Stahlverpackungs-Industrie: Europa braucht eine ehrgeizigere Kreislaufwirtschaft

APEAL-Generalsekretär Alexander Mohr.

Die EU-Kommission will bald ein ehrgeiziges Paket zur Kreislaufwirtschaft vorlegen. Den Rückzug des vorherigen Entwurfs im Herbst sieht die Stahlverpackungsindustrie jedoch mit Sorge. Sie fordert hohe Recyclingziele, sagt Alexander Mohr in einem Exklusivinterview mit EURACTIV Slowakei.

Alexander Mohr ist der Generalsekretär der Branchenorganisation APEAL (the Association of European Producers of Steel for Packaging.). Er hat mit Zuzana Gabrizova von EURACTIV Slowakei gesprochen.

Im vergangenen Herbst zog die Kommission das Paket zur Kreislaufwirtschaft zurück, das die Ressourceneffizienz erhöhen und den Umweltschutz verbessern sollte – in Ermangelung „einer absehbaren Einigung“ der Entscheidungsträger. Sie versprach aber, bis Ende 2015 eine noch ehrgeizigere Version vorzulegen. Wie nehmen APEAL und seine Mitglieder den Rückzug wahr? Denken Sie, dass das ambitioniertere Gesetzespaket eine Chance hat, gebilligt zu werden?

APEAL war wegen des Rückzugs des überarbeiteten Pakets zur Kreislaufwirtschaft extrem besorgt.

Unsere Organisation ist seit langem der Meinung, dass alle EU-Mitgliedsstaaten ihre Bemühungen zur Erreichung höherer Recyclingziele für alle Verpackungsmaterialien ausweiten sollten, im Interesse der Anerkennung von Abfällen als Ressource, deren Rückgewinnung und Wiedereinspeisung in die EU-Wirtschaft zur Ressourceneffizienz, Emissionssenkung und der Kreislaufwirtschaft beiträgt.

Das Ziel der Verpackungsstahlindustrie bis 2020 ist seit langem eine durchschnittliche europäische Recyclingrate für Stahl von 80 Prozent. Wenn Europa sich in Richtung einer ressourceneffizienteren Zukunft bewegen soll, wird eine ehrgeizige Gesetzgebung dabei entscheidend sein, alle Materialien in allen EU-Mitgliedsstaaten zur Verbesserung ihrer Leistung zu drängen.

Stahl ist derzeit das am meisten recycelte Verpackungsmaterial in Europa, mit einer Recyclingrate von 75 Prozent 2013. Wir werden weiterhin Ressourcen investieren, um dafür zu sorgen, dass der volle Nutzen von Stahl als nachhaltigem Verpackungsmaterial in ganz Europa verstanden wird, und wir freuen uns auf den ehrgeizigeren neuen Vorschlag der Kommission.

Einige der großen Mitgliedsstaaten der EU wie das Vereinigte Königreich lehnen die Idee verbindlicher Recyclingziele für die verschiedenen Abfallarten offen ab. Einem durchgesickerten Dokument zufolge sähen sie gerne mehr freiwillige Vereinbarungen und Initiativen, die Verhaltensänderungen belohnen. Warum, denken Sie, brauchen wir verbindliche Ziele?

Wir bei APEAL sind immer für die höheren Recyclingziele in der Richtlinie zu Verpackungen und Verpackungsabfällen (PPWD), einem der sechs Gesetzesentwürfe, die im Paket zur Kreislaufwirtschaft enthalten sind, eingetreten. Die PPWD hat seit ihrer Einführung eine fortlaufende Verbesserung der Recyclingraten gefördert, und wir sind ermutigt zu sehen, dass die Europaabgeordneten sehr für eine Weiterführung dieses Trends zu sein scheinen, indem sie im Anlauf auf eine Kreislaufwirtschaft noch ambitionierte Ziele stecken.

Das Originalpaket zur Kreislaufwirtschaft sah bis 2030 Recyclingziele von 70 Prozent für Siedlungsabfälle vor, 90 Prozent für Papier, 60 Prozent für Plastik und 90 Prozent für eisenhaltige Metalle und Aluminium. Viele fassten diese Ziele als zu ehrgeizig auf. Sind sie Ihrer Meinung nach erreichbar?

Das 90-Prozent-Ziel ist für die Stahlindustrie gut erreichbar. Die Top Fünf der Stahl recycelnden Länder in Europa recyceln tatsächlich mit einer durchschnittlichen Rate von 90 Prozent.

Stahl hat eine einzigartige Mischung von inhärenten Eigenschaften, die voll ausgenutzt werden. Unbeschränkte Recycelbarkeit, ohne Qualitätsverlust, in Kombination mit der leichten Trennbarkeit von Abfallströmen, dank seiner magnetischen Beschaffenheit, macht Stahl zum Vorzugsmaterial.

Es ist auch der Fall, dass jede stahlproduzierende Anlage in Europa auch eine Recyclingeinrichtung ist, denn Stahlschrott ist ein fester Bestandteil des Produktionsverfahrens für neuen Stahl. Mit dem Ergebnis, dass es keine Notwendigkeit gibt, in spezifische Recyclinganlagen oder extra Logistik zu investieren. Stahl kann einfach von Abfallströmen getrennt und zu den örtlichen Stahlherstellern transportiert werden. Die Gesamtauswirkung ist eine weitere Senkung der CO2-Emissionen und der Energienutzung, was alles zu den Nachhaltigkeitsreferenzen des Stahls sowie zu einem einfachen und effizienten Recyclingverfahren beiträgt.

In der EU gibt es krasse Unterschiede zwischen den Entsorgungssystemen der Mitgliedsstaaten. Die Slowakei deponiert derzeit rund 74 Prozent ihrer Siedlungsabfälle und Rumänien wirft rund 99 Prozent seines Abfalls weg. Wie können diese Länder die ambitionierten Recyclingziele erreichen, wenn sie offenkundig Mühe haben, die bereits bestehenden zu erreichen?

Da Verpackungsstahl nur einen kleinen Teil der Siedlungsabfälle ausmacht, kommentieren wir das lieber nicht.

Einige slowakische Entscheidungsträger nehmen an, dass eine Erhöhung der Deponiegebühren, wie von Experten vorgeschlagen, nicht mehr Recycling fördern würde, sondern eher zu illegalen Deponien führen würde. Denken Sie, dass die Erhöhung der Deponiegebühren der Ausweg ist?

Die Deponierung wertvoller Ressourcen wird immer ein stark kontrolliertes Verfahren sein, und ihre Reduzierung ist ein wichtiges Zahnrad beim Vorstoß für höhere Recyclingraten. Doch über die Auswirkungen durch die Erhöhungen der Deponiegebühren kann an diesem Punkt nur spekuliert werden. Es ist wichtiger, für die finanziellen und ökologischen Vorteile des Recyclings zu werben und dafür zu sorgen, dass eine Infrastruktur etabliert ist, die eine höhere Ressourceneffizienz unterstützt.

Wir veranstalten dafür einen zweiten Gipfel zum Verpackungsstahl, der sich speziell an den Bedürfnissen Zentraleuropas orientiert. Der Gipfel „Verpackungsstahl – grüne Lösungen für Zentraleuropa 2015“, wird am 8. Oktober 2015 im Warschauer Marriot Hotel stattfinden und daran anschließend wird es eine Besichtigung der Stahlproduktionsanlage von ArcelorMittal in Warschau geben.

Der Gipfel ist eine Chance für die Entscheidungsträger, die Partner in der Wertschöpfungskette und die Stahlproduzenten, Ideen auszutauschen und eine Vision für Stahl als eine nachhaltige Verpackungslösung in einem System der Kreislaufwirtschaft zu kommunizieren.

APEAL-Daten zufolge sind die Stahlverpackungen die am meisten recycelten in Europa. Ist das auch in der Slowakei der Fall?

Die durchschnittliche Recyclingrate für Stahlverpackungen in den EU-27-Ländern liegt bei 75 Prozent, die höchste Rate aller Verpackungsmaterialien. Seit 2011 hat die Slowakei mehr als 68 Prozent des Verpackungsstahls recycelt, was sie zum zweitgrößten Recycler in den sogenannten V4-Ländern (Slowakei, Ungarn, Polen und Tschechien) macht.

Beim letzten Gipfel „Verpackungsstahl- grüne Lösungen für Zentraleuropa“, der von APEAL 2011 in der Slowakei organisiert wurde, bemerkten wir eine wiederkehrende Forderung der Kunden und politischen Entscheidungsträger für eine einfachere Umweltgesetzgebung in der Slowakei und – im besten Fall- nach einem einheitlichen Regelwerk für Europa. Das war zu der Zeit eine von APEAL unterstützte Forderung, die in einem gewissen Maße vom in der Vorbereitung befindlichen Paket zur Kreislaufwirtschaft abgedeckt wird.

Welches EU-Land hat das beste Recyclingsystem für Verpackungsstahl? Könnte das Modell auch in der Slowakei umgesetzt werden?

Die Top-Fünf-Länder beim Stahlrecycling in ganz Europa erreichten in den vergangenen Jahren Raten von über 90 Prozent. Deutschland und Belgien erreichen derzeit Recyclingraten von 94 Prozent beziehungsweise 92 Prozent. Was diese Länder unterscheidet, sind ihre effizienten nationalen Sammlungssysteme, die zweifellos ein wichtiger Wegbereiter für den Erfolg von Recyclinginitiativen sind. Doch eine Kombination der Einfachheit des Stahlrecyclingverfahrens und eine zunehmende Erkenntnis über die aus dem Recycling gewonnene Ressourceneffizienz untermauern diesen Erfolg.

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