UNEP-Chefin: EU sollte CO2-Ziele erhöhen

Joyce Msuya ist aktuell geschäftsführende Direktorin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). [United Nations Environment Programme]

Die Europäische Union muss ihr CO2-Reduktionsziel für 2030 von 40 auf 55 Prozent erhöhen, wenn sie das 1,5°C-Ziel des Pariser Klimaabkommens erreichen will, so Joyce Msuya.

Joyce Msuya ist eine tansanische Mikrobiologin und Umweltwissenschaftlerin, die derzeit als geschäftsführende Direktorin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) amtiert.

Im Mai 2018 wurde sie zur stellvertretenden Exekutivdirektorin des UNEP ernannt und folgte damit auf Ibrahim Thiaw aus Mauretanien. Davor war Msuya als Beraterin der Weltbank in Washington tätig.

Sie sprach mit Frédéric Simon von EURACTIV.com.

Im vergangenen Jahr, kurz vor der COP24, legte die Europäische Kommission eine langfristige Klimastrategie vor, damit Europa bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral wird. Damit war die EU auch die erste Region der Welt, die ihre Klimaziele für 2050 diskutierte. Wie war Ihre Reaktion bei den Vereinten Nationen? Haben Sie eine Flasche Champagner geköpft?

[Lacht]. Nein, den Champagner haben wir noch nicht geköpft. Aber wir waren aus verschiedenen Gründen sehr beeindruckt von der Führungsrolle Europas. Erstens, weil Europa, obwohl es vielfältig ist, gleichzeitig geeint ist. Es ist positiv zu sehen, wie alle diese Länder zusammenkommen und eine langfristige Strategie für den Klimaschutz diskutieren.

Und zweitens ist die Strategie zeitgebunden. Sie könnten ja auch eine unbefristete Strategie haben, die dann möglicherweise nicht umgesetzt wird. So wird hingegen Verantwortung übernommen – sowohl von Seiten der Bürger als auch von Seiten der politischen Entscheidungsträger.

2018 war ein bedeutsames Jahr für die Klimapolitik in Europa. Für 2030 wurden neue Ziele für erneuerbare Energien und Energieeffizienz festgelegt, wodurch die Verpflichtung der EU zur CO2-Reduktion faktisch von 40 auf 45 Prozent angehoben wurde. Auch kein Grund für den Champagner?

Doch, sicherlich. Die Richtlinien sind ehrgeizig und unterstreichen den politischen Willen, voranzukommen. Und das ist es wert, gefeiert zu werden.

In meiner Position kann man diese Art von Führung leider nicht sehr oft beobachten. Die neuen Ziele stehen im Einklang mit den Zielen der nachhaltigen Entwicklung, und für uns bei den Vereinten Nationen zeigen sie, dass sich der Ehrgeiz der EU mit dem deckt, was wir mit den SDGs zu erreichen versuchen.

Um Ihre Frage zu beantworten: Da kann man eine Flasche Champagner öffnen; definitiv.

Cañete: EU soll CO2-Ziele bis 2030 erhöhen

Am Mittwoch gab der EU-Klimakommissar bekannt, dass der Block seine Verpflichtung zur Emissionsreduzierung von -40 Prozent bis 2030 auf -45 Prozent erhöhen könnte.

Wie beurteilen Sie den Stand der Dinge in Europa in Bezug auf die Erreichung der Klima- und Energieziele für 2020 und 2030? Europa mag insgesamt auf Kurs sein, hinkt aber beispielsweise bei der Energieeffizienz hinterher. Wie schätzen Sie dies ein?

Unsere Zahlen zeigen, dass die EU ihr 40-Prozent-Ziel bis 2030 aktuell verfehlen würde. Dabei müsste dieses Ziel jedoch auf 55 Prozent angehoben werden, wenn die EU innerhalb des 1,5°C-Ziels bei der globalen Erderwärmung bleiben will.

Es gibt also noch viel Arbeit. Es gibt aber auch viel Engagement, dieses Ziel zu erreichen. Wir arbeiten eng mit der Europäischen Union zusammen, um zu sehen, wie wir sie unterstützen können.

Die EU-Länder dazu zu bringen, sich auf ein 40- bzw. 45-Prozent-Ziel zu einigen, war bereits ein langer, steiniger Weg. Welche Argumente würden Sie vorbringen, um die politischen Entscheidungsträger zu ermutigen, nun auf 55 Prozent zu gehen?

Erstens wächst der Druck von Seiten der Bürger. Wir sehen ein sehr aktives Engagement, auch bei Jugendlichen, die Druck auf ihre Regierungen ausüben, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Das ist positiv, denn Politiker müssen ihrem Volk dienen.

Zweitens unterstützt die EU den Multilateralismus. Im September organisiert der UN-Generalsekretär einen Klimagipfel in New York, gemeinsam mit der Generalversammlung. Ich war in Kontakt mit unseren EU-Partnern, um zu sehen, was sie dazu beitragen können.

Ich komme gerade aus Singapur, wo sich die asiatisch-pazifischen Umweltminister trafen. Auch dort gab es starkes Interesse, von Europa zu lernen. Europa hat dem Rest der Welt also viel zu bieten.

Angesichts dieser Nachfrage aus verschiedenen Erdteilen bin ich daher zuversichtlich, dass der politische Wille aufrechterhalten wird.

Länder handeln oft aus Eigeninteresse. Was ist das Eigeninteresse der EU, bis 2030 eine CO2-Reduzierung von 55 Prozent anzustreben? Sind die Kosten nicht zu hoch? Was wären die Vorteile?

Darüber können europäische Entscheidungsträger besser sprechen als ich. Aber eines davon ist das Wertesystem, die Verantwortung und der Wunsch der EU, bei globalen öffentlichen Gütern wie dem Klima eine Führungsrolle zu übernehmen.

Diese Art von Führung hat sich in Europa bereits etabliert. Es ist beeindruckend zu sehen, dass und wie sie bei einem Thema wie dem Klimawandel die Führungsrolle übernehmen. Ich möchte nochmals betonen: Die europäischen Bürger fordern von ihren politischen Entscheidungsträgern mehr Maßnahmen gegen den Klimawandel. Und die meisten Regierungen werden auf die Bedürfnisse der Bürger eingehen.

Energiewende: "Viele Länder haben einfach den Schuss nicht gehört"

Die Klimaziele der EU sind nicht ehrgeizig genug, meinen viele Experten. Um dem Klimawandel wirklich zu begegnen, brauche es andere Maßnahmen.

Teile der europäischen Wirtschaft haben die EU hingegen kritisiert, weil sie den Klimawandel „allein angeht“, während andere Länder oder Regionen keine ähnliche Politik verfolgen. Sie argumentieren, dass dies die Unternehmen hier in Europa benachteiligt. Was erwidern Sie diesen Unternehmen?

Unternehmen müssen in der Tat die Kosten und die möglicherweise verloren gehenden Arbeitsplätze berücksichtigen. Aber die meisten europäischen Regierungen arbeiten in diesen Fragen mit dem Privatsektor zusammen. Und sie schmieden oft öffentlich-private Dialoge. Bei Themen wie Kunststoff unterstützen sie die Fabriken dabei, weniger zu produzieren oder Einweg-Kunststoffe zu eliminieren. Und das ist nur ein Beispiel.

Stellen wir uns vor, die EU erreicht bis 2050 wirklich CO2-Neutralität. Welchen Unterschied würde das auf globaler Ebene machen? Und: Würde es einen großen Unterschied zwischen 1,5°C und 2°C bei der Erderwärmung machen?

Ich möchte Federica Mogherini, die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, zitieren. Sie sagte: „Wenn wir in den Kampf gegen den Klimawandel investieren, investieren wir in unsere eigene Sicherheit.“ Ob es sich nun um Migration oder globale öffentliche Güter handelt: Es geht auch um Eigeninteressen Europas.

Europa kann auf der globalen Bühne führend sein, um diese Agenda voranzutreiben. Aber um führen zu können, muss man Ergebnisse vorweisen, und zwar zu Hause. Diese Klimaambition [der EU] spiegelt also genau das wider.

Drittens: Wie ich bereits sagte, ist [der Einsatz gegen den Klimawandel] Teil des Wertesystems der meisten Europäer. Das zeigt sich an den Klimamärschen, die aktuell in ganz Europa stattfinden.

Wie schnell schließt sich das Fenster, um die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen?

Es stimmt: Die Zeit läuft langsam ab. Wir müssen jetzt handeln. Es besteht die Dringlichkeit, Entscheidungen zu treffen. Wir haben einfach keine Zeit mehr zu verlieren. Wir sehen die Auswirkungen des Klimawandels auf der ganzen Welt, auch in Europa. Es liegt an uns, gemeinsam so schnell wie möglich zusammenzukommen und zu handeln.

Gibt es denn ein Datum, das das UNEP festgelegt hat, über das hinaus keine Hoffnung mehr besteht, das 1,5°C-Ziel zu erreichen?

Wir sind bei der UNEP sehr optimistisch, was die Entwicklungen auf der ganzen Welt betrifft. Wir konzentrieren uns nun auf die Vision der Vereinten Nationen für 2030 als Teil der Ziele der nachhaltigen Entwicklung. Und im Jahr 2030 werden wir eine Bestandsaufnahme machen, wo wir stehen.

Deshalb veranstaltet der UN-Generalsekretär im September den New Yorker Klimagipfel – um das politische Engagement zu erhöhen, aber auch um eine Bestandsaufnahme zu machen, wo wir beim Thema Klimawandel stehen.

CO2-Emissionen: Langsam wird es eng

Es wird zunehmend unwahrscheinlicher, dass der globale Temperaturanstieg auf 1,5°C begrenzt werden kann.

Welche Arten von Transformationen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um Klimaneutralität zu erreichen? Es wird beispielsweise gefordert, dass die Erzeugung von Strom aus Kohle bis spätestens 2030 vollständig eingestellt wird. Deutschland hat aber beispielsweise schon erklärt, man werde es dies erst 2038 erreichen. Andere EU-Länder wie Polen haben überhaupt keinen Kohle-Ausstiegsplan. Sollte ein fester Termin für den Ausstieg aus der Kohle festgelegt werden?

Es sollten ehrgeizige Ziele für die Beendigung nicht-nachhaltiger Energiequellen festgelegt werden. Die EU hat bei den Strategien und Zielen, die zeitlich begrenzt sind, eine Führungsrolle übernommen.

Die Industrieländer in Europa müssen darüber nachdenken, wie sie den Energiesektor umweltfreundlich gestalten können – im verarbeitenden Gewerbe, in der Industrie oder im Verkehr in den Städten. Es gibt einige gute Beispiele, zum Beispiel in den Niederlanden. Es gibt auch einige Entwicklungen hin zu grünen Gebäuden in Europa, die zu begrüßen sind.

Wenn man also jedes Land einzeln betrachtet und sieht, wo die Lücken liegen, wird dies zu einer Transformation führen.

Europa kann sehen, was es bisher geleistet hat und wohin es führen kann. Und wir als internationale Organisation können helfen, diese Erfolge mit anderen Ländern auf der ganzen Welt zu teilen.

Bei den erneuerbaren Energien wird viel von Wind- und Solarenergie gesprochen, die schnell wachsen. Allerdings steht Biomasse heute für 50 Prozent des gesamten Verbrauchs an erneuerbaren Energien. Pflanzen absorbieren andererseits aber auch CO2, bieten also eine Möglichkeit zur Speicherung von Kohlendioxid. Glauben Sie, dass Energie aus Biomasse weiter gefördert werden sollte?

Es gibt ein großes Potenzial für Biomasse, aber es muss noch viel Forschung und Entwicklung betrieben werden. Auch hier kann Europa führend sein; durch mehr Forschung – auch zu den Aspekten Kosteneffizienz sowie Kosten des Übergangs zur Biomasse. Europa kann ebenso dazu beitragen, festzustellen, was im Vergleich zu Biomasse gut funktioniert und in welchen Branchen es den größten Nutzen bringt.

Deshalb schauen wir uns das Thema an – es ist ja ein relativ neues Gebiet – und sehen, wo wir Pilotprojekte für die Biomassenutzung unterstützen können.

Sie sagen, dass solche Biomasse-Technologie relativ neu ist. Gleichzeitig ist [das Verbrennen von Bäumen] aber auch die älteste Energiequelle der Welt. Welche Bereiche wollen Sie also untersuchen?

Im Moment erforschen wir vor allem den Bedarf an Biomasse. Obwohl die Energiegewinnung aus Biomasse uralt ist, wie Sie sagten, ist sie in einigen Teilen der industrialisierten Welt komplett vergessen worden. So sind es hauptsächlich solche Regierungen und die EU-Mitgliedstaaten, die mehr über Biomasse als eine der Optionen erfahren wollen.

In anderen Teilen der Welt, wo noch auf solche alte Weise Energie gewonnen wird, forschen wir nach technischer Unterstützung, um zu sehen, wie Biomasse als effiziente Energiequelle genutzt werden kann.

Sprechen Sie hier von Biomasse zur Stromerzeugung, oder möglicherweise auch für Kraftstoffe?

Im Moment reden wir hauptsächlich über Strom. Aber unser Denken entwickelt sich in diesen Fragen noch weiter.

Studie: Immer mehr erneuerbare Energie, immer weniger Steinkohle

In Europa wurde 2018 mehr erneuerbare Energie in die Netze eingespeist. Gleichzeitig sank der Steinkohleanteil deutlich. Schwieriger scheint sich der Braunkohleausstieg zu gestalten.

Sie haben die Klimademonstrationen in ganz Europa erwähnt. Unter anderem schwänzen Kinder die Schule, um gegen die Untätigkeit der Regierungen gegen die globale Erwärmung zu protestieren. Erwarten Sie, dass sich diese Mobilisierung auch an der Wahlurne bei den Europawahlen im Mai dieses Jahres widerspiegelt?

Diese Märsche beeinflussen und beschleunigen das Handeln in Europa. Hier in Belgien traf sich der Premierminister bereits mit den Schülern. Und die Märsche schärfen auch das Bewusstsein für Klimafragen auf der ganzen Welt. Die Leute rufen uns aus den USA und Kanada an und fragen: „Wow, wie haben [die europäischen Schüler] sowas organisiert?“

Es gibt auch ein grundlegendes Interesse daran, wie diese Märsche zustande kamen. Dazu gehört auch, wie das Thema Klimawandel im Klassenzimmer behandelt wird. Denn global gesehen geschieht dies nicht – aber es stößt auf großes Interesse. Die Frage ist also: Wie kann man Klimabildung in die Lehrpläne der Schulen integrieren, um entsprechendes Handeln zu fördern?

Ich gehe also wie gesagt davon aus, dass die meisten politischen Entscheidungsträger in Europa den Protestierenden zuhören werden. Schließlich ist dies die zukünftige Generation. Sie waren am vergangenen Sonntag (27. Januar) mit mehr als 70.000 Menschen [in Brüssel] auf der Straße. Klar ist: Die Rechnung für Untätigkeit beim Klimawandel werden diese Jugendlichen begleichen müssen.

Deshalb prüfen wir bei der UNO, wie wir mit der Jugend zusammenarbeiten können und wie wir aus diesen Erfahrungen lernen können, um unser eigenes Handeln zu forcieren.

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