„Sport kann das Bewusstsein für Umweltschutz schärfen“

Fußball muss kein Klimakiller sein, sondern kann erheblich zum Umweltschutz beitragen, sagt Claire Poole. [Kirill Sergeev/Shutterstock]

Um die UN-Klimaziele zu erreichen, reicht es nicht, wenn einzelne Firmen oder Vereine nachhaltiger wirtschaften. Nötig ist ein Umdenken in der breiten Bevölkerung. Hierbei kann Sport eine wichtige Rolle spielen, ist Claire Poole überzeugt – daher organisiert sie den jährlichen Sports Positive Summit. Im EURACTIV-Interview erklärt sie ihre Vision.

Claire Poole ist Gründerin und CEO von Sport Positive Summit, einer Eventagentur für eine Konferenz zu Sport und Nachhaltigkeit. Unter der Marke „Sport Positive“ verfolgt sie weitere Projekte in diesem Bereich.

Frau Poole, was genau ist der Sport Positive Summit?

Eine jährliche Veranstaltung, bei der wir Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringen, die den Sport nachhaltiger machen wollen. Wir arbeiten bei diesem Gipfel mit UN Climate Action und dem Internationalen Olympischen Komitee zusammen, aber wir führen auch andere Projekte und Aktionen unter der Marke Sport Positive durch.

Was ist das Ziel Ihrer Organisation?

Unser übergreifendes Ziel ist es, das Potenzial des Sports für den Klimaschutz freizusetzen. Als wir mit unserer Arbeit begannen, gab es bereits globale Aktivitäten, die aber eher sporadisch und lokal begrenzt waren: Sportorganisationen boten vielleicht regionales Catering an oder förderten die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und so weiter, aber die Erkenntnisse wurden nicht unbedingt global ausgetauscht. Das Ziel des Wissenstransfers steht also ganz oben auf unserer Agenda, ebenso wie die Ermutigung der Sportfans zu einem positiven Umweltverhalten.

 Wie nachhaltig kann Fußball sein?

Fußball begeistert, bringt zusammen und ist für manche wie eine Religion, so auch beim Finale der Frauen-Fußballweltmeisterschaft in Frankreich am Sonntag. Fußball hat aber auch bislang wenig beachtete Schattenseiten: Müllberge, Wasserverschwendung, Schadstoffmengen. Das Projekt Life Tackle will das ändern.

Hat in den letzten Jahren ein Umdenken im Sport stattgefunden, hin zu mehr Nachhaltigkeit?

Ja, ich denke, wir haben in den letzten 18 Monaten bis 2 Jahren einen enormen Wandel erlebt, dank Leuten wie Greta Thunberg, die das Interesse der Medien geweckt und die Menschen für das Thema Klimawandel sensibilisiert haben. Innerhalb des Sports wurde im Dezember 2018 das UN Sports for Climate Action Framework ins Leben gerufen, was die Dynamik massiv erhöht hat.

Sport hat einen enormen Einfluss auf die Nachhaltigkeit – während viele andere Sektoren einen viel höheren Klima-Fußabdruck haben, wie z. B. die Landwirtschaft oder der Energiesektor, ist der Sport einzigartig, da er eine so große Anzahl von Menschen erreichen und das Bewusstsein für den Umweltschutz schärfen kann. Sport ist extrem sichtbar.

Was war Ihr größtes Highlight beim letzten Sports Positive Summit im Oktober 2020?

Dass er überhaupt stattgefunden hat, nach den vielen Herausforderungen, die 2020 an uns gestellt hat. Trotz COVID-19 wollten wir den Schwung nicht verlieren. Durch unsere Online-Veranstaltung konnten wir zeigen, wie wertvoll diese Vernetzung weiterhin ist – es wurden Beziehungen geschaffen, gebildet und gestärkt.

Schlechtes Gras?

Die EU prüft derzeit eine Regelung, die Mikroplastiken einschränken soll. Davon wären auch Kunstoffrasen auf zehntausenden Fußballplätzen betroffen. Müssten die Flächen alle durch echtes Gras oder andere Belege ersetzt werden, wäre das zwar deutlich umweltfreundlicher – aber kaum umsetzbar.

Was können Sie uns schon über den Sports Positive Summit 2021 erzählen?

Es wird eine Hybrid-Veranstaltung für 2021 sein – das heißt, wir werden virtuelle und (hoffentlich) physische Komponenten haben. Wir haben einen Vertrag mit dem Wembley-Stadion in London, also wollen wir eine physische Veranstaltung abhalten, zumindest teilweise, aber sicherlich mit einer virtuellen Komponente. Jeder, der sich wohlfühlt, soll anreisen können – vermutlich werden es zunehmend Leute aus Großbritannien sein. Aber wir wollen den Gipfel auf jeden Fall abhalten, denn 2021 wird ein großes Jahr für den Klimaschutz sein, vor allem hier in Großbritannien mit der COP26, die im November in Glasgow stattfindet.

Vor einer Woche haben Sie ein weiteres Projekt abgeschlossen: Eine Nachhaltigkeitstabelle der Fußballvereine der englischen Premier League. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ursprünglich war es reine Neugierde, weil ich selbst wissen wollte, was alle Vereine tun, und das mit der Branche teilen wollte. Obwohl wir wussten, dass eine kleinere Anzahl von Vereinen großartige Arbeit leistet, fanden wir durch unsere Recherchen schnell heraus, dass alle Premier-League-Vereine bereits Klimaschutzprojekte und -initiativen umgesetzt oder geplant hatten – eine positive Überraschung. Die Version für 2019 benötigte über 4 Monate für die Recherche, Ausarbeitung und Veröffentlichung, da eine kleine Anzahl von Vereinen noch nicht mit uns zusammengearbeitet hatte und sicherstellen wollte, dass die Daten sinnvoll genutzt werden.  Durch viele Gespräche und die Zusammenarbeit mit der BBC als Medienpartner für die Einführung konnten wir alle benötigten Informationen erhalten. Das war das erste Mal, dass dies geschehen ist.

Fußball ist "per Definition schon politisch"

Der deutsche Fußball-Veteran Ewald Lienen ist überzeugt: Fußball ist politisch und trägt gesellschaftliche Verantwortung. Er erzählt im Gespräch mit EURACTIV Deutschland wie er Fußball mit Klimaschutz verbindet. 

Wie haben die Vereine auf das Ranking reagiert, und wie haben ihre Fans reagiert?

Die Reaktionen der Vereine auf das Ranking sowohl 2019 als auch 2020 waren sehr konstruktiv. Diejenigen an der Spitze freuten sich, dass ihre Bemühungen wahrgenommen wurden, und die am unteren Ende wollten darüber nachdenken, wie sie ihre Bemühungen verbessern können.

Wie bei britischen Fußballfans nicht anders zu erwarten, gab es viel „Geplänkel“ in den sozialen Medien, egal, wo ihre Mannschaften rangierten – und auch viel Stolz, wenn ihr Verein gut abgeschnitten hatte. Einige Fans derjenigen, die in der Tabelle weiter unten standen, kommentierten zum Beispiel: „Wir können nicht einmal die Nachhaltigkeitstabelle gewinnen, geschweige denn die Liga“. Ob die Fans das nun lieben oder nicht, ist uns im Moment egal – Tatsache ist, dass sie es wissen, und wir wissen, dass den Fans der Klimaschutz heute wichtiger ist denn je.

Was sind die nächsten Schritte im Projekt Sustainability Table?

In den kommenden Monaten werden wir die Sport Positive Sustainability Table für die Top-Ligen in Deutschland, Frankreich und Spanien veröffentlichen – viele weitere Ligen werden folgen.

Unterstützer

Life Tackle

Life Programme

LIFE TACKLE wird vom LIFE-Programm für Umwelt- und Klimapolitik der Europäischen Union kofinanziert - Projektnummer LIFE17 GIE/IT/000611



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