Waldbesitzer: Zu viel Regulierung schadet der Forstwirtschaft – und den Klimazielen

Emma Berglund, Generalsekretärin des Waldeigentümerverbands Confederation of European Forest Owners (CEPF). [CEPF]

This article is part of our special report Europas Wälder und Strategien gegen den Klimawandel.

Nachhaltige Forstwirtschaft ist unerlässlich, damit die EU ihre Klima- und Energieziele erreicht. Eine Überregulierung der Forst-Bioenergie könnte aber die wirtschaftliche Performance des Sektors und sein Potenzial im Kampf gegen den Klimawandel gefährden, sagt Emma Berglund im Interview mit EURACTIV.

Emma Berglund ist Generalsekretärin des Waldeigentümerverbands Confederation of European Forest Owners (CEPF). Sie sprach mit Samuel White von EURACTIV.com.

Bäume sind mehr oder weniger die einzigen Kohlenstoffspeicher Europas. Was ist ihr Potenzial im Kampf gegen den Klimawandel? Und wie kann dieses Potenzial durch gute Forstwirtschaft maximiert werden?

Wenn wir über die Rolle der Wälder in Bezug auf Anpassung und Bekämpfung des Klimawandels sprechen, müssen wir das ganze Bild sehen. Die beste Strategie zur Maximierung des Potenzials muss eine nachhaltige und aktive Forststrategie sein. Dadurch können wir die Wälder anpassen, widerstandsfähiger machen und sicherstellen, dass sie gesund und lebendig sind.

Gleichzeitig können wir den Wald auch wachsen lassen, indem wir alte Bäume fällen und sie durch neue, schneller wachsende Arten ersetzen, die mehr CO2 speichern. Die alten Bäume können dann für langlebige Produkte wie Baumaterialien für Häuser genutzt werden. Oder in Produkten, die energieintensivere und auf fossilen Brennstoffen basierende Erzeugnisse ersetzen.

Im Englischen sprechen wir von den „drei S“: sequestration, storage and substitution (Sequestierung, Speicherung und Ersatz). Wenn Bäume wachsen, ziehen sie CO2 ein (Sequestierung), das somit in Wäldern oder später in Holzprodukten gespeichert wird. Und geerntetes Holz kann als Ersatz für Produkte auf Basis von fossilen Brennstoffen verwendet werden.

Forstökosysteme funktionieren in einem grünen CO2-Kreislauf und nachhaltige Forstwirtschaft ist unerlässlich, um diesen Kreislauf beizubehalten und zu erweitern – und um fossile Brennstoffe zu ersetzen.

CO2-Emissionen und Abholzung: Die Balance finden

Wenn die EU ihre Klimaziele erreichen will, muss eine Balance zwischen der wirtschaftlichen Optimierung der Forstwirtschaft und Waldschutz zur Kohlenstoffbindung gefunden werden.

Das Europäische Parlament hat im Rahmen der Erneuerbare Energien Richtlinie (EER) vor kurzem Nachhaltigkeitskriterien für Forstbiomasse festgelegt. Glauben Sie, dass diese Kriterien dabei helfen, die EU-Dekarbonisierungsziele zu erreichen? Oder glauben Sie, dass dadurch die Forstwirtschaft gebremst wird, dass sie eigentlich mehr leisten könnte?

Tatsächlich befürchten wir, dass das eigentliche Potenzial der Forstwirtschaft ausgebremst werden könnte. Wir fürchten, dass neue Belastungen und Hindernisse auftreten, die es Waldbesitzern erschweren, ihre Wälder zu bewirtschaften und Holz bereitzustellen. Ich denke, dass die Debatte um Bioenergie ein Thema ist, bei dem es viel zu viel Schwarz- und Weißmalerei gibt. Aber wir sehen die Nachfrage nach Bioenergie nicht als Gefahr für unsere Wälder.

Wir hören manchmal, dass höhere Bioenergieziele dazu führen werden, dass wir unsere Wälder abholzen und zerstören. Das ist in Wirklichkeit aber absolut nicht der Fall. Die Bioenergie wird Waldbesitzer kaum dazu bringen, ihre Bäume zu fällen, weil sie nicht viel einbringt. Hochqualitative Holzprodukte sind die Erzeugnisse, die das höchste Einkommen versprechen. Energie ist dabei nur ein Nebenprodukt. Die Bioenergie unterstützt also die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Forstwirtschaft insgesamt, aber in den Tätigkeiten der Waldbesitzer ist sie ein relativ kleiner Faktor.

Das Problem mit den neuen Kriterien für ein solches Nebenprodukt ist also viel mehr, dass den Waldbesitzern große Belastungen und Hindernisse aufgezwängt werden könnten, die ihre Haupttätigkeit einschränken. Denn im Allgemeinen wird ein Baum nicht anders behandelt, weil sein Holz auf diese oder jene Art genutzt werden soll.

In welcher Hinsicht sind die Kriterien zu komplex?

Sie sollten einfach und umsetzbar bleiben. Es gab fünf Kriterien, von denen zwei nicht in der ursprünglichen Folgenabschätzung der EU-Kommission auftauchten; und das Parlament hat noch ein sechstes Kriterium hinzugefügt. In der Debatte im Parlament wurde auch mehrfach versucht, die Kaskadennutzung gesetzlich festzuschreiben. Das ist für uns absolut inakzeptabel.

Bitte erläutern Sie, was Kaskadennutzung ist und warum Sie dagegen sind…

Zunächst: Wir sind nicht gegen das Prinzip an sich.

Als Kaskadennutzung bezeichnet man die Nutzung von Holz über mehrere Stufen: Es wird zum Beispiel zuerst in einem Gebäude verwendet, sollte danach mehrfach wiederverwendet werden (dabei nimmt sein Wert ab) und erst im allerletzten Schritt für Energiegewinnung verbrannt werden.

Es ist ein sehr logisches Konzept, das im Forstsektor bereits breite Anwendung findet. Holz ist schließlich eine wertvolle Ressource. Deswegen ergibt es wirtschaftlichen Sinn, möglichst viel Mehrwert herauszuschlagen.

Wenn die Kaskadennutzung aber in Gesetzen festgelegt wird, bedeutet dies, dass wir den Markt diktieren und Waldbesitzern vorschreiben, wie und wo sie ihr Holz verkaufen müssen. Das wäre kein freier Markt mehr und hätte sicherlich einen Verzerrungseffekt auf die Preise.

Wir stimmen also absolut zu, dass die Kaskadennutzung ein guter Ansatz ist. Aber sie ist ein Ansatz, den man nicht regulieren darf.

Sie haben eben gesagt, dass Forstbiomasse ein Nebenprodukt von hochqualitativen Holzerzeugnissen ist. Ihre Organisation CEPF hat vor kurzem darauf gedrängt, alle Holzarten, also auch hochqualitatives Rundholz aus Baumstämmen, als nachhaltige Energiequelle einzustufen. Wie passt das zusammen?

Ja, das war eine Kommunikations-Herausforderung. Wir sind gegen den Vorschlag, Rundholz explizit aus der Liste der nachhaltigen Energiequellen in der EER auszuschließen. Diese Haltung nehmen wir nicht ein, weil wir jetzt Bäume fällen und als Ganzes verbennen wollen. Es hängt aber viel davon ab, wo die Waldbesitzer sind und welche Marktzugänge sie haben.

Ich würde sagen, dass hochqualitatives Holz immer in die Sägewerke kommt, nicht in die Bioenergie-Produktion. Immer. Aber wenn sie Holz von niedrigerer Qualität haben, kann Bioenergie eine tragbare Alternative werden. Manchmal kann solches Holz nicht in Sägewerken verwendet werden, obwohl es wie ein normaler, großer Baumstamm aussieht.

Ein weiteres Thema ist die Baumgröße und die Frage, ob es für Bäume, die als Bioenergiequelle verwendet werden, eine Größenbegrenzung geben sollte. Wenn man Rundholz ab einem bestimmten Durchmesser ausschließt, müsste man effektiv jedes Mal in den Wald gehen und einen Baum genau vermessen, bevor man ihn fällt.

Es ist heutzutage für viele Waldbesitzer wirtschaftlich kaum tragbar, überhaupt Holz für Bioenergie bereitzustellen.  Wenn also noch weitere Kosten und Hindernisse hinzukommen, werden sie einfach kein Holz mehr für den Bioenergiemarkt liefern. Und dann haben wir wirklich Probleme, unsere Ziele zu erreichen.

Holz aus deutschen Wäldern als klimaneutraler Brennstoff?

Die Bundesrepublik ist das wald- und holzreichste Land in der EU. Geht es nach den Plänen der EU-Kommission, sollen deutsche Wälder zukünftig viel stärker als Energieträger genutzt werden.

Widmen wir uns der Verordnung zu Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft (LULUCF). Wie sehen Sie die von der Kommission vorgeschlagenen Referenzwerte für Wälder und was bedeuten sie für die Waldbesitzer?

Die Waldreferenzwerte sollen eine Vorhersage für die Zukunft sein, die auf den Einschlagsraten der Vergangenheit beruhen. Die Kommission hat den Zeitraum 1990 bis 2009 als Referenzperiode vorgeschlagen. Es gibt noch einige andere Faktoren, aber dies ist der Hauptteil des Vorschlags.

Wir sehen diese Idee – Erfahrungen der Vergangenheit zur Berechnung von zukünftigen Forstrefernzwerten zu nutzen – sehr kritisch. Uns wäre es lieber, wenn diese Referenzwerte auf den tatsächlichen Potenzialen der Wälder beruhen würden, denn andernfalls könnte alles sehr willkürlich werden.

Ein Beispiel: In Ländern wie Spanien, wo in der Vergangenheit relativ wenige junge Bäume gefällt worden sind, würde es sehr viel Sinn ergeben, die Einschlagsraten zu erhöhen, um so die Gefahr von Waldbränden zu verringern.

Wir sehen daher also keinen Vorteil darin, die Referenzen auf Werten der Vergangenheit basieren zu lassen. Und wenn mehr Bäume gefällt werden, ist dies nicht gefährlich für das Klima, solange wir innerhalb des Rahmens für nachhaltige Forstwirtschaft bleiben.

Der Gesetzesvorschlag wurde inzwischen angepasst und wir glauben, dass er verbessert wurde. Aber er ist immer noch so komplex, dass wir nicht wirklich abschätzen können, was die Effekte sein werden. In Bezug auf die Auswirkungen auf den Forstsektor können wir deswegen nur abwarten.

Was würden Sie als nachhaltige Baumfäll-Raten für Neuaustriebe ansehen?

Ich glaube nicht, dass es bei LULUCF darum gehen sollte. Forstwirtschaft und Einschlagraten sind noch nicht einmal EU-Kompetenz. Sie sollten durch die Märkte und langfristige Wirtschaftsplanung bestimmt sein. Je nach Altersstruktur bestimmter Wälder können sich die Einschlagsraten ändern. Wir wollen, dass LULUCF eine reine Berechnungsgrundlage ist, aber wir fürchten, dass die Verordnung weit darüber hinaus gehen wird.

Ich möchte auch anmerken, dass es nicht unbedingt unnachhaltig ist, 100 Prozent Neuaustrieb abzuholzen. Manchmal kann das sogar die nachhaltigste forstwirtschaftliche Strategie sein. Es ist keine übliche Praxis, aber es ist auch nicht zwangsläufig unnachhaltig.

Über Energieproduktion und Holzprodukte hinaus: Gibt es andere Sektoren, in denen die Industrie mehr Holzerzeugnisse nutzen könnte? Gibt es etwas, dass die EU tun kann, um die Bioökonomie im Forstbereich voranzutreiben?

Die Bioökonomie ist ein interessantes Thema und eine große Chance für den Forstsektor. Ich sehe sie als Chance, um sowohl die Klimaziele als auch die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen, während gleichzeitig die ländlichen Gebiete der EU aufgewertet werden.

Alles, was man aus Öl produziert, lässt sich auch aus Holz herstellen. Das ist technisch möglich. Es gibt eine Menge Innovation und Forschung, und die Bioökonomie ist eine Möglichkeit, viele unterschiedliche Ziele gleichzeitig zu erreichen.

60 Prozent der EU-Wälder sind in privater Hand; sie werden meist von Familien und Kleineigentümern gehalten. Wir sollten verstehen, wie wir diese Menschen dazu motivieren können, ihre Ressourcen aktiv und nachhaltig zu bewirtschaften und das anzubieten, was die Gesellschaft in dieser Übergangsphase braucht.

Deswegen möchte ich  noch einmal deutlich machen, dass wir diesen Eigentümern nicht unverhältnismäßig viel Gesetzgebung aufbürden dürfen.

Im breiteren Sinne sind Wälder eindeutig ein wichtiger Bestandteil ländlicher Gebiete; sie können wirtschaftliche Aktivitäten anregen und diese Regionen attraktiv zum Leben machen. Es ist deswegen auch wichtig, sicherzustellen, dass der Mehrwert der Bioökonomie mit den Rohstoffproduzenten geteilt wird, um die ländliche Entwicklung zu unterstützen.

Holz ist der älteste Kraftstoff der Menschheit und aktuell die größte erneuerbare Energiequelle in Europa. Glauben Sie, dass wir in einigen Jahrzehnten immer noch Forstbiomasse verbrennen werden oder ist sie ein Übergangs-Kraftstoff?

Wir werden möglicherweise noch Holz verbrennen, aber nicht so viel, wie wir es aktuell tun. In gewisser Weise ist Forstbiomasse eine Übergangslösung: Sie ist momentan die größte Quelle für erneuerbare Energie, aber das wird sie in einigen Jahrzehnten sicher nicht mehr sein. Andere erneuerbare Energiequellen werden weiter wachsen und Forstbiomasse ablösen.

Wir befinden uns also in einer Übergangsphase und wir wissen, dass wir jetzt unsere Ziele erreichen müssen. Für die Waldbesitzer ist Biomasse ein wichtiger Nebenverdienst – und in gewissem Maße werden Menschen in einigen Regionen immer Holz nutzen, um ihre Häuser zu heizen.

Ökosystemleistungen der EU-Wälder

40 Prozent der Landfläche Europas sind mit Wald bedeckt. Diese Wälder leisten eine Reihe von Ökosystemleistungen, die zu einer gesunden Umwelt und zum menschlichen Wohlergehen beitragen.