Neue Kohle- oder Gasinvestitionen „ergeben keinen Sinn“

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Henning Wuester von der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA). [EURACTIV.sk]

Kurzfristig ist Gas sehr nützlich. Langfristig jedoch wird es keine große Rolle mehr spielen, betont Henning Wuester von der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA), im Interview mit EURACTIV Slowakei.

Henning Wuester ist Direktor für Wissenspolitik und Finanzen bei der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA).

EURACTIV: Wie lautet die Kernbotschaft Ihres neuen Berichts?

Wuester: In unserem Bericht geht es um die Energiewende, mit der wir unsere Klimaziele erreichen wollen. Ziel des Pariser Abkommens ist es ja, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Hierfür müssen wir den Energiesektor im Grunde genommen entkarbonisieren. Der Bericht beschäftigt sich damit, wie so etwas zu schaffen ist. Wir haben herausgefunden, dass eine Entkarbonisierung mit den bestehenden Technologien bereits möglich ist. Darüber hinaus wäre das Ganze kosteneffizient und gut für die einzelnen Volkswirtschaften, denn man könnte auf diese Weise das Wirtschaftswachstum ankurbeln und zusätzliche Arbeitsplätze schaffen – angetrieben von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz.

Studie: Energieeffizienz und Erneuerbare bringen Vorteile in Milliardenhöhe

Es tut sich was in Sachen Energiewende. Was hat ein gemeinsamer IEA/IRENA-Bericht mit dem Kohleausstieg und Trumps Klimapolitik zu tun?

Was meinen sie mit Entkarbonisierung und über welchen Zeitrahmen sprechen wir hier?

Wir haben uns ein Szenario bis 2050 vorgenommen und die Emissionen in der Energiebranche um 90 Prozent reduziert. Unseren Prognosen zufolge könnte der Sektor bis 2060 komplett CO2-neutral sein. Und das ist auch notwendig. Es sei denn, man geht davon aus, dass es irgendwann später in diesem Jahrhundert neue Technologien gibt, die Negativemissionen erzeugen können. Manche glauben daran. Wir sind diesbezüglich jedoch skeptisch. Unserer Meinung nach sollte man sich eher auf bestehende Technologien verlassen.

Das Problem in Europa heutzutage ist, dass die Strompreise für den Großhandel sehr niedrig liegen. Die Städte machen Subventionen für erneuerbare Energien dafür verantwortlich. Im Energiesektor ist es sehr schwierig, zu investieren. Die Verbraucherpreise sind aufgrund von Steuern hingegen sehr hoch. Wie kann Europa aus diesem Teufelskreis ausbrechen?

2016 gab es Rekordinvestitionen in europäische Offshore-Windanlagen. Investoren haben noch immer viele interessante Möglichkeiten. Natürlich ist Europa kein Wachstumsmarkt, weshalb die Investitionschancen begrenzt sind. In den meisten Fällen bedeutet das, dass Investitionen aus anderen Quellen verschoben werden oder Kapazitäten verfrüht in den Ruhestand gehen. Das wünschen sich Anleger natürlich nicht unbedingt.

Erneuerbare Energien: Offshore-Windkraft im Aufwind

Der verlangsamte Ausbau erneuerbarer Energien in China und Japan 2016 führte weltweit zu geringeren Investitionen. Offshore-Windparks bilden jedoch die Ausnahme – das Zeichen einer neuen Reife. EURACTIV-Kooperationspartner La Tribune berichtet.

Die Wachstumsmärkte liegen ganz klar außerhalb Europas. Ich habe mich gerade erst auf den Weg zu einer Investorenkonferenz gemacht, bei der ein großes Interesse an Solarinvestitionen in Indien, dem Nahen Osten und Afrika besteht.

In Europa wird sich der Übergang selbstverständlich auf diejenigen auswirken, die noch Wertpapiere für fossile Brennstoffe besitzen. Kohlekraftwerke werden vom Netz gehen müssen, manche von ihnen vorzeitig. In der Studie empfehlen wir Politikern, diese Entscheidungen nicht auf die lange Bank zu schieben. Sie sollten jetzt Signale senden – frühzeitig. So minimiert man den Anteil der fehlgeleiteten Investitionen.

Können Sie sich auch nach 2030 noch Kohlekraftwerke in Europa vorstellen?

Um ehrlich zu sein, ergibt es laut unserem Szenario keinen Sinn, jetzt noch neue Kohleinvestitionen zu tätigen.

Kann man Kohlekraftanlagen denn nicht modernisieren?

Eine Modernisierung ist etwas anderes. Investitionen, die bestehende Kraftwerke modernisieren oder ihre Effizienz erhöhen, sind durchaus sinnvoll. Wenn sie allerdings die Laufzeiten der Anlagen über eine große Zeitspanne hinweg verlängern sollen, passen sie nicht in unser Szenario.

Und könnten Sie sich vorstellen, dass es nach 2030 noch Kohlekraftwerke in Europa gibt – alte oder neue?

Laut unserem Szenario wird Europa bis 2050 aus der Kohle aussteigen.

Erneuerbare Energien: Sichere Anlage auf instabilen Märkten?

Wer angesichts der bestehenden Marktschwankungen mit seinen Investitionen auf Nummer sicher gehen will, setzt auf erneuerbare Energien. Das zumindest besagt eine aktuelle Studie von Ernst and Young. EURACTIV-Kooperationspartner edie.net berichtet.

Einige Länder investieren in neue nukleare Kapazitäten, wie zum Beispiel Großbritannien, die Slowakei oder Tschechien. Gas gilt kaum noch als profitable Anlage. Wer ist in Zukunft der beste Verbündete der erneuerbaren Energien – Atomkraft, Gas oder etwas ganz anderes?

Zurzeit passen Gaskraftwerke und erneuerbare Energien gut zusammen, da sie sehr flexibel sind. Atomkraft ist keineswegs hilfreich. Mit ihr schafft man eine sehr solide Kapazität im Energiemix, die nicht genügend Flexibilität für die variablen Erneuerbaren lässt. Vergleicht man den Einspeise-Tarif für Atomenergie in Großbritannien mit den Preisen der Solar- und Windenergie, wird schnell klar, dass es sich hierbei um keinen besonders kostengünstigen Vorschlag handelt.

Kurzfristig ist Gas nützlich, langfristig wird es jedoch nur eine geringere Rolle im Energiemix spielen. In unserem Szenario stammen 2050 etwa 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Der Rest wird eine Mischung sein – unter anderem auch aus Atomstrom.

Schließen Sie auch in China Atomenergie aus, weil sie nicht kostengünstig ist?

In Europa ist sie nicht kostengünstig. Wir wissen, dass die Kombination von Erneuerbaren und nuklearer Energie nicht ideal ist. In den meisten Ländern macht Atomstrom aber ohnehin weniger als zehn Prozent aus.

Wenn Gas in der Übergangsphase der beste Freund der erneuerbaren Energie ist, was sollten europäische Regierungen tun, um Investitionen in Gasanlagen zu mobilisieren?

Es gibt Gaskraftwerke in Europa. Die kann man nutzen. Sie brauchen wahrscheinlich Investitionen, um am Laufen gehalten zu werden, aber weitreichende, zusätzliche Investitionen würden wir hier nicht empfehlen.