen, täglich oder wöchentlich je nach Wetterlage und so weiter das eigene Verhältnis von Angebot und Nachfrage zu justieren. Das klingt großartig, ist aber leider nicht realistisch.

Wollen Sie damit andeuten, dass Staaten gar nicht ohne groß-angelegte Kraftwerke wie zum Beispiel Atommeiler über die Runden kommen können?

Ja, zurzeit gibt es zwei Arten von groß-angelegten Grundlastkraftwerken: Kohle- und Atomkraftwerke. Gas wird vor allem als Heizquelle verwendet. Als Energieträger wird es zunehmend an Bedeutung gewinnen. Man denke hierbei nur an die großen Pipeline-Projekte wie Nord Stream 2 oder Opal.

Die erneuerbaren Energieträger nicht 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen, können sie nur dann effektiv wirken, wenn es ein Backup gibt. Und bei diesem Backup müssen wir uns aus ökologischen Gründen und wegen der CO2-Preise zunehmend von der Kohle entfernen.Daher begeben wir uns nun auf den Pfad, der unsere Abhängigkeit vom Gas erhöhen wird.

Wir haben jetzt über Bulgarien und Rumänien gesprochen, aber gilt das nicht für alle Regionen in der EU?

Absolut. Die Wetterverhältnisse in Bulgarien und Rumänien haben nur die Tatsache hervorgehoben, dass man sich im Notfall nicht immer auf die Energieversorgung aus dem Nachbarland verlassen kann. Das aktuelle Modell wird für noch mehr Instabilität sorgen und die Versorgungssicherheit mindern, weil man sich auf diese weniger klaren Energiequellen verlassen muss.

Als wir das letzte Mal miteinander sprachen, haben Sie über die Aussichten auf ein Westinghouse-Projekt in Polen gesprochen, dem größten EU-Land ohne Atomkapazitäten. Hat sich seitdem etwas Neues ergeben?

Wir haben uns mehrmals mit polnischen Vertretern getroffen. Sie haben sicherlich mitbekommen, dass Polen entschieden hat, sich ein bisschen zurückzuziehen und die Finanzierung zu überdenken. Wir begrüßen das sogar. Das Land hat erklärt, es wolle nur dann ein Atomprojekt angehen, wenn es selbst die Möglichkeit hat, die Technologie auszuwählen – ganz ohne dabei unangemessen beeinflusst zu werden. Das bedeutet, das häufig erhebliche externe Finanzmittel aus den Verkaufsländern nötig sind und das Projekt letzten Endes zu einem Bankenwettstreit wird, anstatt sich auf technologische Entwicklungen zu konzentrieren. Polen will nicht, dass eine fremde Regierung diese Art von Entscheidung übernimmt.

Polen verfügt über sehr viel Kohle.

Ja und diese muss zunehmend mit CO2-armer Energie ausgeglichen werden. Kohle wird also noch lange Zeit wichtiger Bestandteil des polnischen Netzes bleiben. Sie macht deckt derzeit 90 Prozent der Versorgung ab. Ihr Anteil wird nicht von heute auf morgen auf null sinken. Um jedoch die 2020- und 2030-Ziele der EU zu erfüllen, muss Polen jedoch seine CO2-Bilanz senken. Sie könnten sie mit Windparks und Photovoltaikanlagen senken. Ein Atomkraftwerk jedoch bringt reduziert den CO2-Verbrauch jedoch viel stärker. Atomkraft ist keine Gefahr für die Kohle. Den Polen bietet sie gewissermaßen eine notwendige Chance, Kohleemissionen auszugleichen.

Ist Westinghouse auch in der Ukraine tätig und bietet dort Brennstoffe für Atomkraftwerke an?

Ja, wir sind sehr aktiv in der Ukraine und stolz auf unsere Arbeit dort. Wir unterhalten mittlerweile eine strategische Beziehung mit dem Land. Dieses Jahr werden wir sechs Folgelieferungen an die d13 VVER-1000 [von Russland erbaute AKWs] liefern. Damit stellt Westinghouse 30 Prozent der Energie des Landes zur Verfügung.

Unsere Verträge beinhalten eine Klausel über Fälle höherer Gewalt. Wenn es also aus welchen Gründen auch immer zu Versorgungsunterbrechungen seitens eines anderen Versorgen kommt, liefert Westinghouse alle notwendigen Brennstoffe. Wir haben der Ukraine also ein Auffangnetz gespannt. Wenn sie uns braucht, sind wir da. Und wir glauben, dass das für beide Parteien von Vorteil ist. Die Ukrainer haben uns berichtet, dass ihre Energiepreise durch unsere Zusammenarbeit zurückgegangen sind. Auch ihre Brennstoffleistung hat sich verbessert, seit Westinghouse mit den bestehenden Anbietern konkurriert.

Die Ukraine, die noch kein EU-Mitglied ist, setzt EU-Vorschriften also besser um als die Mitgliedsstaaten, wenn es darum geht, die Stromversorger von Russland weg zu diversifizieren?

Das ist unserer Ansicht nach die größte Ironie bei dieser ganzen Diskussion. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass die Ukrainer in der Vergangenheit schon mehrfach erlebt haben, wie es ist, keine diversifizierte Versorgung mit nuklearen Brennstoffen zu haben.

Versorgen Sie auch EU-Länder, deren Atommeiler von den Russen erbaut wurden?

Wir beliefern derzeit keines der EU-Länder mit solchen Anlagen. Früher haben wir Tschechien und Finnland versorgt. In diesen Ländern hat ein Versorger also das Monopol, ohne dass es einen klaren, qualifizierten Zweitlieferanten gibt.

Die Kommission hat sich entschieden, im Falle Ungarns die Augen zu verschließen und Rosatom das Paks-Atomkraftwerk bauen zu lassen – ohne eine öffentliche Ausschreibung. Was halten Sie davon?

Diese Entscheidung war eine große Enttäuschung. Wir wissen vom Paks-Management selbst, dass das AP 1000 eine sehr attraktive und wettbewerbsfähige Option gewesen wäre. Wir waren sehr bemüht und interessiert auf einer transparenten Grundlage in den Wettbewerb einzusteigen. Leider war uns das nicht möglich.

Glauben Sie, dass Sie den Vertrag fast gewonnen hätten?

Wir waren bereit für den Ausschreibungsprozess. Man hatte uns gesagt, das Verfahren werde sofort losgehen. Letzten Endes wurde dann jedoch verkündet, dass es keine Ausschreibung geben werde.

Die Gründe sind Ihnen bekannt?

Wir haben da so unsere Theorien. Über die wollen wir allerdings nicht diskutieren.

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