Ölunternehmen: „Wir werden auch 2050 noch Öl und Gas nutzen“

Aus Sicht des Ölgiganten Equinor, dem größten Arbeitgeber Norwegens, sind Öl und Gas auch in Zukunft unverzichtbar. [Equinor media center]

Internationale Ölkonzerne haben „die finanzielle Stärke, die Erfahrung, die technischen Fähigkeiten und die bestehenden Lieferketten“, um an der globalen Wende hin zu erneuerbaren Energien teilzuhaben, glaubt Eirik Waerness von Equinor. Öl und Gas werden seiner Ansicht nach aber dennoch wichtige Energiequellen bleiben.

Eirik Wærness ist Chefökonom bei Equinor, einem norwegischen Energieunternehmen. Er sprach mit Frédéric Simon von EURACTIV.

EURACTIV: Der neueste Bericht Energy Perspectives 2018 Ihres Unternehmens ruft dazu auf, mehr zur Erreichung des 2°C-Ziels im Pariser Klimaabkommen zu tun…

Eirik Wærness: Alle unsere bisherigen Berichte haben klar gezeigt, dass es äußerst schwierig sein wird, die CO2-Emissionen auf ein nachhaltiges Niveau zu senken. Und je länger wir warten, desto schwieriger wird es.

Die CO2-Emissionen haben wieder zugenommen, und es wird immer dringlicher, Maßnahmen zu ergreifen.

Dann sprechen wir doch erst einmal über die Technologie: Was ist aus technologischer Sicht nötig, um das Paris-Ziel zu erreichen?

Das würde eine massive Verbesserung der Energieeffizienz in allen Bereichen der Energienutzung erfordern. Im Verkehrssektor braucht es beispielsweise einen Übergang von Verbrennungs- zu Elektromotoren. Allein dadurch könnte die Effizienz schon deutlich verbessert werden.

Aber: Das Preisniveau, die Wettbewerbsfähigkeit von Elektrofahrzeugen ist noch nicht auf dem Niveau des Verbrennungsmotors. Damit die Verbraucher solche Fahrzeuge im großen Stil annehmen, muss die Technologie verbessert werden.

Im Bereich der erneuerbaren Energien muss die technologische Entwicklung ebenfalls fortgesetzt und vorangetrieben werden. Heute bauen alle erneuerbaren Energien ja noch immer auf einer Grundlagenversorgung mit Kohle und Gas auf. Wir brauchen schnellere Technologieentwicklung, damit wir ein System mit viel mehr erneuerbaren Energien betreiben können – ein Beispiel sind Smart Grids (intelligente Stromleitungen).

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Aber auch der Wirkungsgrad, die Effizienz der verbleibenden Verbrennungsmotoren, der Gasturbinen in Elektrizitätswerken und der Triebwerke von Flugzeugen muss kontinuierlich und massiv verbessert werden.

Der wichtigste Punkt ist, dass die technologische Entwicklung zwar weitergehen, aber nicht schnell genug vorankommen wird, wenn wir den Übergang nicht auch mit viel klareren Politikansätzen und Anreizen auf der Verbraucher- und Erzeugerseite fördern.

In Ihrem Bericht heißt es, die Elektrifizierung sei unerlässlich für eine erfolgreiche Energiewende. Equinor baut aber auf Öl und Gas. Setzen Sie also aufs falsche Pferd?

Nein, definitiv nicht. Erstens werden wir selbst in einem Szenario, in dem es einen schnellen Wandel gibt und die energiebedingten CO2-Emissionen um 60 Prozent reduziert werden, massive Investitionen in neue Öl- und Gasförderung benötigen. Wir glauben, dass diese Investitionen so energieeffizient wie möglich sein sollten. Öl und Gas müssen mit möglichst geringen Emissionen geliefert werden.

Wir denken aber auch, dass wir unsere Kompetenz im Öl- und Gasgeschäft nutzen können, um im Bereich der erneuerbaren Energien ebenfalls zu wachsen. Wir wollen bis 2030 bis zu 10 Milliarden Euro investieren.

Wenn internationale Ölkonzerne nicht an der globalen Revolution der erneuerbaren Energien teilnehmen, wer sonst? Denken Sie an die weiten Teile der Welt, die immer noch keinen Zugang zu Elektrizität haben: Wer sonst hat die finanzielle Stärke, die Erfahrung, die technischen Fähigkeiten und die bestehenden Lieferketten, um diesen Teil des Energiemarktes zu entwickeln?

Heutzutage herrscht Konsens, dass es einen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen – Kohle, Öl und Gas – braucht, um das 2°C-Ziel zu erreichen. Die Frage ist nur, wie schnell dieser Ausstieg vonstattengehen kann. Was denken Sie?

In unserem Szenario haben wir herausgestellt, dass ein schrittweiser Abschwung in der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen denkbar ist. Doch das wird eine echte Herausforderung.

Ich bin mir sicher: Wir werden 2050 weder komplett aus Öl noch komplett aus Gas ausgestiegen sein; absolut nicht!

Wenn wir das 2°C-Ziel erreichen wollen, dann sprechen wir von einer 75-prozentigen Reduzierung des Kohlebedarfs bis 2050, weltweit. Zum Beispiel benötigen wir viel Kohle, um den Stahl für die Windräder, die Eisenbahnschienen und die für die verbleibende Kohleverwendung benötigten Anlagen zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung zu produzieren.

Wir brauchen insgesamt eine Reduzierung der Ölnachfrage um etwa 35-40 Prozent; und etwa 10 Prozent weniger Gasbedarf. Das ist das, was wir in unserem Erneuerungsszenario bis 2050 anpeilen.

Dann würde also noch wirklich viel Öl und Gas, und sogar Kohle benötigt…

Ganz genau, und das ist ein wichtiger Punkt.

Es ist klar: Auf diesem Weg wird die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen immer weiter sinken. Und wenn wir keine bedeutenden Quellen für natürliche Kohlenstoffsenken oder negative Emissionstechnologien entwickeln, müssen wir irgendwann auf Null zurückgehen und fossile Brennstoffe vollständig aus dem globalen Energiemix eliminieren.

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Sprechen wir noch einmal über die Elektrifizierung, der in Ihrem Bericht ja ein hoher Stellenwert eingeräumt wird: Was muss in diesem Feld geschehen?

Erstens müssen die Verbesserungen der Kraftstoffeffizienz im Automobilsektor fortgesetzt werden. Und die Autohersteller müssen halten, was sie versprochen haben, nämlich eine Reihe neuer Elektroautomodelle anzubieten.

In unserem Szenario sind 65 Prozent aller im Jahr 2030 weltweit verkauften Neuwagen elektrisch. Das wäre ein massiver Anstieg. Und es bedeutet, dass wir auch darüber nachdenken müssen, wie die Verbraucher diese Autos kaufen und nutzen werden: Wie entwickeln sich die Anschaffungspreise? Wie kann man sicherstellen, dass die Fahrer ihr Auto auch immer aufladen können, wenn dies notwendig ist?

Da geht es relativ langsam voran. Das einzige Land in der Welt, das gezeigt hat, wie Fortschritte ausreichend schnell erzielt werden können, ist Norwegen. Aber wir Norweger haben auch politische Prioritäten und finanzielle Anreize, die einfach kein anderes Land hat: Autofahrer erhalten massive Subventionen, wenn sie ein Elektrofahrzeug kaufen, sie zahlen keine Abgasgebühren, sie dürfen auf der Busspur fahren, usw.

Autos sind allerdings nur ein Teil der Energiesysteme. Wie weit kann die Elektrifizierung tatsächlich gehen? Ist die vollständige Elektrifizierung der Wirtschaft in einem Ihrer Szenarien denkbar oder sogar wünschenswert?  

Nein. Vor allem ist es wahrscheinlich gar nicht möglich, weil wir noch andere Energiequellen benötigen werden.

Wenn man zum Beispiel die Heizsysteme durch Elektrifizierung entkarbonisieren möchte, bräuchte man eine riesige Menge an Windkraftanlagen; die Investitionsherausforderung würde viel größer sein.

Für ein komplett CO2-freies Heizsystem müsste man dann vielleicht Wasserstoff nutzen…

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Sie sagen also: Eine vollständige Elektrifizierung ist nicht wünschenswert, auch nicht in der ferneren Zukunft?

Wir sollten auf viel mehr elektrische Energie hoffen. Strom ist ein fantastisches Produkt – es ist ruhig, es verursacht keine lokale Verschmutzung und so weiter. Aber in Bezug auf den Gesamt-Endenergieverbrauch macht Strom heute nur 20 Prozent des globalen Energiemixes aus. Dieser Anteil beträgt in unserem Szenario auch im Jahr 2050 nur rund 35 Prozent.

In einigen Ländern und Industriesektoren brauchen wir auch dann noch immer sehr viel Energie für die Produktion bestimmter Stoffe. Und wenn wir diese Stoffe mit Strom produzieren würden, wäre das sehr ineffizient. Wir würden dabei viel Energie verschwenden.

Was in Ordnung bzw. kein Problem wäre, wenn ein Überschuss an erneuerbarem Strom bestünde – aber aktuell bringt das keine vernünftige Rendite für Investoren.

Wahrscheinlich brauchen wir also eine Kombination aus erneuerbarer Energie und Gas mit Kohlenstoffabscheidung und -speicherung, um den Bedarf zu decken.

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