Tetra Pak: „Verpackungen dürfen nicht auf der Deponie landen“

Erika Mink. [Frédéric Simon]

Ein EU-weites Deponieverbot für wiederverwertbaren Abfall könne den notwendigen Anstoß zur Kreislaufwirtschaft geben, erklärt Erika Mink im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Erika Mink ist Vizepräsidentin für Öffentlichkeitsarbeit bei Tetra Pak International, einem multinationalen Unternehmen schwedischer Herkunft für die Verarbeitung und Verpackung von Lebensmitteln.

EURACTIV: Am 4. März wird der Umweltrat erstmals über das neue Paket für die Kreislaufwirtschaft diskutieren, das die EU-Kommission im Dezember 2015 erneut vorgelegt hat. Warum ist Tetra Pak so sehr an dieser politischen Debatte interessiert?

Mink: Als Verpackungsunternehmen wollen wir Rohstoffe nachhaltig nutzen, in minimaler Quantität, und diese wieder dem Recycling-Kreislauf zuführen. Was das Recycling angeht, setzen wir uns für Abfallsammelsysteme ein – Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR), bei denen die Haushaltsabfälle getrennt entsorgt und an Wiederverwertungsunternehmen weitergeleitet werden, wie hier in Belgien zum Beispiel an Frost Plus.

Darüber hinaus versuchen wir zu gewährleisten, dass die Werkstoffe, aus denen wir unsere Verpackungen fertigen, von akzeptablen Quellen stammen. Zuerst haben wir mit dem Papier, unserem Hauptbestandteil, begonnen. Hier haben wir sichergestellt, dass wir es mithilfe unserer globalen Zulieferer zurückverfolgen können.

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Mehr als 70 Prozent der Unternehmen in der EU verfügen laut einer aktuellen Studie über eine Recycling-Strategie. EURACTIV-Kooperationspartner Le Journal de l’Environnement berichtet.

Also kann all das Holz, aus dem das Papier besteht, zurückverfolgt werden?

Ja, zu 100 Prozent.

Heißt das gleichzeitig auch, dass es zu 100 Prozent nachhaltig ist?

Wir können zumindest sagen, es ist zu 100 Prozent nach FSC-Standards zertifiziert. Das heißt nicht nur, dass man es zurückverfolgen kann, sondern auch, dass die gesamte Waldbewirtschaftung miteinbezogen wird.

Es gibt zwei Zertifizierungsebenen. Bei der einen wird sichergestellt, dass alles legal ist und von ethisch vertretbaren Quellen stammt, für die es einen FSC-Standard gibt – das ist die Grundlage. Dann gibt es noch zusätzliche Anforderungen zur Biodiversität und allgemeinen Forstverwaltung. Nur wenn man all diese Kriterien erfüllt, darf man das Logo auf der Verpackung tragen.

Wie viele Tetra-Pak-Produkte wurden auf diese Weise zertifiziert?

Wir setzen uns dafür ein, unseren Kunden überall auf der Welt FSC-Standards zu bieten. Unsere Arbeit an den Holzfasern war nur ein erster Schritt. Danach wollten wir, dass unsere Verpackungen komplett aus erneuerbaren Ressourcen hergestellt werden – auch die Plastikschicht auf der Außen- und Innenseite.

Die Packung, die ich hier in der Hand halte [siehe Beitragsbild] ist die erste, die ausschließlich aus recyclebaren Materialien besteht. Sie wurde aus Pappe und Ethanol auf Zuckerrohrbasis hergestellt. Letzteres nutzen wir für die Kunststoffauskleidung und den Verschluss. Das hier war die erste ihrer Art, mit der wir letztes Jahr in die Produktion gegangen sind.

Ethanol aus Zuckerrohr? Ist das nicht heutzutage eher ein No-Go?

Nein, absolut nicht. Denn sie müssen sich ja auch an Nachhaltigkeitsstandards halten.

Also stammt auch das Zuckerrohr aus nachhaltigen Quellen?

Ja, hierfür haben wir noch kein Verpackungslogo, aber es ist definitiv eine Voraussetzung bei unserer Beschaffung.

Lassen Sie uns über das Paket für die Kreislaufwirtschaft sprechen: Die Kommission hat ein EU-weites Recycling-Ziel von 75 Prozent bis 2030 vorgeschlagen. Wie schwer wird das zu erreichen sein? Und was brauchen wir dafür?

Wir sollten uns hohe Ziele für 2030 stecken. Für uns heißt das, die Abfallhierarchie umzusetzen. Es sollten also keine Verpackungen mehr auf der Mülldeponie landen. Das bedeutet Mülltrennung an der Quelle. Außerdem sollte man die EPR-Organisationen dazu verpflichten, alle Verpackungsmaterialien einzusammeln. Dadurch schafft man einen Anreiz, Müll zu trennen und diesen an einen Recycler zu verkaufen.

All den Abfall einzusammeln, scheint eine massive Herausforderung zu sein – vor allem in mittel- und osteuropäischen Ländern. Diese hinken bekanntlich noch hinterher. Wie können sie wieder aufschließen?

Sie brauchen vielleicht ein bisschen länger. Als Produzent fällt es uns schwer, dort genug Abfall einzusammeln. Diese Länder können von den Erfahrungen aus Deutschland oder Belgien profitieren, die eine viel höhere Recycling-Rate aufweisen.

Damit das funktioniert, brauchen wir Trennung an der Quelle. Deshalb glauben wir, dass uns das Deponieverbot wichtigen Schwung verleihen kann. Und es ist ganz einfach. Anstatt einen Mülleimer zu nehmen, nimmt man zwei: einen für Verpackungsmüll und einen für alles andere. Soetwas landesweit zu etablieren, wäre in diesen Ländern ein großer Schritt nach vorn.

In einigen Ländern gibt es bereits EPR-Systeme, zum Beispiel in Belgien. Was hält Länder in Mittel- und Osteuropa davon ab, ähnliche Mechanismen einzuführen?

Es gibt in diesen Ländern bereits Abfallsammelsysteme. Was jedoch verstärkt gefördert werden muss, ist die Mülltrennung an der Quelle und Mindeststandards für solche EPR-Systeme. Da es sehr viele verschiedene Mechanismen und oft nur sehr vage Vorschriften für die entsprechenden Organisationen gibt, kann es vorkommen, dass der Wettbewerb verzerrt wird.

Wir halten es also für essenziell, Mindestanforderungen für EPR-Systeme in die Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle aufzunehmen. Es muss viel mehr Transparenz in Sachen Leistung und Betrieb geben. Außerdem sollten sie dazu verpflichtet werden, alle Abfälle einzusammeln, damit sie sich nicht nur das raussuchen, was ihnen am besten gefällt. Durch solche Kriterien würde man auch den Binnenmarkt sichern.

Wie weit sollte die EU dabei ins Detail gehen. Besteht die Gefahr der Überregulierung?

Es gibt ganz grundlegende Ansätze. So sollte man gewährleisten, dass EPR-Systeme das ganze Land abdecken und dass sie gegen einen Aufpreis alles einsammeln. In diesem Zusammenhang braucht man auch Vorschriften zur Berechnung der Gebühren, zur Leistungsmessung etc.

Das ist relativ grundlegend, muss aber durch verantwortliche Behörden in den Mitgliedsstaaten sichergestellt und umgesetzt werden. Es sollte also einen Autorisierungsmechanismus geben, der die EPR-Systeme auf nationaler Ebene umzäunt.

Sie sind also für ein Deponieverbot. Glauben Sie, dass das bis 2030 erreichbar ist?

Ja, das tue ich. Vielleicht nicht für alle Abfälle, aber für Verpackungsmüll ist es definitiv möglich. Wir arbeiten schon seit über 20 Jahren daran. Es mangelt uns dementsprechend nicht an Erfahrung oder Wissen. Auch die Technologien sind weitgehend vorhanden. Jetzt geht es darum, den richtigen Rahmen zu schaffen.

Die Finanzierung übernehmen teilweise die EPR-Systeme. Sollte es noch andere Förderquellen geben? Wie soll der allgemeine Mix aussehen?

Es ist Aufgabe der Gemeinden, sich um die Abfallwirtschaft zu kümmern. Natürlich entstehen zusätzliche Kosten, wenn es anstelle von einer auf einmal zwei Mülltonnen geben soll. Und es ist nur normal, wenn die Industrie dafür aufkommt. Meistens übernehmen die Produzenten, also unsere Kunden, diese Kosten. Unternehmen wie Tetra Pak stellen wiederum sicher, dass es Recycling-Lösungen gibt. Dorthin fließt unser Geld. Wir sorgen dafür, dass die Organisationen für jedwede Form von Abfall einen Ablageort haben.

Eines der Grundprinzipien der Kreislaufwirtschaft besteht darin, Produkte durch das Design besser wiederverwertbar zu machen. Hat Tetra Pak sein Design an die Recycling-Zwecke angepasst?

Alle unsere Verpackungen müssen in die bestehende Recycling-Infrastruktur passen. Europa verfügt diesbezüglich ganz klar über die höchsten Standards. Daher testen wir Werkstoffe in Europa und garantieren, dass die Materialien an die Wiederverwertungsunternehmen gehen und dass Plastik beispielsweise adäquat von Papier getrennt wird.

Investiert Tetra Pak in biologisch abbaubare Materialien?

Nicht biologisch abbaubar, aber bio-basiert. Wir nutzen klassisches Polyethylen, das jedoch nicht von fossilen Energieträgern stammt, sondern aus Bioethanol. Immerhin müssen wir eine Haltbarkeit von zwei Jahren garantieren. Wenn die Verpackung selbst jedoch biologisch abbaubar ist, können wir nicht gewährleisten, dass die enthaltenen Lebensmittel oder Getränke ihren guten Zustand beibehalten – vor allem in heißeren Gegenden wie Brasilien oder Südeuropa.

Der Hamburger Stadtrat hat kürzlich Kaffeekapseln und Wegwerfverpackungen aus jeglichen öffentlichen Ausgaben verbannt. Halten Sie solche Maßnahmen für hilfreich?

Ich denke, sie klingen besser, als sie tatsächlich sind. Wahrscheinlich wollen sie damit weniger Abfall produzieren. Bei der Müllreduzierung geht es jedoch um Verhaltensmuster, die man nicht einfach verändern kann, indem man bestimmte Produktarten verbieten. Ein einfaches Verbot wird nicht ausreichen.

Manche Umwelt-NGOs schlagen vor, einen jährlichen Höchstwert für Restmüll pro Person einzuführen, also ein Maximum für nicht-recyclebaren Müll. Unterstützen Sie diese Idee?

Es ist immer gut, Vergleiche zu ziehen und Indikatoren für Ressourceneffizienz für die Wirtschaft aufzustellen. Die Frage ist nur: Was machen wir mit diesen Indikatoren? Ich glaube nicht, dass man alles vorschreiben sollte, aber sicherlich kann man sich bestimmte Reduktionsziele setzen.

Das Paket für die Kreislaufwirtschaft wurde im Dezember 2014  zurückgezogen und ein Jahr später wieder an den Verhandlungstisch gebracht. Sind Sie mit dem neuen Vorschlag zufrieden? Denken Sie, dass er rasch beschlossen werden kann?

Aus unserer Sicht ist das Paket ein sehr guter Ansatzpunkt. Allerdings sind wir auch der Meinung, dass es in drei Bereichen noch Verbesserungsbedarf gibt: 1) Man muss sicherstellen, dass alles Recyclebare auch tatsächlich recycelt wird und dass bis 2030 keine Verpackungen mehr auf der Mülldeponie landen; 2) Erneuerbare und recycelte Materialien müssen als gleichwertig anerkannt werden; 3) Wir brauchen einen breiteren Rahmen, der nicht nur auf Recycling ausgerichtet ist, sondern auch die gesamte Wirtschaft, sämtliche Warenströme umfasst – auch die Rohstoffimporte. So stellt man sicher, dass sie aus akzeptablen Quellen stammen.

2030 ist eine angemessene Frist für Veränderungen. Ich glaube nicht, dass ein längerer Zeitraum hilfreich wäre.

Das Interview wurde gekürzt. Die vollständige Fassung finden Sie auf EURACTIV.com.

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