„Mit Subventionen hat noch nie eine Industrie überlebt“

Reinhold Achatz, der Technik-Chef von Thyssenkrupp. [Jens Schlüter/ epa]

Anstatt eine CO2-Steuer einzuführen, sollten lieber die Energiepreise sinken, fordert Reinhold Achatz, Technik-Chef von Thyssenkrupp. An der freiwilligen Kompensation von Treibhausgasen nimmt der Stahlriese nicht teil.

Reinhold Achatz ist Chief Technology Officer und Leiter der Corporate Function Technology, Innovation and Sustainability bei Thyssenkrupp und damit für die Innovations- und Nachhaltigkeitsthemen im Konzern zuständig. Er sprach im Interview mit der WirtschaftsWoche.

Herr Achatz, rettet eine CO2-Steuer das Klima?

Reinhold Achatz: Aus meiner Sicht ist das nicht die entscheidende Frage. Sicher ist es gut, wenn alle Branchen für ihre Treibhausgasemissionen zahlen müssen und nicht nur einige wenige, wie etwa die Stahlindustrie. Doch ich halte die Diskussion um die Einführung einer CO2-Steuer für keinen guten Ansatz, weil sie einseitig ist. Sie rettet eben nicht unser Klima. Viel entscheidender ist: wir müssen unser Energiesystem neu regeln. In den vergangenen Jahren hat sich hier viel verändert, wir produzieren immer mehr grünen Strom in Deutschland, die Erzeugung von Ökostrom wird immer günstiger, und doch sind die Strompreise in Deutschland die höchsten in Europa.

Was hindert Thyssenkrupp daran, klimaneutraler zu produzieren?

Wir haben gute Ideen, um die Emissionen von Treibhausgasen zu reduzieren, die bei der Produktion vor allem von Stahl anfallen. Aber das aktuelle CO2-Regime und die hohen Umlagen für Strom behindern uns dabei. Die Technologien, um etwa Stahl klimaneutral zu produzieren, sind bekannt. Einerseits kann man Eisenerz mit Wasserstoff direkt reduzieren. Zum anderen treiben wir das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt Carbon2Chem voran und haben dafür in Duisburg eine Wasserelektrolyse-Anlage aufgebaut. Für die Herstellung von Wasserstoff, der fossile Gase ersetzt, brauchen wir Strom aus erneuerbaren Quellen, viel Strom. Da der in Deutschland durch das Umlagesystem so teuer ist, können wir derzeit eine grüne Stahlproduktion nicht wirtschaftlich betreiben. Das muss sich ändern, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen und technologisch bei der Entwicklung von grünen Technologien international führen wollen.

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Braucht es eine staatlich subventionierte Stahlindustrie in Deutschland?

Auf keinen Fall. Eine dauerhafte Subvention für Stahl halte ich für kontraproduktiv. Mit staatlichen Subventionen hat noch nie eine Industrie überlebt. Was wir aber benötigen, ist Unterstützung, um die Einstiegshürden für CO2-freie Produktion zu überwinden. Zum Beispiel starten wir jetzt bei unserem Projekt Carbon2Chem, mit dem wir Hüttengase auffangen und daraus Grundstoffe für die Chemie entwickeln, die zweite Stufe. Wir wollen nicht nur CO2-Emissionen im Stahl, sondern auch in anderen Industriebereichen vermeiden. Etwa in Zement- oder Müllverbrennungsanlagen. Das erfordert hohe Investitionen in die Forschung, und die sollte gefördert werden.

Sind unter diesen schwierigen wirtschaftlichen Umständen ihre selbst gesetzten Ziele, bis 2050 klimaneutral zu produzieren, überhaupt realistisch?
Genau daran arbeiten wir. Ziel ist es, mit neuen Technologien und Produkten, die wir aus Kohlenstoff produzieren, wettbewerbsfähig zu sein. Diese Ziele sind realistisch und helfen, das 2015 in Paris definierte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Das hat uns gerade auch die internationale Science Based Target Initiative (SBTi) bestätigt. Sie hat die Klimaziele von Thyssenkrupp als wissenschaftsbasiert anerkannt. SBTi überprüft die von Unternehmen definierten Ziele anhand neuester klimawissenschaftlicher Erkenntnisse. Bisher hat die Initiative erst 223 Unternehmen weltweit bestätigt. Wir gehören jetzt dazu. Im Vergleich zum Jahr 2018 wollen wir bis 2030 30 Prozent der Emissionen aus unserer eigenen Produktion und von Energie, die wir selbst beziehen, reduzieren. Außerdem wollen wir im Vergleich zu 2017 die Emissionen aus der Anwendung unserer Produkte durch den Kunden um 16 Prozent reduzieren.

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Das sind ambitionierte Ziele. Kauft Thyssenkrupp auch freiwillig Kohlendioxidzertifikate, um diese Klimaziele zu erreichen?
Nein. Diese Kompensationsgeschäfte mit Kohlendioxidemissionen sind sehr intransparent. Man muss genau hinschauen, in was man da investiert. Bevor wir in eine intransparente Aktivität investieren, die wir selbst nicht in der Hand haben, setzen wir lieber auf unsere eigenen Maßnahmen. Sollten wir 2050 unser Klimaziel nicht zu Hundertprozent erreicht haben, dann könnte ich mir vorstellen, dass wir in eine freiwillige Kompensation einsteigen. Das wäre aber das letzte Mittel, wenn einem technologisch nichts mehr einfällt. Doch davon sind wir weit, weit entfernt. Wir setzen auf unseren eigenen Beitrag. Und unser Ziel, auch die Treibhausgasemissionen bei unseren Kunden zu vermeiden, bietet uns ein großes Geschäftspotenzial. Kohlendioxid ist nicht nur ein Schadstoff, sondern wird zu einem Rohstoff, der uns neue Geschäftsfelder erschließt.

Wo und wie lassen sich mit Kohlendioxid neue Geschäfte machen, die dem Klima nicht schaden? 
Wir können unseren Kunden helfen, selbst klimaneutral zu produzieren. Beispiel: Zement- oder Müllverbrennungsanlage. Bei der Produktion von Zement etwa, fallen Kohlendioxidemissionen an. Und so ein Zementwerk hat eine Lebensdauer von bis zu 30 oder 40 Jahren. Wenn wir es also schaffen, eine Zementanlage für einen Kunden CO2-neutral zu machen, dann beeinflussen wird damit über Jahrzehnte die Emissionen von Treibhausgasen bei Kunden. Und damit sind wir ein interessanter Lieferant für solche Industrieanlagen.

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Und wie geht das?
In einer Zementfabrik zum Beispiel entsteht das meiste CO2 im sogenannten Drehrohrofen. Heute wird in so einen Ofen Luft geblasen. Unsere Idee ist, dafür reinen Sauerstoff zu nehmen, den wir selbst mittels Wasserstoffelektrolyse herstellen. Wir sparen uns damit den hohen Aufwand der Trennung verschiedener Gase. Das CO2 könne wir zusammen mit grünem Wasserstoff, der ebenfalls bei der Elektrolyse entsteht, weiterverarbeiten. Eine Zementanlage wird also zukünftig nicht nur Zement herstellen, sondern auch etwa Methanol.

Lohnt sich dieser Aufwand denn tatsächlich?
Natürlich. Wir haben jetzt schon Anfragen von Kunden dafür. Weltweit stehen die CO2-intensiven Industrien unter Druck, ihre Treibhausgase zu reduzieren – nicht nur in Deutschland. Wir verdienen mit der Umwandlung von Kohlendioxid in neue chemische Produkte Geld, weil wir dann erstens grünen Stahl verkaufen können. Aus den Hüttengasen können wir zweitens andere Gase wie Methanol oder Ammoniak herstellen, ein Basisstoff für Düngemittel. Wir wollen also Abfallstoffe in einer Branche als Rohstoffe in anderen Industriebereichen nutzen. Wir steigen mit diesen Prozessen in eine Kreislaufwirtschaft ein. Und nur die ist nachhaltig.

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