US-Ökonom: „Haushaltsregeln sollten für grüne Investitionen nicht gelten“

Jeremy Rifkin ist ein US-amerikanischer Ökonom und Autor mehrerer Bücher zum Thema Umwelt und Klimawandel. [EPA/OLE SPATA]

Der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin spricht im Interview mit EURACTIV Frankreich über seine Hoffnungen in Bezug auf den „Green Deal“ der neuen EU-Kommission und ruft zu Klima-Erzählungen auf, die einen „echten Wandel“ in der Gesellschaft bringen können.

Jeremy Rifkin ist ein US-amerikanischer Ökonom und Autor mehrerer Bücher zum Thema Umwelt und Klimawandel. Er berät außerdem Unternehmen und Regierungen zur Energiewende.

Andere Ansichten zu diesem Thema finden Sie im Interview mit José Manuel Campa.

Mr. Rifkin, Sie sagten kürzlich, die erneuerbaren Energien seien gerade dabei, die Welt zu retten. Wie kam es dazu?

Die Ziele der EU für 2020 in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien und CO2-Emissionen mögen sehr ehrgeizig gewesen sein – und nicht alle wurden erreicht – aber sie haben die notwendigen Impulse gegeben.

Glücklicherweise kam dann China dazu. Dort wurden unglaubliche Fortschritte gemacht; beispielsweise wurde in nur wenigen Monaten ein Teil des Stromnetzes komplett digitalisiert!

So haben die EU und China mit ihrer Förderung der Forschung und Entwicklung erneuerbarer Energien die Weichen gestellt. Sie haben dafür gesorgt, dass erneuerbare Energien jetzt sehr erschwinglich sind.

Fossile Brennstoffe hingegen werden schnell veraltet und unbrauchbar. Ihre Zeit ist vorbei, der Markt ist zu mächtig. Offshore-Plattformen, die Öl und Gas fördern, werden aufgegeben, ebenso wie Pipelines – sofern über sie nicht demnächst Wasserstoffgas transportiert werden kann. Auch alle ölabhängigen Industrien wie die Petrochemie, Kunststoffe und andere Mineralölprodukte laufen Gefahr, nicht mithalten zu können. Es sei denn, sie ändern sich radikal.

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Die saudi-arabische Ölfirma Aramco hingegen bereitet sich gerade auf einen Börsengang vor, der rund 100 Milliarden US-Dollar in die Kassen spülen soll…

Das mag sein. Aber dagegen stehen elf Billionen Dollar an Vermögenswerten, die bereits aus dem Bereich der fossilen Brennstoffe abgezogen worden sind. Das sind grundlegende Veränderungen.

Pensionsfonds in Großstädten wie London und New York kündigten ebenfalls an, dass sie künftig auf fossile Brennstoffe verzichten. Sie haben halt gesehen, was mit dem Kohlebergbau, beispielsweise mit dem Konkurs von Peabody, geschehen ist.

Was der alte Karl Marx nicht vorhergesehen hat, ist, dass mit dem Kapitalismus Millionen von Arbeitnehmern, deren Renten durch die Wirtschaft getragen werden, den Lauf der Dinge auch beeinflussen können. Diese Arbeitnehmer wollen ihr Vermögen nicht verlieren; und sie sind sicherlich keine Nostalgiker, die sich für immer „die alte Welt“ erhalten wollen. Sie wollen Vermögenswerte mit bescheidener, aber stabiler Rentabilität. Genau das bieten die erneuerbaren Energien.

Können internationale Verhandlungen wie die aktuelle Klimakonferenz in Madrid dazu beitragen, den Kampf gegen den Klimawandel zu beschleunigen?

Ehrlich gesagt habe ich einige Zweifel an dieser Methode. Ich bin gerade von der COP25 in Madrid zurückgekommen. Es ist wirklich deprimierend: Dort wird von allen immer und immer wieder wiederholt, dass wir „einen Plan“ brauchen, um den Temperaturanstieg auf 1,5°C zu begrenzen. Aber niemand weiß, wie dieser Plan genau aussehen soll. Außerdem ist 1,5°C ein praktisch bedeutungsloses Ziel und seit einiger Zeit veraltet.

Immer wieder wird über Ziele, Vorgaben und nachhaltige Entwicklung gesprochen, aber was wir wirklich brauchen, ist eine Vision!

Und eine solche Vision existiert; einige Pionierunternehmen beginnen, sie zu übernehmen. Wir sprechen hier von einer Zukunft ohne fossile Brennstoffe, von dezentraler Erzeugung erneuerbarer Energien, von einer vernetzten und digitalen Welt, in der Dienstleistungen und andere derartige Services das wichtigste Geschäftsmodell sein werden, und nicht der schnöde Verkauf von Produkten.

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Geht das Wirtschaftsmodell, das Sie gerade beschreiben, einher mit niedrigeren Bruttoinlandsprodukten?

Wissen Sie, ein Teil der Wirtschaft ist doch bereits „demonetarisiert“, geldfrei… Wikipedia ist die fünftgrößte Website der Welt – und dabei völlig kostenlos und auf kooperativer Basis aufgebaut. Unsere Wirtschaft basiert zunehmend auf dem Tauschprinzip.

Wir müssen auch über andere Formen der Vermögensberechnung nachdenken, nicht nur immer mit Blick auf das BIP, sondern auch auf die Lebensqualität. Innerhalb der OECD beginnen einige Länder, sich mit diesem Thema zu befassen.

Sprechen wir trotzdem noch ein wenig über Geld: Wie lässt sich die Energiewende finanzieren, vor allem hinsichtlich eines Wandels bei den Unternehmen, die am meisten von der Wende und von den Klimaveränderungen betroffen sein werden?

Die Priorität liegt auf einer Umgestaltung der Infrastruktur. Zu diesem Zweck befürworte ich grüne Anleihen: Die Europäische Investitionsbank sowie die Europäische Zentralbank und die EU-Mitgliedstaaten müssen sich an der Ausgabe solcher Anleihen beteiligen, die dann zur Finanzierung der Zukunft verwendet werden. Und die EU muss den Mitgliedstaaten erlauben, massiv zu investieren. Es geht hier um sehr viel.

Die Haushaltsregeln sollten nicht für grüne Investitionen gelten: Investitionen in Forschung, Sachmittel und in die Ausbildung junger Menschen in den neuen Berufen dieser aktuellen Revolution sind daür viel zu wichtig. Schließlich sind wir vom Aussterben bedroht!

Aber wie, konkret, kann die Energiewende oder „neue Industrielle Revolution“ finanziert werden?

Die Vermögenswerte sind gar nicht das Problem; es gibt auch viele, die aus dem Fossile-Brennstoff-Bereich stammen. Das Problem sind die Projekte: In Europa gibt es einfach keine Großprojekte, die Investitionen anziehen könnten! Das ist fast schon ironisch: Wir haben die Technologie und die Ressourcen, aber es gibt keine großen Projekte; ein Projekt wie die Umgestaltung einer ganzen Region.

Dies wird im Mittelpunkt der Diskussion über den Green New Deal der neuen Europäischen Kommission stehen müssen.

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Firmen wie das Öl- und Energieunternehmen Total werden Ihrer Vision allerdings widersprechen. Wie wollen Sie sie überzeugen?

Das möchte ich gar nicht. Darauf möchte ich keine Zeit verschwenden. Es gibt diejenigen Unternehmen, die an der Spitze [des Wandels] stehen; und für die anderen kann ich nichts tun. Die Energieunternehmen müssen sich jetzt entscheiden.

Das Gleiche gilt für Kernenergie-Anlagen: Die Kernkraft ist lächerlich veraltet und viel zu teuer. Und ich rede hier noch nicht einmal vom Atommüll. In Frankreich, wie in den meisten Ländern, könnte die gesamte Energie aus Sonne, Wind und Biomasse gewonnen werden. Es ist sinnlos, sich an die Vergangenheit zu klammern.

Viele Unternehmen sind nahezu gelähmt und tun einfach nichts. Aber es gibt viele „First Mover“ – Unternehmen, die ihrer Zeit voraus sind und mit gutem Beispiel vorangehen. Viele Stromversorger haben diese Phase schon durchlaufen: In Deutschland, beispielsweise, sind Kohle- oder Kernkraftwerke ja praktisch obsolet geworden.

Was ist Ihrer Ansicht nach die Haupt-Herausforderung für die neue EU-Kommission?

Es gibt da wirklich positive Anzeichen. Das Europäische Parlament hat den Klimanotstand erklärt, und Ursula von der Leyen scheint überzeugt zu sein, dass sie schnellstens zugunsten der Energiewende handeln muss.

Aber jetzt müssen wir vor allem eine neue Erzählung finden. Eine Vision, die die Bevölkerung dazu bringt, die Tatsache zu akzeptieren, dass wir gerade eine radikale Umwälzung erleben.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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