UNEP-Direktor: Krisen werden die Zusammenarbeit bei COP21 vorantreiben

In Entwicklungsländern verdienen sich Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt auf Müllkippen. [Thibaud Saintin/Flickr]

Der Druck durch internationale Katastrophen wie die Wirtschafts- und Flüchtlingskrise wird eine engere Zusammenarbeit der Länder bei der Bekämpfung des Klimawandels und der Schaffung einer neuen Kreislaufwirtschaft vorantreiben, sagt Surendra Shrestha im Interview mit EURACTIV.

Surendra Shrestha ist Direktor des Internationalen Umwelttechnikzentrums beim Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Er sprach nach der Veröffentlichung des ersten Berichts zum weltweiten Abfallmanagement ( Global Waste Management Outlook) mit James Crisp von EURACTIV.

Wo steht Europa weltweit im Bereich Abfallwirtschaft?

Im Weltmaßstab ist Europa sehr fortgeschritten. Weltweit sind die Entwicklungsländer am schlechtesten. Wenn wir zurück in die Achtziger Jahre gehen und sie mit jetzt vergleichen, gibt es einen enormen Unterschied. Aber wir versuchen in Richtung einer Zukunft zu gehen, in der es keinen Abfall gibt. Dann wird Abfall eine Ressource werden.

Die Kreislaufwirtschaft ist eine exzellente Idee. Die Natur zu imitieren ist immer eine tolle Idee. Es gibt in der Natur keinen Abfall.

Nach der Schärfung des öffentlichen Bewusstseins brauchen wir politische Rahmenbedingungen. Warum würde eine Einzelperson oder ein Unternehmen investieren, wenn das Risiko zu groß ist? Der gesetzliche Rahmen wird für globale Investitionen entscheidend sein.

Waren Sie angesichts von Europas Führungsstatus in diesem Bereich überrascht, dass die Kommission das Paket zur Kreislaufwirtschaft zurückzog?

Das war sehr überraschend, aber ich höre, dass es ambitionierter werden wird. Das Konzept Kreislaufwirtschaft, das weiter als recyceln und wiederverwenden geht, reicht auch bis ins Produktdesign und in die Langlebigkeit. Es ist wichtig, sich auf die Design- und Produktionsphase zu konzentrieren, nicht nur darauf, ob es recycelt werden kann.

Europa kann das nicht alleine machen. Internationalen Gremien müssen sich einschalten, um weltweit hergestellte Produkte zu beeinflussen. Eine globale Plattform ist notwendig. Auch in China produzierte Waren müssen das beispielsweise befolgen.

Es gibt in Europa aber höhere Umweltstandards. Könnte das der globalen Wettbewerbsfähigkeit Europas in der neuen Kreislaufwirtschaft schaden?

Die Kreislaufwirtschaft geht weiter als Abfall und Recycling. Die Waren müssen so gestaltet werden, dass die Teile demontiert und recycelt werden können. In Europa hat man diese Umweltstandards. Wenn Entwicklungsländer wie China handeln wollen, müssen sie diese Standards einhalten. Umweltstandards sind nicht das Problem.

In dieser globalisierten Welt kann Europa es nicht alleine schaffen. Wir müssen unsere Erfahrung nach außen tragen. Es ist entscheidend, durch dieses Wissen Lösungen für China und Indien zu finden.

Antwerpen hat 30 Jahre dafür gebraucht, von null Prozent auf 72 Prozent Recycling zu kommen. Jetzt müssen es die aufstrebenden Wirtschaften in fünf Jahren machen. Mit dem Bevölkerungsdruck, der Verstädterung, der neuen Mittelklasse, weniger Geld, können wir es uns nicht leisten, es in 30 zu machen.

Die globalisierte Welt rückt enger zusammen, anstatt weiter auseinander, wenn es um Richtlinien und Standards geht. Wenn die Menschheit überleben soll, müssen wir uns in diese Richtung bewegen.

Ich bin Optimist. 2000 gab es eine gemeinsame Vereinbarung der Industrieländer, den Entwicklungsländern bei einer gemeinsamen Agenda zu helfen. Davor war es ein offenes Spielfeld. Mit den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) ist es universell und es gibt eine gemeinsame Richtung. Was die allgemeine Richtung angeht, gibt es mehr und mehr Einigungen.

Denken Sie, dass das dabei helfen wird, bei der UN-Klimakonferenz in Paris ein positives Ergebnis zu bringen?

Ich denke, es wird ein Abkommen geben, vielleicht nicht in dem Maße, in dem die Menschen das wollen oder erwarten. Die USA und China haben sich bereits geeinigt und sie sind die größten Emittenten, ich bin optimistisch.

Unsere politische Führung fängt an zu erkennen, dass wir zusammenarbeiten müssen. Wie es umzusetzen ist, ist ein Streitgrund, die Richtung aber nicht.

Wenn man zurückschaut, jedes Mal, wenn wir eine Krise hatten, haben Umwandlungsprozesse stattgefunden. Haben wir mit den derzeitigen Problemen einen Krisenpunkt erreicht? Das ist die Frage.

Haben wir einen Krisenpunkt erreicht?

Wenn, dann haben die Politiker und die Führung keine Wahl (außer) zu handeln. Sie haben alle über internationale Krisen gesprochen. Und warum kündigten die USA und China an, was sie taten?

Also haben wir einen Krisenpunkt erreicht!

Das ist mehr internationale Zusammenarbeit anstreben. Wenn die Großmächte in Zukunft nicht zusammenkommen können, was ist die Alternative? Wenn die derzeitige Flüchtlingskrise sich um das Zehnfach vergrößert plus eine weitere Wirtschaftskrise, wo werden die Menschen hingehen? Können wir einen Zaun darum ziehen? Nein.

Und wo passt da die Abfallwirtschaft rein?

Aufgrund des Bevölkerungsdrucks und der Ressourcenerschöpfung wird Abfall immer wichtiger. In jedem Entwicklungsland sieht man Millionen, die in diesem Sektor beschäftigt sind. Sie hängen davon ab. Diesen Ländern dabei zu helfen, den Abfall zu organisieren, an der Quelle zu trennen, wird auch die Leben der Arbeiter durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Hygienestandards verbessern. Die Folgewirkung für den Klimawandel ist eine niedrig hängende Frucht. 15 bis 20 Prozent der Emissionen und es gibt auch wirtschaftliche und gesundheitliche Vorteile.

Vor allem Industrieländer in Europa müssen die Schwellenländer mit einer proaktiven Politik unterstützen. Der Rest wird von alleine laufen. Beide werden wachsen, beide werden Arbeitsplätze haben. Die Expertise, das Wissen dieser 300 Jahre. Lasst es uns zusammenpacken und es ihnen geben.

Wir haben die Technologie. Wir könnten weiter erneuern, aber die grundlegenden Technologien sind vorhanden. Wenn wir das erleichtern, kann das natürlich nicht frei sein. Es muss in den Entwicklungsländern ähnliche rechtliche Rahmenwerke geben. Wir müssen diese Standards und Normen durch internationale Gremien wie zum Beispiel die UN entwickeln.

Können also Technologie und Innovation die Finanzierung bei den Verhandlungen in Paris ersetzen?

Bei den derzeitigen Diskussionen in New York gibt es daran vonseiten der Entwicklungsländer immer mehr Interesse. 1992 gab es ein größeres Interesse an der Finanzierung.

In den vergangenen fünf oder sechs Jahren ist die öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) auf ungefähr dem gleichen Level verharrt. Illegale Finanzströme sind sechs Mal mehr wert als die ODA. Ausländische Direktinvestitionen tragen sieben Mal mehr bei.

Jetzt merken die nationalen Regierungen, dass es notwendig ist zu priorisieren, weil das es einfacher macht, ausländische Investitionen in den nationalen Haushalt zu bekommen. Es besteht nicht mehr die Notwendigkeit, bei anderen Ländern zu betteln.

Schauen Sie nach China, nach Indien, was sie machen. Sie warten nicht auf die 100 Milliarden US-Dollar, die versprochen wurden. Im Gegensatz zu vor fünf oder zehn Jahren beharren die Entwicklungsländer nicht auf viel, weil das die Realität ist. Die Liquiditätsreserven liegen bei den aufstrebenden Volkswirtschaften.

Über Geld wird immer weniger gesprochen. Expertise, Technologie, Handel, Marktzugang, das sind jetzt die Prioritäten. Die internationale Diskussion bewegt sich weiter.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN