„Weniger Kunststoffprodukte, mehr Recycling“

Verunreinigter Stadtstrand. [shutterstock/Larina Marina]

Hunderttausende Tonnen an Plastikmüll gelangen jährlich in unsere Meere. Meerestiere und Vögel gehen zugrunde, auch die menschliche Gesundheit ist akut gefährdet. Die EU-Kommission schlägt daher eine Reihe von Maßnahmen vor, mit denen der Plastikverbrauch reduziert werden soll. EURACITV sprach mit Moritz Bonn.

Dr. Moritz Bonn ist wissenschaftlicher Referent am Freiburger Centrum für Europäische Politik (cep). Seine Fachgebiete sind Umwelt-, Energie-, Klima- und Verkehrspolitik.

Herr Bonn, seit Monaten wird viel über Plastikmüll in den Meeren, die Recyclingprobleme und die Gesundheitsgefährdung durch Plastikpartikel in unseren Körpern berichtet. Zum Einstieg: Wie groß ist das Problem aus Ihrer Sicht?

Das Problem ist nicht zu unterschätzen. Laut EU-Kommission gelangen jährlich allein in der EU zwischen 150.000 und 450.000 Tonnen Plastikmüll in die Meere. Weltweit ist es natürlich noch viel mehr. Eine Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass man genaue Angaben kaum machen kann. Zwar kann man sich durch Müllzählungen an Stränden oder mit Hilfe von Satellitenbildern der wirklichen Dimension annähern. Da aber die unsachgemäße Entsorgung von Plastikmüll, anders als beispielsweise die CO2-Emmissionen von Kraftwerken, nicht buchhalterisch zu erfassen ist, bleibt es bei Schätzungen. Das Problem ist also gewaltig, aber dennoch im Detail schwer zu bemessen.

Wenn man die EU-Debatten verfolgt, wirkt das Handeln fast schon aktionistisch. Wie kommt es,  dass so lange so wenig geschehen ist und nun so viel auf einmal passiert?

Das ist im umweltpolitischen Bereich nicht ungewöhnlich. Themen poppen auf und verlieren mit der Zeit wieder an Bedeutung. Dass die Meeresverschmutzung viel Aufmerksamkeit genießt, hängt auch mit der Medienwirksamkeit des Themas zusammen. Bilder von verendenden Tieren machen betroffen. Andere Umweltprobleme, wie die Luftverschmutzung, sind deutlich „abstrakter“. Auch können Ursache und Wirkung nicht immer in einen so klaren Zusammenhang gebracht werden, wie bei der Meeresverschmutzung.

"Recycelte Plastikverpackungen sind immer ein Risiko"

Bisher haben Hersteller von Lebensmittelverpackungen es vermieden, recyceltes Plastik zu verwenden. Das könnte sich mit neuen EU-Regularien ändern.

Eine wichtige Rolle spielt auch der direkte Bezug zum Verbraucher. Wenn wir über Einweg-Plastikprodukte reden, geht es um Produkte, die jeder Mensch kennt und nutzt. Damit lässt sich das Problem nicht so leicht auf andere Akteure wie Kraftwerksbetreiber oder Landwirte verschieben. Man ist selbst gefragt, sich damit auseinanderzusetzen und bewusst zu handeln.

Zudem geraten internationale Themen generell mehr in den Blick. Für Deutschland betrachtet gibt es kein so großes Problem mit Plastikmüll in den Meeren, da wir ein recht gut ausgebautes Abfallbewirtschaftungssystem mit hohen Recyclingquoten haben. Da wir aber mittlerweile viele Themen auf europäischer Ebene diskutieren und auch mehr die globale Dimension im Blick haben, bekommen eben auch globale Umweltprobleme wie die Meeresverschmutzung mehr Beachtung.

Sie haben das Recycling angesprochen und die guten Recyclingquoten in Deutschland hervorgehoben. Auch die Kommission setzt auf Wiederverwertung. Stichwort: Kreislaufwirtschaft. Das EU-Parlament hat letzte Woche allerdings fehlende Qualitätsstandards beim Recycling moniert, weil das dazu führe, dass längst verbotene Stoffe länger in Umlauf bleiben. Wie sähe eine sinnvolle Recyclingpolitik im Rahmen der EU-Kunststoffstrategie aus?

Richtig ist, dass es nicht nur darum gehen kann, möglichst viel zu recyceln. Auch die ökologischen Bedingungen müssen stimmen. Es gibt Produkte im Umlauf, bei denen Recycling weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll ist. Um eine hohe Recyclingquote zu erreichen braucht es daher Standards – und zwar auf zwei Ebenen: Erstens braucht es Standards, die bereits bei der Herstellung der Kunststoffprodukte greifen und darauf abzielen, dass im späteren Verwertungsprozess eine gewisse Sortierbarkeit gegeben ist und die Kunststoffe recycelbar sind. Die zunehmende Komplexität der verschiedenen Kunststoffe sowie Additive wie Weichmacher stellen das Recycling vor große Herausforderungen. Zweitens braucht es Standards für den Recycling-Output. Es bringt nichts, Produkte zu recyceln, wenn man hinterher nichts damit anfangen kann, weil es kein Vertrauen in die Qualität gibt oder nur ein sehr kleines Produktsegment zur Anwendung infrage kommt.

Neben Recycling will die Kommission auch dafür sorgen, dass von vorn herein weniger Kunststoffprodukte in Umlauf kommen. Seit einigen Jahren müssen die Mitgliedsstaaten den Verbrauch von Plastiktüten verringern. Dieser Ansatz soll nun auch auf andere Produkte wie Take-Away-Verpackungen ausgeweitet werden. Wie sind die bisherigen Erfahrungen zu bewerten?

Viele Mitgliedsstaaten haben seit dieser Änderung der Verpackungsrichtlinie im Jahr 2015 eine Bezahlpflicht für Plastiktüten eingeführt oder sich Lenkziele gesetzt. Das Ziel sieht vor, die Zahl bis 2019 auf 90 und bis 2025 auf 40 Plastiktüten pro Kopf und Jahr zu reduzieren. Alternativen zur Bezahlpflicht wären beispielsweise Regeln, nach denen immer eine Variante angeboten werden muss, die nicht aus Kunststoff besteht. Auch Informationskampagnen können hilfreich sein.

2050 gibt es mehr Plastik als Fisch im Meer

Ein UN-Bericht über Kunststoffverschmutzung zeigt, dass Regierungen auf der ganzen Welt zu handeln beginnen. Das Plastik-Problem bleibt trotzdem akut.

Insgesamt hat sich der Ansatz als sehr effektiv herausgestellt. Bevor mit der Reduzierung angefangen wurde, lag die jährliche Plastiktütenmenge pro Kopf in einigen EU-Staaten wie Polen oder Portugal bei weit über 400. Gerade in diesen Ländern ist damit zu rechnen, dass der Verbrauch enorm zurückgehen wird. Aber auch in Deutschland, wo das Problem nicht ganz so groß war, weil beispielsweise Plastiktüten in Supermärkten schon lange nicht mehr kostenlos ausgegeben werden dürfen, kam es zu deutlichen Verbesserungen. Der Ansatz ist daher sehr sinnvoll und wir unterstützen die Idee der Kommission, ihn auf weitere Produkte auszudehnen.

Ein weiterer Ansatz der Kommission ist allerdings radikaler: Einwegkunststoffprodukte, für die es geeignete Alternativen gibt, sollen ganz vom Markt verschwinden. Betroffen wären beispielsweise Wattestäbchen und Trinkhalme. Ist das sinnvoll?

Das sehen wir am Centrum für Europäische Politik kritisch. Es stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit. Klar, wenn es keine Plastiktrinkhalme mehr gibt, gelangen sie auch nicht mehr in die Meere. Man muss aber auch das Verhältnis von produzierten Trinkhalmen zu welchen, die ins Meer gelangen, betrachten. Das ist nämlich nur ein sehr kleiner Teil. Der positive Umwelteffekt dieser Maßnahme ist deswegen zu gering um die Einschränkungen für Verbraucher und Hersteller zu rechtfertigen.

In vielen Fällen gibt es politische Alternativen, mit denen das gleiche Ziel erreicht werden kann. Und wenn es diese Alternativen im Einzelfall nicht gibt, braucht es deswegen nicht zwingend ein generelles, EU-weites Verbot. Häufig wäre es auch mit Verboten in bestimmten Regionen, beispielsweise touristischen Küstenregionen, getan. Hier könnte man differenzieren. Auch könnte man den Mitgliedsstaaten zunächst die Möglichkeit geben, das Problem anderweitig in den Griff zu bekommen und Verbote nur für den Fall anstreben, dass dies nicht gelingt.

Der Vorschlag der Kommission ist daher zu pauschal. Gute Regulierung zeichnet sich dadurch aus, dass sie differenziert und verhältnismäßig ist.

Die Kommission will nicht nur Verbote, sondern verfolgt auch marktwirtschaftliche Ansätze. So sollen die Kosten der Umweltbeschädigung vermehrt den Herstellern übertragen werden. Wie soll das gehen?

Bereits heute gibt es die so genannte „erweiterte Herstellerverantwortung“, wenn auch nicht in allen Mitgliedsstaaten. Die Idee: Die Hersteller bekommen bereits bei der Produktion Anreize, weniger Verpackung zu produzieren. Je mehr Verpackung sie produzieren, desto mehr müssen sie bezahlen, um deren Entsorgung – in Deutschland beispielsweise mit dem Gelbe Sack – zu finanzieren. Das kann man weiter konkretisieren. Beispielsweise sollten Produzenten von sehr schwer zu recycelnden Kunststoffverpackungen mehr bezahlen müssen. Schließlich verursachen sie höhere Recyclingkosten.

Plastikstoffe im Meer sollen drastisch reduziert werden

Kunststoffe machen 85 % der Meeresabfälle aus. Um das einzudämmen, hat die EU Kommission ihre Vorschläge für ein Verbot der zehn häufigsten Plastiken vorgelegt, die recycelbare Alternativen haben.

Zudem will die Kommission die Hersteller künftig nicht nur an den Kosten der Recyclingprozesse beteiligen, sondern auch an Strandsäuberungsaktionen. Häufig werden diese Aktionen von NGOs oder den Mitgliedsstaaten durchgeführt. Sie müssen aber finanziert werden. Hier kann man die Hersteller stärker in die Pflicht nehmen. Das ist durchaus vertretbar, schließlich haben die Hersteller jene Produkte auf den Markt gebracht, die nicht ordnungsgemäß entsorgt wurden. Durch die unsachgemäße Entsorgung sind ihnen Kosten erspart geblieben. Entsprechend sollten sie sich an solchen Säuberungsmaßnahmen finanziell beteiligen. Das gilt insbesondere für Hersteller solcher Produkte, bei denen schon der übliche Gebrauch häufig dazu führt, dass sie in die Natur gelangen. Hier denke ich beispielsweise an Luftballons oder Zigarettenfilter.

Im Großen und Ganzen ziehen Sie also ein positives Fazit aus den aktuellen Vorschlägen der EU-Kommission zur Reduzierung der Meeresverschmutzung durch Plastikmüll, richtig?

Eine Einschränkung sind in der Tat die pauschalen Verbote, die unsererseits doch auf erhebliche Kritik stoßen, weil es Alternativen gäbe. An anderen Stellen wäre dafür mehr möglich gewesen. Man hätte noch stärker auf Ansätze setzen können, die sich bereits bewährt haben – auch indem man an erfolgreichen Konzepten einzelner Mitgliedsstaaten anknüpft. Ein Beispiel hierfür ist die deutsche Pfandpflicht für Einwegflaschen. In vielen Ländern gibt es eine solche Pflicht nicht, obwohl das Konzept extrem effektiv ist.

Insgesamt betrachtet haben Sie aber Recht: Es ist gut, dass das Problem nun angegangen wird und viele Vorschläge gehen in die richtige Richtung.

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