UN-Umweltchef: „Wir dürfen nicht warten, bis die Ozeane sich in einen Plastiksumpf verwandelt haben“

Erik Solheim, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP). [UNEP]

Beim vergangenen Umweltgipfel der Vereinten Nationen stand Umweltverschmutzung ganz oben auf der Agenda. Dieses Treffen sollte ein Weckruf für alle Länder sein, sagt der UN-Umweltchef.

Erik Solheim ist Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP). Er sprach nach Abschluss des 3. UNEP-Gipfels im kenianischen Nairobi mit EURACTIV-Reporter Sam Morgan.

EURACTIV: Sie haben vor der Umweltversammlung gesagt, Ziel sei es, das Thema Verschmutzung in der politischen Agenda weiter nach oben zu bringen. Wurde dieses Ziel erreicht?

Erik Solheim: Die Umweltversammlung steht an einem Wendepunkt, aber der Beweis dafür wird sich natürlich erst erbringen lassen, wenn konkrete Maßnahmen als Reaktion auf die Versammlung getroffen werden. Unsere Ziele waren sehr ambitioniert; wir wollten alle Facetten des Themas Umweltverschmutzung bei einem einzigen Gipfel auf den Verhandlungstisch bringen. Jetzt liegt es an den 193 Mitgliedstaaten, die Inhalte der angenommenen Resolutionen mit in ihre Hauptstädte zu nehmen und sie dort in politische Maßnahmen umzuwandeln.

Ein gutes Beispiel ist das Thema Meeresverschmutzung, insbesondere durch Plastik. Kein Land der Welt hat ein Gesetz, das das Entsorgen von Plastik in den Ozeanen vorsieht, aber es geschieht im riesigen Maßstab. Das liegt daran, dass noch nie ernsthaft über das Thema nachgedacht wurde. Wir konnten jetzt die wissenschaftlichen Daten vorlegen und ich hoffe wirklich, dass die Staaten nun zum Handeln angespornt werden und die Lücken in ihren Gesetzgebungen korrigieren.

Haben wir also – gerade in der westlichen Welt – einen Wendepunkt erreicht, an dem Verschmutzung nicht mehr ein akzeptabler Aspekt des täglichen, öffentlichen Lebens ist?

Ja, auf jeden Fall. Verschmutzung ist ein eindeutiges Ergebnis ungezügelter Entwicklung, und ich bin mir sicher, dass die Menschen im Westen inzwischen mehr erwarten, als lediglich materiellen Wohlstand. Sie fordern auch eine saubere Umwelt. Verschmutzung ist nicht mehr ein hinnehmbarer Effekt, den man im Tausch für materiellen Reichtum in Kauf nimmt.

Sie sagten zu Beginn der Umweltversammlung, es sollte eine Debatte über rechtliche Verbote von Materialien wie Plastik geben, aber Sie hoffen, dass wir diese überhaupt nicht brauchen. Was genau meinten Sie damit?

Lassen Sie mich zunächst klar sagen: Plastikstoffe sind nicht das Problem; das Problem ist, was wir mit ihnen machen. Plastik und Polymere sind auch grundlegende Bausteine für die Green Economy. Sie werden beispielsweise in Solarpanels, Windturbinen oder Leichtbau-Fahrzeugen verwendet. Durch Letzteres wird die Energieeffizienz vieler Autos enorm gesteigert. Sogar auf den untersten Ebenen kann Plastik gut sein: Plastikdosen in der Küche helfen zum Beispiel, die Lebensmittelverschwendung zu verringern.

Die Deutschen haben genug vom Auto

Eine Studie zum Umweltbewusstsein zeigt: Zwei Drittel der Deutschen wünschen sich eine bessere Infrastruktur fürs Fahrradfahren. Die meisten Autofahrer würde gern auf Bus und Bahn umsteigen.

Was wir brauchen, ist ein großer Wandel in unserem Verhalten, in riesigem Umfang, sowie verbessertes Abfallmanagement. Der Verhaltens-Wandel betrifft nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Hersteller und Händler. Sie müssen nicht nur Verantwortung für ihre Produkte, sondern auch für deren Verpackung übernehmen. Wenn ein solcher Wandel dank Anreizen und verbessertem Bewusstsein schnell erreicht werden kann, ist das eine gute Sache.

In einigen Fällen werden entsprechende Gesetze notwendig sein, es gibt aber auch keine Universallösung.

Vor 30 Jahren trat das Montreal-Protokoll in Kraft und das Minamata-Übereinkommen wurde dieses Jahr ratifiziert. Beide sind das Resultat solcher „Weckrufe“, die einzelne Staaten dazu bewegten, internationale Abkommen zu unterstützen. Glauben Sie, dass Umweltthemen wie Meeresverschmutzung oder Bleivergiftungen auch solche Schlüsselmomente brauchen, damit die Nationalstaaten aufwachen und etwas unternehmen?

Ja, absolut. Wir tun unser Bestes, um diese Alarmglocken läuten zu lassen. Es ist wie beim Ozonloch: Wir dürfen nicht warten, bis unsere Ozeane sich in einen Plastiksumpf verwandelt haben. Ich denke, bei einigen Themen haben wir den Wendepunkt bereits erreicht: Noch vor einigen Jahren hatten eher wenige Menschen Bedenken, was diese Umweltthemen angeht. Das Montreal-Protokoll und das Minamata-Übereinkommen sind der Beweis, dass globales Handeln möglich ist.

Die Umweltversammlung hat einige Resolutionsentwürfe angenommen, darunter eine gegen Meeresverschmutzung durch Plastik, die ihr Heimatland Norwegen eingebracht hatte. Allerdings waren Viele enttäuscht, dass diese Resolution nicht rechtlich bindend ist und dass die Wirtschaft zu stark eingebunden sei. Was konnte man in dieser Phase als bestmögliches Ergebnis erwarten?

Alle Resolutionen der UN-Umweltversammlung sind von Hause aus nicht rechtlich bindend. Ich sehe das allerdings nicht unbedingt als ein großes Problem an, obwohl wir in einer perfekten Welt wohl bindende Verpflichtungen hätten, die jedes Land gerne unterzeichnen würde. Stattdessen haben wir ehrgeizige Ziele und Handlungsaufrufe. Noch einmal: Es liegt an den Mitgliedstaaten, diese Vorschläge in konkreten Maßnahmen umzusetzen.

Ich persönlich glaube daran, dass die Vereinten Nationen die Wirtschaft und den Privatsektor einbeziehen müssen. Es war ermutigend, zu sehen, dass so viele Firmen das Richtige tun wollen und einen Platz am Verhandlungstisch haben wollten. Wir können es uns einfach nicht leisten, diese Unternehmen aus dem Prozess auszuschließen. Es ist außerdem wichtig, dass sie die riesigen Chancen erkennen, die sich aus dem Wandel hin zu nachhaltigeren Geschäftsmodellen ergeben.

In Nairobi haben sich Regierungsvertreter aus der ganzen Welt getroffen. Glauben Sie, die UN könnte mehr erreichen, wenn stärker mit Blöcken wie der EU oder der Afrikanischen Union zusammengearbeitet würde statt mit einzelnen Ländern?

Wir versuchen, eng mit Blöcken wie der EU, der Afrikanischen Union oder den Small Island Developing States (SIDS, deutsch: Kleine Inselentwicklungsländer) zusammenzuarbeiten. Und wenn wir Resolutionen entwerfen, versuchen wir immer, gemeinsame Positionen zu schmieden. Darüber hinaus wurde ein großer Teil der Verhandlungen, die zur Umweltversammlung geführt haben, gerade von solchen Blöcken angestoßen. Manche von ihnen sind formelle, andere informelle Bündnisse.

Das Endergebnis bleibt das selbe: Wir müssen Konsens erzielen und dafür Flexibilität zeigen.

Millionen Kinder sterben jährlich an Umweltverschmutzung

Ein ungesundes Umfeld ist jedes Jahr für den Tod von 1,7 Millionen Kindern unter fünf Jahren verantwortlich, betont die Weltgesundheitsorganisation. EURACTIV-Kooperationspartner Journal de l’Environnement berichtet.

In zwei Jahren empfangen Sie die Regierungsvertreter zur nächsten Versammlung. Gibt es bestimmte Schritte, die Sie bis dahin gern umgesetzt sehen würden? Ein Verbot von Plastik-Strohhalmen vielleicht?

Dinge wie ein Strohhalmverbot wären eine starke symbolische Maßnahme; das gleiche gilt aber auch für Mikroplastik in Kosmetika, Plastikbesteck oder die Verwendung von Polystyren in Verpackungen. Das beste Resultat wäre natürlich, wenn sich die Zahlen deutlich ändern. Wir schmeißen beispielsweise jeden Monat fast eine Million Tonnen Plastik in die Ozeane. Diese Zahl muss auf null fallen.

Der Klimawandel hat sich aus einer Art Nischen- zum Mainstream-Bedenken gewandelt. Glauben Sie, dass dies für den Umweltschutz im weiteren Sinne auch zutrifft? Oder haben Sie das Gefühl, dass zu viele Menschen noch immer nicht verstehen, welchen Problemen wir uns gegenübersehen?

Die Einstellungen ändern sich, und dafür müssen wir der Zivilgesellschaft und den Medien danken. Die Serie Der Blaue Planet II der BBC hat wirklich noch einmal viel Bewusstsein über die Gefahren für unsere Ozeane geschaffen. Sky News hat sich mit Plastikmüll auseinandergesetzt und sogar die Daily Mail hatte das Thema kürzlich auf der Titelseite. Es gibt teilweise extrem guten Umweltjournalismus und ich habe das Gefühl, dass diese Wissenschafts- und Umweltthemen in den meisten Redaktionen kein Nischendasein mehr fristen.

Dennoch bleibt viel zu tun. So müssen die Menschen zum Beispiel die Zusammenhänge zwischen der Verschmutzung und ihrer eigenen Gesundheit und der ihrer Kinder verstehen. Es ist auch eine Frage der Menschenrechte.

Der Privatsektor muss die Möglichkeiten für Innovation und Geschäftschancen erkennen. Dadurch wird der Markt verändert. Und die Regierungen müssen sich ermutigt fühlen, davon zu profitieren und starke Maßnahmen ergreifen.

Die Umwelt wurde viel zu lang als ein Problemfeld dargestellt. Dabei ist sie in Wirklichkeit eine riesige Chance. Wenn Sie sich jedes einzelne Umweltproblem ansehen, gibt es bei jedem eine Möglichkeit, es innovativ zu lösen.

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